Spanien oder Italien: Wer verdient den Titel?

Feuer muss brennen, Wasser ist nass

Es ist die Gretchenfrage vor dem Finale: Wer hat den EM-Titel mehr verdient – Spanien oder Italien? »Spanien!«, sagt Alex Raack. »Italien!«, ruft Moritz Herrmann. Ein Pro & Pro zum Endspiel in Kiew.

Pro Spanien!
von Alex Raack


Ich muss zugeben: Auch ich habe mich während dieser Europameisterschaft dabei ertappt, das Spiel der spanischen Nationalmannschaft langweilig zu finden. Tiki-taka-schnarch. Ein scheinbar monotones Ball- und Kettengeschiebe, meistens in der Mitte des Platzes. Zuweilen wirkte das wie ein Flipperspieler, der die Kugel 90 Minuten lang im Spiel hält. Auch Perfektion nutzt sich eben irgendwann ab. Wir sind alle Gewohnheitstiere, wollen immer etwas Neues erleben. Vor allem von spanischen Auswahlfußballern. Gerecht wird man dem Welt- und Europameister damit natürlich nicht.

Denn der Fußball Spaniens ist noch immer unglaublich spektakulär. Jeder, der mal selbst gegen den Ball getreten hat, wird wissen, was für Fähigkeiten eine Mannschaft besitzen muss, um mit schnellen Doppelpässen Zuschauer und Gegner zu ermüden. Wir sprechen hier ja nicht vom deutschen Ballgeschiebe der frühen Nullerjahre, als sich Verteidiger, Torwart und defensiver Mittelfeldspieler den Ball in der eigenen Hälfte aus Sicherheitsgründen hin- und herpassten. Spanien geht Risiko und langweilig erscheint das nur deswegen, weil der Gegner dafür sorgt.

Jede Mannschaft in diesem Turnier, Italien eingeschlossen, hat sich gegen die spanischen Superfußballer zu einer Ultra-Defensivtaktik entschieden. Das bedeutet: Zehn bestens austrainierte Spieler verteidigen den eigenen Strafraum mit Mann und Maus, ein alleingelassener Stürmer soll irgendwie für Offensivaktionen sorgen. Was sollten die Spanier also tun? Ihre Spielphilosophie über den Haufen werfen und von der Mittellinie hohe Bälle in den Strafraum schlagen? Das Mittelfeld mit Xavi, Busquets und Iniesta einfach ignorieren? Dann dürfte Feuer nicht brennen und Wasser nicht nass sein. Spanien muss spielen, muss passen, muss verschieben. Muss Xavi und Iniesta den Ball geben. Weil sie es können und weil sie solche Spieler haben.

Seit die spanische Nationalmannschaft 2008 Europameister wurde, zelebriert sie ihren Tiki-Taka-Fußball. Dass wir das vor der Glotze manchmal langweilig finden, dafür kann Spanien ja nichts. Noch nie hat es in der jüngeren Geschichte des Fußballs eine Spielergeneration gegeben, die so konsequent und beständig gemeinsam einen Stil interpretiert. Die Stützen der Mannschaft heißen noch immer Casillas, Ramos, Xabi, Xavi und Iniesta. Und gerade das macht doch eine große Mannschaft aus – dass sie immer aus den gleichen Gesichtern besteht. Spanien wäre ein würdiger Europameister 2012 und ein würdiger Rekordhalter von drei hintereinander gewonnenen Turnieren: Weil es so eine großartige Mannschaft in der Geschichte des Spiels noch nie gegeben hat.


Pro Italien!
von Moritz Herrmann

Sollte Italien heute die Coupe Henri Delaunay in den Kiewer Nachthimmel stemmen, wäre das nicht nur gut für den Fußball, weil verdient, sondern noch dazu auch konsequent. Denn schon in der Vorrunde war die Squadra Azzurra das einzige Team, das einem Sieg über Spanien am nächsten kam. Die dargebotene taktische Brillianz beim Auftaktmatch paarte sich mit schnellen Kontern und bewies dem Kontinent, dass 1. mit Italien zu rechnen und 2. Spanien schlagbar ist. Natürlich, auch an den defensiven Rastern der Kroaten und Portugiesen lief sich der Ballbesitz der Spanier tot – aber nur Italien spielte mehr Torchancen als der Weltmeister heraus. Weder waren Prandellis Mannen nur auf Zerstörung aus, so wie die dauergrätschenden Portugiesen, noch in vorauseilendem Gehorsam gelähmt, so wie das klägliche Frankreich im Viertelfinale.

Im Falle eines italienischen Titelgewinns muss dieser auch mit dem System erklärt werden. Als Italien wider die Trends des Fußballs auf eine Dreierkette setzte, dürfte sich so mancher Sportfachhochschulabsolvent panisch an die Hornbrille gegriffen haben – und Jürgen Kohler gerührt ans Herz. Drei Verteidiger anno 2012? Frevelte das nicht dem fußballerischen Fortschritt? Nein! Die Phalanx um de Rossi, Bonucci und Chiellini bewies, wie modern Nostalgie sein kann. Hart gegen den Gegner, noch härter gegen sich selbst. Natürlich nehmen sich offensive Aktionen in der Regel spektakulärer aus, aber de Rossis bärtige Tackles, Bonuccis Kopfballduelle und Chiellinis hakennasige Zweikampfwucht waren auch defensiv ein Spektakel.

Eigentlich muss Italien schon gewinnen, um all den moralisierenden Pseudogutmenschen und Fanmeilern, die sich in kleinkarierter Vorhersehbarkeit seit Turnierbeginn über den Manipulationsskandal echauffieren, das Wasser abzugraben. Ja, es gab wahrscheinlich schmierige Absprachen auf dem Calcio, und ja, mit Domenico Criscito wurde sogar ein Nationalverteidiger aus dem Quartier in die U-Haft eskortiert – doch taugt das Getöse nicht, eine ganze Mannschaft unter Generalverdacht zu stellen oder antiitalienische Neigungen rauszuhassen. Die Akteure der Squadra sind, sofern überhaupt von der Staatsanwaltschaft gelistet, unschuldig bis zum Beweis der Schuld. Im Zweifelsfalls nötigt es Respekt ab, dass eine Mannschaft widrigen Untergangsszenarien (außerdem: Erdbeben und Verletzungspech) zum Trotz durch das Turnier marschiert. Wer mit dem Rücken zur Wand steht, braucht eine breite Brust.

Und so wäre Italien also ein verdienter Europameister, auch weil es seine Hymne so laut und leidenschaftlich schmettert wie kein anderes Team. Weil mit Riccardo Montolivo doch noch ein Deutscher die Hand an die Silberware bekäme. Weil sich mit Mario Balotelli der aufregendste Stürmer der Euro endgültig zum Star krönen könnte. Weil die Larmoyanz von Andrea Pirlo veredelt gehört – mit seinen Pässen, Elfmetern und Freistößen konterkariert der Methusalem die Gesetze der Physik: Trägheit kann so schnell sein. Der Titel für Italien wäre verdient und gut, weil niemand schon wieder den enervierenden Klassensprecherfußball der Spanier gewinnen sehen wollen kann – sonst agiert bald jede Mannschaft im 4-6-0 ohne Spitze und die Spiele enden kollektiv 0:0 oder 1:0. Es ist schließlich auch dem Trainer, Cesare Prandelli, zu gönnen. Der italienische Gentleman mit der bewegenden Lebensgeschichte wagte den Um- und Stilbruch, pilgerte nach Siegen bei Nacht ins polnische Kloster – und ist so eines der Gesichter dieser EM.

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