21.07.2013

Soula Aleyridou, Bordellchefin und Fußballunternehmerin

Die Liebe der Puffmutter

Soula Aleyridou führt zwei Bordelle, wählt die Kommunisten und ist Hauptsponsorin des griechischen Provinzklubs FC Voukefalas. Willkommen in der Welt von Madame Soula.

Text:
Alexandre Pedro
Bild:
Angelos Tzortzinis

»Wissen Sie, ich habe hier schon die ›New York Times‹ und die BBC gehabt. Sie kommen allerdings nicht wegen des Fußballs. Nicht, dass unsere Spieler gar nichts könnten, aber Chelsea sind sie nun nicht gerade«, sagt Nikos, der ein Spaßvogel ist und Herr über die Schlüssel einer Sportanlage an der Ausfahrtstraße von Larisa. Dort trainiert zweimal die Woche der FC Voukefalas. Oder besser gesagt: Dort versucht der FC Voukefalas zweimal die Woche zu trainieren. An diesem Frühlingstag haben nämlich nur acht Spieler ihre Hintern auf den ausgetretenen Rasen geschleppt. Sie warten eine Stunde auf Verstärkung, vergeblich. Dann lässt die Mannschaft das Dehnen sein und fängt wieder mit dem Zigarettendrehen an. »Wir können nicht mal Fünf gegen Fünf spielen, lasst uns lieber nach Hause gehen«, seufzt Joseph, der Stürmer.

20 Teams auf acht Übungsplätzen

Es ist nicht einfach, die Leute hier unter der Woche um 16.30 Uhr zu versammeln, wenn sich in Folge der Staatspleite jeder nur mit zwei oder drei Jobs über Wasser halten kann. Aber andere Trainingszeiten sind nicht drin. Voukefalas vegetiert in der sechsten griechischen Liga vor sich hin und muss mit denen klarkommen, die von der Stadtverwaltung zugeteilt werden. »Wir sind hier ungefähr zwanzig Mannschaften, die sich acht Übungsplätze teilen«, seufzt Joseph noch einmal auf, bevor er in seinen schrottplatzreifen grünen Polo steigt.

Alles in allem gibt es hier also eigentlich nichts, was die ›New York Times‹ interessieren könnte, die im letzten Herbst aber wirklich einen Reporter geschickt hat. Außerdem mussten Joseph und seine Mannschaftskameraden reihenweise Interviews geben. Es waren derart viele, dass die Viertelstunde unerwarteten Ruhms beim FC Voukefalas nicht ohne Auswirkung auf die Ergebnisse blieb. »Ich verstehe mittlerweile, warum die großen Klubs so sehr darauf achten – diese ganze mediale Aufmerksamkeit hat dazu geführt, dass wir kaum noch ein Spiel gewonnen haben«, sagt Giannis Batziolas, Präsident und zugleich Ersatztorhüter (»Unser Stammtorhüter spielt sehr viel stärker als ich«). Der Grund für die Unruhe mag in Krisenzeiten verwundern, aber beim FC Voukefalas gab es einen Geldgeber, oder genauer: eine Geldgeberin.

Einige Monate nach dem Ausbruch der dramatischen Wirtschaftskrise in Griechenland wurde den Amateurklubs 2010 der Geldhahn zugedreht. »Eigentlich stehen uns pro Jahr 3000 Euro zu, doch in den letzten drei Jahren haben wir von der Regierung keinen Cent mehr gesehen«, beschwert sich Giannis. Eine Zeit lang hat der Präsident, im normalen Leben Inhaber eines Reisebüros, die Auslagen des Klubs von rund 10 000 Euro pro Saison aus eigener Tasche beglichen. Dann hat die Krise auch sein Unternehmen erwischt. In einem Land, in dem Rentner alle medizinischen Kosten selbst aufbringen müssen und es für Schüler keine Schulbusse mehr gibt, hat eine Urlaubsreise nicht gerade oberste Priorität. Also begannen sie, sich nach einem Mäzen umzuschauen, schließlich hatte ein Verein in der näheren Umgebung bereits einen Bestatter als Sponsor gewinnen können. Also machte Giannis der Vertreterin einer anderen krisenfesten Branche seine Aufwartung. Er ging zu Soula Aleyridou, die unter dem Künstlernamen »Madame Soula« in Larisa zwei Bordelle führt, die ihr selbst gehören.

»Ich bin dazu auserkoren, ein Bordell zu führen.«

Larisa liegt drei Autostunden nördlich von Athen, hat 200.000 Einwohner und besticht nicht auf den ersten Blick durch seinen Charme. An einem solchen Ort geht jemand wie Soula nicht unbemerkt ihrer Wege. Gedrungene Gestalt, grau-metallische Kurzhaarfrisur, zählt die androgyne Puffmutter mittlerweile 67 Jahre. Der ehemaligen Prostituierten, die ihre Zigaretten der Marke Vogue fast nie aus der Hand legt, gehören die »Villa Erotica« und das »Haus Eros«. »Prostituierte zu sein, prägt dich für dein ganzes Leben«, sagt sie. Eine Zeitlang hatte Soula Aleyridou versucht, etwas Anderes zu machen. Sie hat in ein Textilunternehmen investiert und dann in ein Lebensmittelgeschäft, verlor dabei aber eine Menge Geld. »Da habe ich mich den Tatsachen gestellt: Ich bin einfach dazu auserkoren, ein Bordell zu führen.«

Madame Soula empfängt Besuch bei sich zu Hause, am Rande eines städtischen Erschließungsgebiets. Man kann von dort aus auf den Parkplatz vorm »Haus Eros« schauen und muss die Ohren nicht spitzen, um den Lärm der Autobahn zu hören, die nach Saloniki führt. 2011 aus dem Boden gestampft, offenbart Soulas Zuhause eine Vorliebe für Marmor und hinsichtlich der Dekoration für eine besondere Form der Ökumene. Jedenfalls fallen von den Christusporträts begehrliche Blicke auf kurvenreiche Pin-up-Figuren.

Soula trat im letzten Herbst gerade in dem Moment ins Leben des Klubs, als der FC Voukefalas, der übrigens nach dem Pferd Alexanders des Großen benannt wurde, dabei war, sein dreizehntes Saisonspiel in Folge zu verlieren. Sie störte das nicht, vielmehr erhörte sie Giannis, weil sie einem ihrer zahlreichen Freunde einen Gefallen tun wollte. »Der Vater eines Spielers hatte mir von der schwierigen Lage des Klubs erzählt, und ich bin eine Frau mit wenigen Bedürfnissen. Außerdem liebe ich den Gedanken, dass mein Geld anderen Leuten hilft, und ich liebe Fußball«, sagt sie. Als Gegenleistung für die von ihr bezahlte Liebe wird sie bald zur Ehrenpräsidentin gekürt. In ihrer persönlichen Ruhmeshalle des Fußballs stehen übrigens Schlitzohr Giorgos Karagounis und Dimitrios Salpingidis, die Angreifer von PAOK, ihrem Lieblingsklub. Denn in Saloniki hat Soula ihre Jugend verbracht.

»Wir Huren sind wie Schauspielerinnen«

Dort hat sie sich zwischen dem 24. und 56. Lebensjahr auch dem verschrieben, was man oft schamhaft als »ältestes Metier der Welt« bezeichnet. Einen Beruf, der ihr das in ihren Augen Wesentliche brachte: ihre Freiheit. »Ich hatte niemals einen Zuhälter«, erklärt sie stolz. Sie hat bei der Arbeit sogar ihren zweiten Mann kennengelernt. Aber die Beziehung zu dem ehemaligen Freier war nicht von langer Dauer. »Ich bin eine zu unabhängige Frau, um mit einem Mann zusammenleben zu können.« Kennen tut sie die Männer natürlich trotzdem gut. »Wir Huren sind wie Schauspielerinnen: Wir können uns sehr gut auf unseren jeweiligen Partner einstellen.«

 
 
 
 
 
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