Sorge um den FC Bayern München

Die Tränen des Udo

Diese Saison des FC Bayern war mies. Schlimmer war die Situation wohl nur im Jahr 2009. Der FC Bayern ging 0:4 bei Barca unter, Klinsi flog, Hoeneß war gelähmt. Und plötzlich spürte Dirk Gieselmann Mitleid mit dem Branchenprimus. Sorge um den FC Bayern München

Man sah das Unheil kommen, aber zu seiner wahren Gestalt erhob es sich erst im Laufe der 90 Minuten. Mit 4:0 schlug der FC Barcelona den amtierenden Deutschen Meister Bayern München – in einer Manier, in der wenige Bundesligisten einen Oberligisten auseinander zu nehmen verstanden hätten.

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Oddo gegen Henry, Lell gegen Messi, Breno gegen Eto’o – allenthalben ähnelte das Bayern-Team einer Freizeitmannschaft, die die Teilnahme an diesem Viertelfinale bei einer Tombola gewonnen hatte. Technisch, darauf war man gefasst, waren die Spanier um Welten besser. Erschreckend indes war die puddingartige Physis, mit der die Bayern über den Platz waberten. Nicht selten bezogen Messi, Iniesta und Xavi sie einfach als Prellflächen in ihre Kurzpassstafetten mit ein.

Die Scham, sich geschämt zu haben

So kam es, dass der neutrale Beobachter ein neues Gefühl in sich erspürte: Mitleid mit dem Rekordmeister. Mitleid will man mit kleinen ahnungslosen Kaninchen haben, die noch nichts von der Schlange ahnen, die sie gleich tot beißt. Aber nicht mit dem Repräsentanten Deutschlands beim Hochamt des europäischen Fußballs. Und so schlug das Mitleid in Scham um und schließlich in Scham, sich geschämt zu haben.

Es war ein entsetzlicher Abend. Dabei gewesen zu sein hatte, im Gegensatz etwa zu der 1:2-Niederlage gegen Manchester United vor zehn Jahren, rein gar nichts Heldenhaftes. Es ist ein Makel in der Biografie jedes Einzelnen. Und so weinte Ribéry an der Schulter seines Landsmanns Henry wohl auch über seinen in den Keller gekrachten Marktwert.

Tränen sollen auch bei Udo Lattek geflossen sein. Karl-Heinz Rummenigge hatte sie im Flutlicht des Camp Nou glitzern sehen. Wenn der Altmeister keinen Zug bekommen hat und wirklich traurig war, dann wohl nicht nur über dieses Spiel und das sehr wahrscheinliche Ausscheiden, sondern den sich anbahnenden Niedergang einer ganzen Dynastie.

Seit Latteks glorreichen Zeiten als Trainer ist der Verein von der Generation der 74er-Weltmeister geprägt. Beckenbauer, Maier, Breitner auf seine eigene Weise, vor allem natürlich Hoeneß und später Nesthäkchen Rummenigge lenkten den Verein über Dekaden. Doch eingelullt durch ständige Weißbierduschen im monotonen Einerlei immer langweiliger werdender Deutscher Meisterschaften bei gleichzeitig ausbleibenden Euphorieschüben auf europäischer Ebene ließen sich die Herren im Sommer letzten Jahres dazu hinreißen, die Pfade der mediokren Erfolgsstrategie zu verlassen. Sie taten etwas Verrücktes, so wie Männer jenseits der Fünfzig es tun, wenn die Jugend verblasst: Sie kauften sich einen Porsche. Sie kauften sich Jürgen Klinsmann.

Über Uli Hoeneß’ Feixen, den hassgeliebten Medien ein Schnippchen geschlagen zu haben, indem er gerade den Trainer holt, mit dem sie am wenigsten rechnen, kann man nur spekulieren. Klinsmann jedenfalls gab dem Affen Zucker: Er machte alles neu. Was das Innovationsgepränge anbelangt, war der FC Bayern schon Weltmeister. Dass Hoeneß darüber vergessen hat, sich Gedanken über die tatsächlichen Fähigkeiten des Trainers Klinsmann zu machen, ist spätestens jetzt evident: Raus aus dem DFB-Pokal, raus aus der Champions-League, eine Meisterschaft, die bestenfalls mit Ach und Krach beendet werden kann.

Und schlimmer noch: »Jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen« – dieses Ziel, das sich Trainer Jürgen Klinsmann vor der Saison gesteckt hat, hat er längst verfehlt. Ehemalige Leistungsträger wie Bastian Schweinsteiger und Martin Demichelis wirken gehemmt, staksig, melancholisch. Die Hoffnungsträger Poldi, Breno, Kroos: demontiert, überschätzt, ausgeliehen. Selbst jener Ribéry, der sich in der Weltklasse wähnt, wirkte gestern Abend neben Messi, Iniesta und Xavi eindimensional, unflexibel und harmlos. Michael Rensing so kurzfristig zu degradieren und stattdessen Jörg Butt ins Tor zu stellen, war von Klinsmann vielleicht als psychologisches Fanal gedacht (auf eine rein sportliche Niveausteigerung kann er nicht ernsthaft gehofft haben), sorgte aber unter dem Strich bloß für ein Problem mehr im dicken Schwarzbuch seiner erst neunmonatigen Amtszeit.

Angesichts dessen erkennen die Bayern-Honoratioren nun, dass sie nach ihrem Tigersprung aus der Midlife-Crisis im Nichts gelandet sind. Doch das Projekt Klinsmann in Frage zu stellen oder gar abzubrechen würde bedeuten, esoterische Heilserwartung und einen Riesenbatzen Naivität einzugestehen. Ohnehin: Für die fällige Abfindung, die Klinsmann und sein voluminöses Assistententeam kassieren würden, müsste Hoeneß weit über seine Amtszeit hinaus stricken.

Und wer sollte dann kommen? Wer würde das ziellose Projekt Klinsmann weiterführen wollen? Klopp und Rangnick, beide einst heiß gehandelte Kandidaten, dürften wenig Lust verspüren. Hitzfeld kommt kein zweites Mal zurück, verfolgt lieber aus der Distanz, wie seinem Schaffen endlich der nötige Respekt zuteil wird. Mirko Slomka wäre noch frei. Naja.

Das ist Spekulation. Doch noch unklarer ist, um welchen Arbeitgeber es hier überhaupt geht. Was tut Beckenbauer? Patrick Wasserziehr entließ ihn gestern im Premiere-Studio geschickt aus seiner Expertenrolle und befragte ihn plötzlich als Bayern-Präsidenten. Beckenbauer merkte: Nun wird’s ernst – ein Klima, in dem er sich nicht wohl fühlt. Informationen schienen ihm zu fehlen, Kompetenz auch, und so aalte er sich aus dem Statement, ohne Klinsmann den Rücken zu stärken. Was wird aus Hoeneß? Tritt er wirklich 2010 ab – und überantwortet den Verein, den er gebaut hat, der Anarchie? Welche Strategie hat Rummenigge, außer auf die ungerechte Verteilung der TV-Gelder und Latteks Tränen zu verweisen?

Im Regen dieser Tränen stehen sie nun allesamt. Wird der Rekordmeister je zu seiner aufgeblasenen Arroganz zurück finden? Seltsam gelähmt wirken sie, selbst Hoeneß, der Wüterich vom Dienst. Vor zehn Jahren, nach der Mutter aller Niederlagen, schworen Männer wie Effe und Kahn, den Titel nun erst recht zu holen. Doch der FC Bayern 2009 ist weit entfernt von einer historischen Wiedergutmachungsleistung. Die Kraft für eine Zäsur, einen Neuanfang so kurz nach dem Neuanfang, scheint niemand zu haben.

Für 16:00 Uhr soll eine außerplanmäßige Pressekonferenz anberaumt worden sein. Wer behauptet, dass der FC Bayern dann seine Auflösung bekannt gibt, hatte noch nie so gute Chancen, nicht ausgelacht zu werden, wie heute.

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