Sommerfest ohne Berggorillas

Zu Besuch beim Berliner Derby BFC vs. Union

Hooligans und tollwütige Nazis – vor dem Spiel BFC Dynamo gegen Union Berlin befürchteten Schwarzseher eine 90-minütige Hauerei mit Fußball als Beiwerk. Natürlich kam alles anders. Ein Erlebnisbericht vom Berliner Derby. Sommerfest ohne Berggorillas

Das Wetter ist beschissen. Aber soll daran etwa auch der BFC schuld sein? Fast möchte man meinen, dass diese bulligen Jungs mit den harten Gesichtszügen auch in der Lage wären, den abendlichen Himmel über dem Berliner Jahnsportpark mit finsteren Wolken zuzuziehen. Dann die Erkenntnis des Nebenmannes: »Scheiß Wetter, ist ja wie in Hamburg.« Immerhin: Mit dem Nieselregen hat der BFC Dynamo an diesem Tag nichts zu tun.

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Freitagabend in Berlin. Der BFC Dynamo empfängt Union Berlin. Ein echtes Stadtderby mit langer Tradition. Zu DDR-Zeiten trennten beide Vereine tiefe Gräben. Weil der BFC auf seiner Ehrentribüne Stasi-Chef Erich Mielke sitzen hatte und deshalb nicht zu Unrecht als Klub der Staatssicherheit und Polizei verschrien war und weil die Berliner im letzten Jahrzehnt der DDR einfach jede Meisterschaft gewannen, hatten der Klub und seine Fans bald keine Freunde mehr. Schon gar nicht im Berliner Stadtteil Köpenick, wo seit jeher Union Berlin regiert. Regelmäßig bekamen die Unioner auf dem Platz den Hintern versohlt und um diese Ungleichheit auszugleichen, verkloppten Union-Fans BFC-Anhänger. »Die haben uns schon bei den FDJ-Veranstaltungen verhauen. Irgendwann haben wir zurückgeschlagen«, erinnert sich am späten Freitagabend einer, der schon in den siebziger Jahren Teil der Ost-Berliner Fußball-Rivalität war. Kein Wunder, dass sich am gegenseitigen Hass beider Lager bis heute nicht viel geändert hat.

»Stadtderby mit Schwachköpfen« – Frank Willmann über das Derby >>

BFC gegen Union, das hört sich noch immer an wie großer Fußball. Ist es aber nicht mehr. Der BFC, einst fester Bestandteil im Klassenkampf von Europas Spitzenvereinen, spielt inzwischen in der Oberliga Nordost, fünfte Liga. Hinter dem Gegner aus Köpenick steht eine II. Die erste Mannschaft von Union spielt zwar zeitgleich nur 15 Kilometer entfernt gegen den VfL Osnabrück, sportlich trennen die alten Feinde allerdings Welten. Union Berlin spielt in der zweiten Bundesliga und das Berliner-Derby findet längst nicht mehr im Jahnsportpark statt, das Berliner Derby ist jetzt Hertha gegen Union. 74.000 Zuschauer, ausverkauftes Olympiastadion. Eigentlich hätte man sich beim BFC schon längst neue Feinde suchen müssen.

BFC-Fans schmieren sich kleine Kinder auf die Stulle

Weil aber nun mal trotzdem Derby ist und allein die Erinnerung an die goldenen Zeiten vor mehr als 20 Jahren der geschundenen Fanseele gut tut, sind fast 2800 Menschen gekommen, um sich in Prenzlauer Berg selbst zu feiern. Viele, die hier Bratwurst und Bier durch Gegend balancieren, würden rein optisch in den meisten Bundesligastadien für Angst und Schrecken unter den Langnese-Familienblock-Besuchern sorgen. Der BFC Dynamo hat spätestens seit den regelmäßig wüsten Ausschreitungen in der Jahren der Wiedervereinigung einen miserablen Ruf in der Öffentlichkeit. Nazi-Schläger, alle miteinander. Bösartige Hooligans, die sich in ihrer Freizeit kleine Kinder aufs Brötchen schmieren, sowieso. Vor Jahren warf das SZ-Magazin der Süddeutschen Zeitung mal ein Themenheft mit dem Titel »Mutprobe« auf den Markt. Ein Redakteur »traute« sich tatsächlich zu einem Heimspiel des BFC in dessen eigentliche Heimat Sportforum Hohenschönhausen. Nach der Lektüre seiner Beobachtungen musste man davon ausgehen, dass Dynamos Anhänger vollständig aus wilden Berggorillas und mies gelaunten Wirtshausschlägern bestünden.

Und das hier sind die Gesichter, die zu diesem Ruf passen: Tätowierte Schränke, langhaarige Bud-Spencer-Typen, kahl rasierte Zehnkämpfer mit Camouflage-Jacken. Lässt man den Blick durch die Zuschauerreihen schweifen, dann erscheint die Idee, man sei auf einer Weihnachtsfeier von Berlins Türsteherszene gelandet, gar nicht so abwegig. Ehrlich gesagt, auf einer Hochzeit würde man sich eine andere Gesellschaft wünschen. Aber das hier ist Fußball, Stadtderby in der fünften Liga noch dazu, und dazu passt dieses Tribünenvolk so gut wie leckeres Bier in Plastikbechern. Vielleicht hat der SZ-Redakteur auch einfach einen schlechten Tag erwischt. Der Freitagabend im Jahnsportpark verläuft jedenfalls so friedlich wie ein Sommerfest der Süddeutschen Zeitung.

»No one likes us, we don´t care« – das Motto der BFC-Fans

Was nicht heißen soll, dass sich inzwischen nur noch lammfromme Stadionmönche zu den Spielen vom BFC bewegen. Der Klub hat das Image des guten alten »No one likes us, we don´t care« längst in die weinroten Vereinsfarben integriert. Hier treffen sich erwachsene Männer, die früher die wilden Jungs der Hauptstadt waren, und ganz sicher findet man auf den Tribünen vom BFC mehr Menschen mit rechten Überzeugungen als bei Rot-Weiss Oberhausen. Das muss man nicht toll finden. Man muss es dem Verein allerdings auch nicht jede Woche unter die Nase reiben.

Das Spiel endet 0:1. In Köpenick ist derweil die zweite Bundesliga um ein wildes 3:3 reicher. Kurz nach dem Abpfiff im Jahnsportpark hört der Nieselregen auf. Auf dem Grill brennen die letzten Würstchen an. Die zehn Union-Fans auf der anderen Seite des Stadions sind bereits auf dem Heimweg. »Wie sollen die nur heile nach Hause kommen?«, fragt einer und lacht. Ein letzter grober Witz, dann endet der Abend in der nahen »EMPOR-Sportsbar«. Auf dem Weg zur Bahn kommen mir fünf BFC-Fans entgegen. »Kiek mal, ein Unioner!« Niemand reagiert. Ich komme gerne wieder.

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