16.07.2013

So lief das Trainingslager des FC St. Pauli: Ein Tagebuch von Fabian Boll (1)

»Ich weine mich in den Schlaf!«

Seite 3/4: Guns 'n Roses (Tag 3)
Text:
Fabian Boll
Bild:
Imago

TAG 3
 
Gestern noch auf die Schnelle ein Brainstorming mit der zwölfköpfigen Task-Force »Weckdienst-Mafia« einberufen! Nach stundenlangem Gedankenaustausch einen in meinen Augen genialen Plan ausgetüftelt. Ergebnis: Hörer vorm Schlafengehen einfach neben das Telefon legen! Es geht doch nichts über kreative Denker in den eigenen Reihen. Und das Beste daran: Es funktioniert auch noch!
 
Haben wir tatsächlich erst den dritten Tag? Erst ein Blick auf den Kalender hilft uns ansatzweise auf die Sprünge. Es dürfte zumindest Juli sein, ist die einhellige Meinung, was einige jedoch unter Verweis auf das zeitweilige Wetter bis zum Schluss vehement bestreiten!

Der Baywatch-Zeugwart
 
Das Highlight (ach, sorry: »Schmankerl«) des Trainings ist unsere Torhüter-Kombo, die zwei Bälle beim Torschuss über den Fangzaun jagt und zielgenau im angrenzenden Fluss versenkt! Das war zunächst noch nicht so spektakulär (obwohl: das muss man bei der Höhe des Fangzauns auch erst einmal schaffen), aber der darauffolgende Versuch, zumindest den ersten Ball noch unter Einsatz ihres Lebens irgendwie aus den reißenden Fluten zu bergen, war das Eintrittsgeld (im Freibad) schon wert!
 
Die Gesichtszüge unseres Zeugwarts Siggi K. (der Meister der Bälle) entgleisen darüber hinaus zusehends, als er die Flugkurve des Balles verfolgt, bis er letztlich im Wasser aufschlägt. Während unsere »Greifer« allerdings beim zweiten Ball schon zeitig das Tempo rausnehmen und folglich sogar ganz aufgeben sowie sich in Gedanken bereits von diesem Geschoss verabschieden, will Siggi K. nochmal alles raushauen, was geht, um zumindest den zweiten Ball zu retten!
 
»Ich wollte nochmal alles raushauen, was geht, um zumindest den zweiten Ball zu retten!«, diktiert er später den Medienvertretern in ihre Notizblöcke! Ein Teufelskerl! Ich schwöre, ich habe einen 59-jährigen noch nie so schnell sprinten sehen.
 
Woran erinnerte mich Siggi in seinem roten Funktionsteam-Shirt dabei bloß? Ich weiß: es fehlte eigentlich nur noch die passende Baywatch-Boje, um das Gesamtbild abzurunden!
 
Guns 'n Roses? Nie gehört!
 
Vor dem Mittagessen dann noch eine kurze Besprechung zum Spiel heute Abend gegen den österreichischen Pokalsieger und damit Europa-League-Vertreter aus Pasching.  Im Besprechungsraum läuft zunächst noch ein wenig Musik: Guns 'n Roses, »November Rain«. Schulle (Timo Schultz, Co-Trainer) nutzt die günstige Gelegenheit für ein kleines erheiterndes Quiz. Aufgabestellung: »Nennen Sie bitte Interpret oder wahlweise den Song-Titel.« Was sich nun abspielt, ist ein wahres Dilemma! Erheiterung? NEIN, zumindest nicht bei mir!
 
18 der 25 im Raum anwesenden Personen haben nicht den blassesten Hauch einer auch nur ganz leisen Ahnung (um es mal gemäßigt auszudrücken)! Bei einigen schrubben sich die Synapsen zwar 'nen Wolf, aber letztlich ebenfalls ohne zufriedenstellendes Ergebnis! Die meisten haben dieses Lied ohnehin noch nie gehört.
 
Der Raum hängt voller Fragezeichen. Ich gucke verschämt auf den Boden und nehme alle Kraft zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen! »Ist das überhaupt Musik?«, wird dann auch noch überflüssigerweise gefragt. Aber Jungs. Hauptsache wir hören vor dem Spiel in der Kabine immer Musik wie im Autoscooter!

Ich weine mich in den Schlaf!
 
Um die Situation noch einigermaßen zu entschärfen, fragt Schulle schnell noch, ob denn bekannt sei, dass Deutschland mal zweigeteilt war. Kurzes aufgeregtes Getuschel in der Runde, dann nicken einige – wenngleich etwas fragend und irritiert schauend. Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten. Was mache ich hier?
 
Ernüchtert geht's zum Mittag und dann aufs Zimmer. Ich weine mich in den Schlaf!
 
Danach geht es dann zum Test nach Pasching! Nach 160 km und über zwei Stunden Busfahrt schäle ich mich und meinen Muskelkater aus dem Bus. Das Spiel ist in erster Linie ein Kampf gegen sich selbst! Vielleicht hätte ich den Bussitz nicht mit aufs Feld nehmen sollen. So fühle ich mich zumindest, als der Schiri zum Anpfiff ins Horn bläst. Letztlich langt es aber doch noch zu einem 0:0 (0:0) der besseren Sorte, wobei wir auch durchaus hätten gewinnen können! War eigentlich ganz ordentlich das Spiel, aber ob diese 90 Minuten meinem körperlichen Wohlbefinden entgegenkamen, wird sich wohl erst morgen beim Aufstehen zeigen.
 
Ich befürchte aber, das Gegenteil wird eintreten!
 
Ach übrigens: übermorgen geht's dann geschmeidige 120 Kilometer nach Burghausen. Ich kann es kaum erwarten. Einfach toll diese Busfahrten...

 
 
 
 
 
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