16.07.2013

So lief das Trainingslager des FC St. Pauli: Ein Tagebuch von Fabian Boll (1)

»Ich weine mich in den Schlaf!«

Seite 2/4: Die Weckdienst-Mafia (Tag 2)
Text:
Fabian Boll
Bild:
Imago

TAG 2

Der Wecker klingelt heute erst um 8:15 Uhr! Das ist ja fast wie ausschlafen, dachte ich zunächst. Was ich allerdings nicht wusste: Der hoteleigene Weckdienst startet mit dem Rundruf aufs Zimmertelefon bereits um 7:35 Uhr! Danke dafür. Ist ja schließlich nicht so, dass hier jede Sekunde Schlaf zählen würde, um sich durch die unzähligen Einheiten zu manövrieren!
 
In Husum (beim vorigen Trainingslager, d. Red.) kam das zwar auch ab und an mal vor, aber das war eher unproblematisch, da das Zimmertelefon direkt neben dem Bett stand. Da reichte dann also ein kurzes »Anlupfen« des Hörers im Halbschlaf, um wieder seine Ruhe zu haben! Um nun aber genau dem Unterfangen entgegenzuwirken, hat sich ein schlauer Mensch von der österreichischen Weckdienst-Mafia (anders kann ich es mir nicht erklären) gedacht, dass er die Telefonbuchse genau in die Ecke des Zimmers installiert, die am weitesten von meinem Bett entfernt ist.
 
»Die beruhigen sich irgendwann wieder!«
 
Nach den ersten fünf Mal Klingeln dachte ich zunächst noch: »Ach komm, die beruhigen sich irgendwann wieder!« Aber der Weckdienst ist hier echt hartnäckig! Ich meine, ausgemacht zu haben, dass das Telefon ab dem zehnten Klingeln trotz Kissen überm Kopf etwas an Fahrt aufgenommen hat und auch im Unterton langsam aber sicher aggressiver wurde. Deswegen entschloss ich mich nach dem 15. Klingeln spontan dazu, quer durchs Zimmer zu schlurfen und den Hörer abzuheben. Man will ja dem oder der Anrufenden letztlich auch mal selbst seinen Respekt für dieses Durchhaltevermögen auf Champions-League-Niveau zollen!
 
Wer nun aber denkt, man wird bei Gesprächsannahme am anderen Ende der Leitung von einer netten Dame mit engelsgleicher Stimme begrüßt und gefragt, ob man gut geschlafen hätte, ob man bereit für einen sorgenfreien und erfolgreichen Tag sei oder ob frische Brötchen nebst duftendem Kaffee ans Bett gebracht werden dürfen, der kennt die hiesige Weckdienst-Mafia aber schlecht!  Es gibt als Guten-Morgen-Gruß lediglich ein dumpfes und monotones »Tuut, Tuuuut, Tuuuuuuuut«! Na herzlichen Dank! Kann ein Tag schöner beginnen? Eher nicht.
 
Wendeläufe frei nach Sepp Herberger
 
Zum Training: Was soll ich Euch sagen? Timo R. hatte an der Einheit seine helle Freude. Mehr dazu bedarf es eigentlich schon nicht, aber zum besseren Überblick in Kürze:
 
Kraftübungen gepaart mit Sprints und Wendeläufen frei nach Sepp Herbergers Kicker-Almanach von 1954 »Meine schönsten Laufübungen« . Zum Abschluss gab's für die ohnehin schon aufgepumpten Propeller noch ein gepflegtes Vier-gegen-vier-Turnier auf zwei unterschiedlich großen Feldern gratis oben drauf!
 
Zumindest gewinnt meine Truppe mit Halste (Marcel Halstenberg, Abwehr, d. Red.), Okan (Okan Kurt, Mittelfeld, d. Red.) und jeweils einer Person aus der spielfreien Mannschaft in überzeugender Art und Weise mit einem Punkt Vorsprung! Der Hauptgewinn: Wir durften heute Abend als erstes zum Buffet! WOW! Früher gab's auch mal 'nen freien Morgen! Naja, der Schulle (Timo Schultz, Co-Trainer, d. Red.) ist jetzt halt auf die »dunkle Seite der Macht« gewechselt. Er hat sich irgendwie verändert, denke ich mir meinen Teil.
 
Zu allem Überfluss war während des Trainings erstaunlich gutes Wetter, was konsequenterweise bereits nach wenigen Minuten die ersten Freibad-Freunde »von drüben« auf den Plan rief. Zwar nicht mit Pommes und Cola bewaffnet – das wäre ja auch etwas zu viel des Guten, morgens um 10:30 Uhr - aber ein Eis durfte es dann schon sein!  Ach, sei es ihnen gegönnt! Ich wäre genauso.
 
Nach circa zwei Stunden und 15 Minuten war die Einheit dann auch schon zu Ende! Durch nur eine Trainingseinheit wird der gestrige Schulterschluss mit Timo R. also quasi mir nichts dir nichts ad absurdum geführt! Und ich hatte so sehr gehofft, es könnte sich mehr zwischen uns entwickeln.
 
Nach dem Training dann noch kurz eine Abkühlung in den reißenden Fluten des angrenzenden und wirklich sehr kalten Flusses mitgenommen und dann war auch schon wieder Mittag und Kissenabdruck im Gesicht angesagt!
 
Nach'm Aufstehen und Anziehen der Trainingssachen kurz gewundert, wer die Steine eingenäht hat! Das Aufstehen fällt nach heute morgen tatsächlich schwer! Timo R. hat wirklich ganze Arbeit geleistet...

»Höhentrainingslager« neben der Reeperbahn
 
Oder liegt es an der Höhenluft hier? Kann eigentlich nicht sein. In weiser Voraussicht – um uns an die Bedingungen hier vor Ort zu gewöhnen – hatten wir am Wochenende vor der Abreise nämlich noch extra ein mannschaftsinternes (nächtliches) »Höhentrainingslager« am Hamburger Berg anberaumt! Es scheint – warum auch immer – seine Wirkung verfehlt zu haben!
 
Zum Nachmittags-Balltraining ging es dann mit dem Bus ins etwas weiter entfernte Schladming zum dortigen Sportplatz. Grund: bessere Platzverhältnisse! Zunächst hieß es noch wir bewältigen die Strecke mit dem Rad! Aber aus Respekt vor Mr. Pink kann ich gerade noch dahingehend einwirken, dass die Fahrt doch mit dem Bus absolviert wird! Ich wollte »Pinky« nicht noch einmal hintergehen! Und schon gar nicht mit einem dieser neumodernen Mountainbikes wie sie hier zu haben sind.
 
Auf dem Platz wurde dann eher im defensiv-taktischen Bereich gearbeitet, während Timo R. sich den Verletzten (Dennis Daube und Flo Mohr) annahm und mit diesen und den unsäglichen Mountainbikes die schönsten Tour de France-Etappen der letzten 20 Jahre nachspielte! Ein besonderer Spaß für Groß und Klein – und besonders für den (dopingfreien!!!) Timo »Lance Armstrong« R.

Nachwehen vom Schlager-Move?
 
Und jetzt lieg ich auch schon wieder im Bett (was auch sonst)!
 
Ein Wort noch zu meinem »Herzblatt« hier: ich weiß ja nicht, was mit ihm genau passiert ist vor dem Trainingslager, aber anstatt mit der sonst typischen Best-of-Ibiza-Opening-House-Musik werde ich seit Neuestem mit Mary Roos und Vicky Leandros auf dem Zimmer empfangen!
 
Weiß da jemand mehr? Fange an, mir Sorgen zu machen! Vielleicht Nachwehen vom Schlager-Move.
 
Gute Nacht...

 
 
 
 
 
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