»So kalt!« – Als der brasilianische Fußball nach Deutschland kam

Die Eismeister

»Das Publikum wird staunen«, trompeten die Verantwortlichen des brasilianischen Spitzenklubs Atletico Mineiro vor ihrer Europa-Tournee 1950. Es war das erste Mal, dass der brasilianische Fußball nach Deutschland kam. Und das Publikum bekam nicht zu viel versprochen.

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Am  27. Oktober 1950 steigt ein Tross gut gekleideter, meist athletischer Männer aus der in Frankfurt/M. gelandeten SAS-Maschine. Die Herren tragen blaue Jacken mit Emblem und graue Flanellhosen. Als sie auf die Gangway heraustreten, sehen sie sich erstaunt ob der schon kühlen Witterung in Deutschland an. Mit solchen Temperaturen haben sie nicht gerechnet. Die Herren mit dem modischen »Menjou«-Bärtchen frösteln. Eigentlich hätten sie ihre Mäntel längst überstreifen müssen, um der ungewohnten Kälte Herr zu werden. In ihrer Heimat Brasilien, in Belo Horizonte, im Bundesstaat Minais Gerais, herrschen derweil ganz andere Temperaturen. Dort reichen die Tageshöchstwerte fast an die 30°C heran. Die Männer, die zum Fußball-Team von Atletico Mineiro  gehören, kommen aus dem Sommer nach Deutschland. Hier starten sie eine Europa-Tournee, die sie auch nach Frankreich, Österreich, Belgien und Luxemburg führen wird. Im warmen Belo Horizonte ist Atletico Mineiro neben Cruzeiro das zweite Spitzenteam der Stadt. Die Rivalität zwischen beiden Mannschaften ist in Belo Horizonte groß. Regelmäßig liefern sich Cruzeiro und Atletico ein hartes Titelrennen um die Staatsmeisterschaft von Minais Gerais. In diesem Jahr hatte wieder einmal Atletico die Nase vorn und konnte bereits den 14. Titel einfahren.

»Brasiliens Fußball ist sehr gut. Das Publikum wird staunen.«

Die in großer Zahl angereisten deutschen Journalisten bestürmen die brasilianischen Gäste aus dem Land des Vizeweltmeisters und des letzten WM-Gastgebers. Noch nie war ein Club-Team aus Brasilien in Deutschland zu Gast. Die schreibende Zunft will möglichst viel über die noch unbekannten Gäste aus Südamerika erfahren. Auf die Fragen des Hamburger Abendblatts gibt Mittelstürmer Ubaldo sogleich Auskunft: »Brasiliens Fußball ist sehr gut. Das Publikum wird staunen. Wir hoffen, dass wir die Gegner mit unserer großen Technik, dem Tempo und einem Spiel, das die Gegner in seiner Struktur nicht so schnell durchschauen werden, schlagen können.«

Zur ersten Begegnung reisen die brasilianischen Gäste von Frankfurt/M. Anfang November weiter nach München. Das Auftaktspiel ihrer Reise wird der Mineiro-Meister gegen den süddeutschen Oberligisten 1860 München bestreiten. Die neugierigen Journalisten, die zur Unterkunft der Brasilianer in der Sportschule Grünwald gereist sind, erfahren über die Brasilianer neben ihrer Fußballkunst ganz banale Dinge: die Südamerikaner frieren! Sie frieren sogar so sehr, dass sie den ganzen Tag in dicke Schals und Decken gehüllt, in den Aufenthaltsräumen herum sitzen und heißen Tee schlürfen. Mit staunenden Augen blicken die Spieler aus dem Fenster, wo sich auf dem Sportplatz der grüne Rasen langsam mit einer Schneedecke überzieht.

Schneefall beim Gastspiel der Brasilianer

Am Spieltag strömen die bayerischen Fußballfans in Scharen ins Stadion an der Grünwalder Straße, um die angekündigten Ballzauberer in Augenschein zu nehmen. 35.000 Besucher drängen sich auf den Traversen des Stadions. Für die Sechziger scheint das Spiel auf den ersten Blick ein ungleicher Kampf zu sein. Zur Halbzeit liegen die Ballkünstler aus Südamerika schon mit 4:1 in Front. Doch in der zweiten Halbzeit wird es merklich kühler, Nebel zieht auf, leichter Schneefall überzieht den Platz. Es wird merklich glatter als noch vor der Pause. Diese Boden- und Witterungsverhältnisse verhindern, dass die Brasilianer in der zweiten Halbzeit ihr gewohntes Spiel aufziehen können, sie zeigen gerade in der Abwehr ungewohnte Schwächen. Schon beim 1:1-Ausgleich macht Torhüter  Mao de Onca, die »Panther-Pranke«, keine gute Figur. Der aufgrund seiner Sprungkraft und seiner ungewöhnlich großen Hände angenommene Künstlername schützt ihn im kalten Deutschland nicht davor, dass ihm der Ball einfach durch die klammen Finger rutscht. Die kämpferischen Münchner nutzen die Gunst der Stunde und die Unsicherheiten der Gäste aus und kommen bis auf 4:3 heran, ein Ergebnis, das die Brasilianer allerdings bis zum Schluss verteidigen können. Ein guter Start mit einem Sieg im winterlichen Deutschland.

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