Nach einigen Freistößen dachte mein Bruder, er hätte das Prozedere verstanden. Als in einem Spiel der Schiedsrichter auf Freistoß aus aussichtsreicher Position entschied, wollte er mit gutem Beispiel vorangehen und stimmte aus voller Kehle an: »Torsten Mattuschek, du bist der beste Mann! Thorsten Mattuschek, du kannst...« Das Gelächter rundherum ließ meinen Bruder inne halten. »Mattuschka heißt der Mann«, klärten ihn die umstehenden Fans auf, stimmten aber trotzdem lachend ein: »Torsten Mattuschek, hau ihn rein für den Vereeeeeeeein!«
Rot-weißer Walzer
Beim letzten Heimspiel vor dieser Winterpause stand ich wieder mit einem HSV-Fan auf der Gegengerade. Allerdings war dies nicht sein erster Besuch bei Union Berlin. Vor dem Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern schwärmte er von der alten Försterei vor dem Umbau. Er möge lieber unüberdachte Stehränge, wie damals beim HSV. Mit romantischen Gefühlen erinnerte er sich an seine Dauerkartenzeiten im Volkspark.
Als Union in der zweiten Halbzeit mit 2:0 führte, das ganze Stadion sich schunkelnd in den Armen lag und »FC Union Walzer tanzen wir!« anstimmte, war es auch um ihn geschehen: »Das habe ich ja seit 20 Jahren nicht mehr gehört – zuletzt in der Westkurve vom Volkspark! Damals hieß es nur ›Den schwarz-weiß-blauen Walzer tanzen wir!‹«, stieß er verblüfft und mit leuchtenden Augen hervor.
Man sah seine durch die winterliche Stehtribüne bedingte Fußkälte innerlicher Wärme weichen. Das Spiel war das letzte vor der Winterpause, fast alle Heimspiele der Hinrunde waren ausverkauft gewesen. Nach Abpfiff ließ ich die Hinrunde bei einen Glühwein noch einmal Revue passieren und tanzte in der Alten Försterei die letzten Walzerschritte des Jahres. Die kalte und klare Dezemberluft, der würzige Glühwein und die zum rot-weißen Walzer schunkelnden Unioner verabschiedeten mich in die Winterpause: Weihnachten konnte kommen.