So ein Jahr, so wunderschön: Kerner und die Pyrotechnik

»Drei Sekunden, dann steht das Kind in Flammen«

So ein Jahr, so wunderschön: 11FREUNDE-Mitarbeiter erinnern sich an ihren ganz persönlichen Moment 2012. Hier erinnert Benjamin Kuhlhoff an einen Tiefpunkt der Fußballtalk-Kultur: Als Johannes B. Kerner eine Bengalfackel in die Hand nahm.

ARD (Hart aber fair)

Es begab sich im Frühjahr 2012, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehtalkshows den Fußball für sich entdeckten. Es gab ja schließlich auch einiges zu bereden: etwa die anstehende EM im Problemland Ukraine, der Bundesliga-Endspurt im vollständigen Adrenalinrausch und dann waren da ja auch noch diese Verbrecher in den Fankurven. Nun hatten die Sendeanstalten allerdings ein großes Problem: Sie mussten jeden Abend eine Fußball-Talkshow mit Inhalt füllen – und dann auch noch mit Gästen. Ein Umstand der sich oft genug von vornherein gegenseitig ausschließt. Also wurde etwa die Ex-Mini-Playback-Show-Moderatorin Mareike Armado, der Karnevalsblödler Bernd Stelter oder Oliver Pocher zu Rate gezogen. Sie alle hatten immerhin schon Mal ein Fußballspiel gesehen. Grund genug, um in den heiligen Zirkel der Experten aufzusteigen. Auch die Moderatoren selbst durften ungeniert ledern, was das Zeug hält. Vorläufiger Höhepunkt des ganzen: Sandra Maischberger betitelte Ultras als »Taliban der Fans«. Diese Gemengelage lässt erkennen, dass Fußball-Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anno 2012 mitunter haarsträubende Veranstaltungen waren.

Mehr als ein fernsehhistorischer Bodensatz

Was sich allerdings am 22. Mai 2012 in Fernsehstudio des Knallhartnachfragen-Formats »Hart aber fair« abspielte, war ein fernsehhistorischer Bodensatz. Nur wenige Tage nach dem Platzsturm von Düsseldorf saß da Wurstfreund und Allesmoderator Johannes B. Kerner hoch erregt am Frank-Plasberg-Tresen und schwadronierte über die Gefahren der Fankultur. Und mit jedem Wort erkannte man mehr, dass Kerner selbst wahrscheinlich zuletzt 1983 in einer Fankurve gestanden hatte. Wahrlich eine Zeit, in der Backenfutter zum guten Ton gehörte. Doch diese Zeiten haben sich geändert – und man mag es kaum glauben, sogar deutlich verbessert. Ein Fakt, der angesichts der Stoßrichtung jener Diskussion um Fangewalt in deutschen Stadien nicht immer deutlich wurde. Im Gegenteil: Da durfte vor laufender Kamera Pyrotechnik, Ultrakultur, Hooligans, Knallkörper, Platzstürme und was man noch so alles vermengen kann in einen Topf geworfen und munter zu einem beängstigenden Brei vermischt. Zudem befeuerte Fernsehprofi Kerner seine Diskussionspartner mit Fragen wie: »Warum zünden Fans Böller? Warum zünden Fans Bengalos?«, und fasste zusammen: »Ich verstehe es nicht«. Und als das Bombardement aus Zwischenplappereien und Suggestivfragen längst Überhand genommen hatte, musste sogar Plasberg irgendwann knallhart (aber fair) dazwischengrätschen. Doch als eigentlichen Höhepunkt seines Gebrabbels hatte sich JBK dann noch einen besonders anschaulichen Versuchsaufbau überlegt, der auch den letzten Zweifler überzeugen sollte, dass Bengalfackeln ein Machwerk des Teufels sind. Und so stand Kerner auf einmal im verregneten Innenhof des Plasberg-Studios. Neben ihm eine Puppe in Kindergröße, gehüllt in feinstem Polyestertrash aus dem nächsten Ein-Euro-Shop. Kerner entflammte mit mahnendem Blick ein Bengalfeuer. Dann hielt er die Fackel an die Kinderpuppe und zählte: »Eins, zwei, drei Sekunden nur, dann steht das Kind in Flammen.« Und siehe da, die Kleidung des Puppenkindes entflammte erst zögerlich, dann lodernd, dann lichterloh, Kerners Blick sprach Bände: »Liebe Menschen da draußen, wollt ihr das so etwas in einem Fußballstadion passiert?« Um dem ganzen noch Nachdruck zu verleihen, legt er auch verbal nach: »Wer bei Anblick dieser Bilder sagt, das sei stimmungsvoll, dem ist doch nicht mehr zu helfen.«

Wie umnachtet sind Fußballfans

Nun stellten sich dem reflektierten Zuschauer sofort einige Fragen. Die Erste: Welcher Mensch trägt heute überhaupt noch Ganzkörperpolyester? Und vor allem: Wie geistig umnachtet muss ein Fan eigentlich sein, um eine 1000 Grad heiße Fackel Sekunden lang an die Kleidung seines Nebenmanns zu halten? Also: Wie sinnvoll war dieses Experiment aus dem Hause Kerner?

Dumm nur, dass niemand in der Runde Kerner diese Fragen stellte. Stattdessen erhitze sich Diskussion um Pyrotechnik und Fankultur so unkontrolliert wie der Atommeiler in Fukushima. Nicht nur bei »Hart aber fair«, sondern landesweit. Bis heute. Und noch viel mehr zeigte sich nach Abschluss dieser Sendung: Das Thema Fankultur ist wichtiger denn je! Denn in der Mitte der Gesellschaft, also bei all denen, die Johannes B. Kerners Aktion für ehrenwerten Journalismus halten, ist noch lange nicht angekommen, was es heißt, Fußballfan zu sein.

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