Der glamouröse Impresario einer Künstlergruppe ist binnen Wochen zum Bundestrainer degeneriert, grau und misstrauisch wie seine Vorgänger. Er trägt den Schal nun nicht mehr aus modischen, sondern aus medizinischen Gründen, sucht nach Erklärungen und findet Erkältungen. Redet nicht über Schönheit, sondern über Wechselfehler. Das Ausscheiden gegen Italien im Halbfinale der EM – danach war die Leichtigkeit seines Tuns dahin, das Bejahende, Tänzelnde. Denken wir jetzt, zum Jahresausklang, noch einmal daran, wie es einst war, bevor die Erinnerung daran verblasst. Erinnern wir uns an den 13. Juni 2012.
Nicht mehr lange bis zum Anpfiff. Gleich beginnt das Spiel der Deutschen gegen die Niederländer, von dem gesagt wird, es sei so wichtig, mindestens das wichtigste seit dem gegen die Portugiesen. Woher nimmt Jogi also diese Gelassenheit? Wir können es nicht sagen. Wir können nur sagen: Er hat sie.
Er schlendert durch die Coaching Zone wie Gunter Sachs über die Promenade de la Croisette, richtet den hochgekrempelten Ärmel, richtet die Frisur. Aber was heißt hier »richtet«? Es gibt da nichts zu richten, er überzeugt sich vielmehr vom perfekten Sitz jedes Details an ihm und erfreut sich daran. Er kaut Kaugummi. Geschmacksrichtung Zuversicht.
Dann sieht er den Balljungen.
Der junge Ukrainer steht am Spielfeldrand, den Ball unterm Arm, dienstfertig, allzeit bereit und geradezu bestrickend anständig. Ein guter Junge, man sieht es ihm an. Seine Aufgabe ist nicht schwer, er hat sie geübt: Er muss im gleich beginnenden Spiel dem Einwerfenden den Ball so schnell wie möglich aushändigen. Und doch sieht man ihm die kleine, große Furcht an, etwas falsch zu machen, daneben zu werfen, auszurutschen, sich zum Gespött zu machen von Milliarden von Fernsehzuschauern, die EM zu sabotieren, zu versagen, oh Gott. Sein Blick ist auf den Platz geheftet, dort will er schon jetzt nichts verpassen, er darf nicht versagen, bloß nicht versagen. Er ahnt nicht, dass von hinten Gunter Sachs heran geschlendert kommt.
Ich bin´s, der Jogi!
Und der plant einen Streich. Er taxiert den Ball, schätzt die Festigkeit des Griffs, spitzt den Jogimund zum Fuchsmund. Und plötzlich, blitzschnell, fast nicht zu sehen, stupst er ihn an, der Junge zuckt zusammen, doch zu spät, der Ball ist weg. Ein Steal, wie man im Basketball sagen würde.
Der Balljunge fährt erschrocken herum. Was war das? Und er weiß nicht, was er schlimmer finden soll: Dass der Ball futsch ist oder vor ihm mit einem Mal der deutsche Bundestrainer steht. Er geht einen Schritt zurück, aus Angst vor Strafe, dass er diese Prüfung nicht bestanden hat, und zugleich bereit, sie zu empfangen. Eine halbe Sekunde vergeht, höchstens. Und doch dauert es lange, quälend lange, bis Jogi ihm endlich die Hand auf die Schulter legt. Ich bin’s, der Jogi. Entspann dich, Junge. Alles gut. Selbst wenn dir der Ball mal runter fällt. Fehler erlaubt. Er lacht. Der Junge lacht.
Wer das sah, lachte auch. Und er konnte sich nun ein bisschen besser vorstellen, woher die gute Stimmung in der Nationalmannschaft rührte. Die Gelassenheit. Das irgendwie mittelmeerische Denken. 24 Minuten später schoss Mario Gomez das 1:0. Der Ball zappelte im Netz der Niederländer. Vielleicht war es der, den Jogi zuvor geklaut hatte. Bei ihm ist ja immer alles geplant, dachte man. Auch wenn es so leicht aussieht.
Das ist ein halbes Jahr her, einen Balotelli und einen Ibrahimovic. Die Ära Jogi ist zu Ende, die Ära Löw hat begonnen. Der Ernst des Lebens. Das, was niemand wollte. Es ist vorbei, bye, bye, Jogimond.