So ein Jahr, so wunderschön: Deutschland-Schweden

Geiler bizarrer Scheiß

So ein Jahr, so wunderschön: 11FREUNDE-Mitarbeiter erinnern sich an ihren ganz persönlichen Moment 2012. Hier sinniert Jens Kirschneck über den Tag, an dem der deutsche Fußball kaputt ging: Beim 4:4 gegen Schweden.

Ich war dabei, als innerhalb von einer halben Stunde der deutsche Fußball kaputt ging. Im Oktober fuhr ich mit ein paar Freunden ins Berliner Olympiastadion, um das WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Schweden zu sehen. Nicht etwa auf der Pressetribüne, sondern ganz privat in einem bunt gemischten Block aus Deutschen und Schweden. Ich gebe zu, dass ich dem Spiel ohne große Erwartungen entgegen blickte.

Anfangs sah es so aus, als würden Freud und Leid an diesem Abend sehr ungleich verteilt. Nach der am Ende unbefriedigenden Europameisterschaft und einer 1:3-Niederlage im Test gegen Argentinien schien die deutsche Mannschaft allmählich wieder in die Spur zu kommen, vier Tage vorher hatte sie die Iren mit 6:1 aus dem eigenen Stadion gefiedelt. Nun wollten die Spieler gegen Schweden offenbar nahtlos an diese Leistung anknüpfen.

»Die Schweden sind keine Holländer«, wusste Franz Beckenbauer schon vor Jahren zu berichten und daran hat sich wenig geändert. Nach 15 Minuten stand es 2:0, zur Halbzeit 3:0, kurz darauf 4:0. Die deutsche Elf zauberte, wie man es in der Ära eines Ribbeck oder Völler nie für möglich gehalten hätte, und das anfangs beflissen ihre mitgebrachten Fähnchen schwenkende schwedische Pärchen neben uns schaute bald melancholisch in die Gegend, als sei es einem trostlosen Ingmar-Bergman-Streifen entsprungen.

Wie zwei betrunkene Elche

Selbst als Zlatan Ibrahimovic, einziger Fußballer im engeren Sinne auf schwedischer Seite, das 1:4 gelang, kamen die beiden nicht aus sich heraus. Dann aber schoss Mikael Lustig das 2:4. Dann Johan Elmander das 3:4. Und dann Rasmus Elm in der Nachspielzeit das 4:4. Danach war Schluss mit Bergman. Wie zwei betrunkene Elche taumelte das Pärchen selig vom Block.

Wer hingegen meint, die Melancholie sei jetzt auf Seiten der deutschen Anhänger zuhause gewesen, der irrt. Deren vorherrschender Gesichtsausdruck war eine leicht dümmliche Ungläubigkeit, mein eigenes Spiegelbild vermutlich eingeschlossen. Niemand begriff, was in den dreißig Minuten zuvor geschehen war.

2006 war ich im Stadion, als Deutschland im WM-Halbfinale gegen Italien verlor. Im Verlauf der Verlängerung konnte man im Stadion beinahe physisch spüren, wie die Italiener allmählich die Oberhand gewannen. Meter um Meter verschob sich das Geschehen mit gnadenloser Zwangsläufigkeit in die deutsche Hälfte, und als Italien schließlich zwei Tore schoss, hat das niemanden mehr überrascht. Die vier Treffer der Schweden kamen dagegen aus dem Nichts, ohne einen im Spielverlauf auch nur ansatzweise verankerten Kausalzusammenhang. Als das vierte Tor fiel, musste ich lachen. Ich weiß, ich bin ein schlechter Patriot.

Danke dafür!

In den folgenden Tagen war in den Zeitungen zu lesen, die deutsche Elf habe Probleme in der Defensive, ihr fehlten die Führungsfiguren und mit Schönspielerei allein könne man auch keine Titel gewinnen. Das mag ja alles sein. Am 16. Oktober 2012 herrschte im Berliner Olympiastadion allerdings der Eindruck vor, dass der Fußball an manchen Tagen einfach größer ist als Taktik und Ratio, sondern einfach bloß ein geiler bizarrer Scheiß. Danke dafür.

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