So ein Jahr, so wunderschön: Balotelli und der Ikonenjubel

Der böse schwarze Italiener

So ein Jahr, so wunderschön: 11FREUNDE-Mitarbeiter erinnern sich an ihren ganz persönlichen Moment 2012. Den Anfang macht Alex Raack mit seinen Gedanken zur legendären Jubelpose von Deutschland-Schreck Mario Balotelli.

Mario Balotelli ist böse. Mario Balotelli ist Italiener. Mario Balotelli ist schwarz. Zwei von drei Aussagen stimmen.

Bei der EM 2012 schoss der böse schwarze Italiener zwei Tore im Halbfinale gegen Deutschland und schickte Löw und Anhang mit einem satten Arschtritt nach Hause. Ein Italiener! Ein böser und schwarzer noch dazu! Viele Deutsche wussten gar nicht mehr wohin mit ihrer Empörung. Und um der ganzen Frechheit noch die Krone aufzusetzen, hatte Mario Balotelli nach seinem zweiten Tor noch folgende Jupelpose gebracht:

Ein Unding! Eine Provokation! Der ikonenhafteste Jubel seit Roger Millas Fahnentanz! Einer von drei Aussagen stimmt der Autor zu.

Der Unterschied: Milla spielte damals, bei der WM 1990, für Kamerun, eine Fußballnation, der die Sportberichterstatter schnell den Stempel »Exot« aufdrückten. Exoten, das klang nicht nur exotisch, das war auch exotisch. Bisschen Afrika, bisschen Underdog, alles ganz harmlos. Dass Roger Milla, dieser sympathische, schon etwas gealterte Mann, nach seinen Toren auch noch die Hüften an der Eckfahne tanzen ließ? Hatte doch was! Diese verrückten Afrikaner, sprudelnde Lebensfreude und so weiter.

Irgendwie war das nur schwer zu ertragen.

Denn zwischen all den Exoten-Zeilen quetschte sich das ungläubige Staunen des weißen Mannes, über die nicht für möglich gehaltenen schwarzen Fähigkeiten. Zwängte sich der unterschwellige Rassismus. Aber weil Milla immer freundlich lächelte, irgendwie sympathisch war und zu guter Letzt auch noch tanzte, fand das damals jeder drollig.

Bei Mario Balotelli war das im Sommer 2012 freilich etwas anders. Balotelli spielt für Italien, er ist kein Exot. Er ist noch nicht mal exotisch. Wenn überhaupt ist er exzentrisch. Außerdem lächelte er auch nicht so häufig, ein großer Sympathieträger wird er nicht mehr werden und Mario Balotelli tanzte auch nicht, er entblößte nach seinem Tor, das vor Kraft und Power nur so gestrotzt hatte, seinen vor Kraft und Power strotzenden Oberkörper. Breitbeinig wie John Wayne vor dem entscheidenden Duell stand er da. Die Muskeln angespannt, ein wütender, stolzer Blick. Ein Moment, so Black-Powerhaft wie Muhammed Ali über Sonny Liston, wie die Fäuste von Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968.

Der Mann, der Deutschland rausgeschmissen hatte, war überall

Natürlich verbreitete sich Balotellis Pose in Windeseile, verteilt durch Millionen empörtwütendbelustigtbegeisterte Fußballfans. Tagelang hielten sich die Fotomontagen von Mario Balotelli auf dem Mount Everest, Mario Balotelli auf dem Mond, Mario Balotelli auf dem was auch immer, in den Blogs, in den Zeitungen, auf den Pinnwänden der sozialen Netzwerke. Mario Balotelli, der böse schwarze Italiener, der Deutschland rausgeschmissen hatte, war überall.

Als wir dem Hype nicht widerstehen konnte, und ebenfalls einige der unterhaltsamsten Balotelli-Montagen auf der Facebook-Seite von 11FREUNDE teilten, warfen uns nicht wenige User Rassismus vor. Warum? Wir fanden Balotellis Auftritt und ganz besonders seinen Jubel schlichtweg genial. Angeblich böser schwarzer Exzentriker (und dann auch noch aus Italien!) beweist kurz mal, dass er zu den besten Fußballern der Welt gehört und bringt dann den angeblich bösesten und exzentrischten Jubel der vergangenen Jahre.

Der Autor dieser Zeilen wünscht sich für 2013 noch mehr Balotelli, noch mehr Provokation, noch mehr Ikonen, noch mehr Szenen, die den Alltagsrassisten die Masken vom Gesicht reißen. Dann sieht man wenigstens, wem man die notwendigen Ohrfeigen verpassen kann.

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