Doch Blochin schickt den Stürmer zurück aufs Feld. Dann fällt das 0:1. Zlatan Ibrahimovic hat für Schweden getroffen. Die Ränge beben ein wenig, denn es sind bestimmt 15.000 Schweden im Stadion. Kiew schweigt. Vier Minuten lang.
Dann schlägt Andriy Yarmolenko eine feine Flanke, Schewtschenko köpft, der Ausgleich. Sechs Minuten später: Dieses Mal flankt Yevhen Konoplyanka, Schewtschenko köpft erneut, die Führung. Das Stadion bebt nicht mehr, es explodiert in diesen Sekunden. Vor mir sitzen drei Presse-Schlachtrösser einer Kiewer Tageszeitung, daneben ein jüngerer Journalist, der das Spiel für eine ukrainische Webseite tickert. Sie erheben sich, sie fallen beinahe nach vorne über. Dann rufen sie mit 50.000 Fans: »Schewaschewaschewa!« Und noch einmal: »Schewaschewaschewa!«
Blochin holt Schewtschenko in der 81. Minute vom Feld. Die Ukraine mauert und hält das 2:1. Als der Schlusspfiff ertönt, sinkt der Trainer auf die Knie und reißt die Arme hoch. Er schließt die Augen, er schreit, und dann sieht er, wie Schewtschenko auf ihn zurennt. Der Vater und sein verlorener Sohn. Andriy, oh Andriy, er hat Oleh zuletzt so viel Kummer bereitet. Sie knien nun beide, und sie nehmen sich in die Arme.
London, New York, Paris – in ein anderes Leben
Die Ukraine schießt in den nächsten beiden Spielen gegen England und Frankreich kein Tor mehr und scheidet in der Vorrunde aus. Ein paar Tage später kehrt Schewtschenko zurück in den alten Teil Obolons, der sich nur wenige Gehminuten hinter der Golfanlage befindet. Hier glänzt nichts, hier leben fünfköpfige Familien auf 40 Quadratmetern. Hier wuchs Schewtschenko auf, hier ging er zur Schule, hier schoss er das erste Mal einen Ball auf ein Tor. Bei seiner Rückkher trifft er seine alte Lehrerin, und er weiht einen Fußballplatz ein. Dann verschwindet er in einem dicken weißen Auto mit getönten Scheiben. Vielleicht nach London, New York, Paris. In ein anderes Leben.
Doch auch hier rufen die Menschen: »Schewaschewaschewa!« Es sind Alte und Junge, manche nicht mal fünf Jahre alt. Kinder, die »Schewaschewaschewa!« nie in seiner Glanzzeit beim AC Mailand spielen sahen, nie in seinen ersten Jahren bei Dynamo. Sie kennen »Schewaschewaschewa!« nur von diesen zwei Toren gegen Schweden. Von diesem 11. Juni 2012, diesem Tag, der ein ganzes Land für wenige Stunden aus einer Lethargie und Skepsis erwachen ließ. »Schewaschewaschewa!« Ein Ruf wie eine Inschrift. Er hat sich für immer in die Mauern dieser Stadt eingraviert.