31.12.2012

So ein Jahr, so wunderschön: Andrij Schewtschenko

A country for old man

So ein Jahr, so wunderschön: 11FREUNDE-Mitarbeiter erinnern sich an ihren ganz persönlichen Moment 2012. Andreas Bock über das EM-Spiel Ukraine gegen Schweden und eines der schönsten Comebacks des Jahres 2012.

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Kiew hat einige große Fußballer hervorgebracht. Serhij Rebrow, Star der neunziger Jahre, natürlich. Oder Torhüter Olexandr Schowkowskyj und Stürmer-Legende Oleh Blochin. Der größte ist allerdings Andrij Schewtschenko. Zwischen 1986 und 1999 spielte er für Dynamo Kiew, danach wechselte zum AC Mailand. Er wurde zweimal Torschützenkönig der Serie A, gewann die italienische Meisterschaft, den Pokal und die Champions League. Er war Liebling der Fans und von Präsident Silvio Berlusconi. 2006 ging er für 46 Millionen Euro zum FC Chelsea, drei Jahre später kehrte er zu Dynamo zurück. Mit 35 Jahren wollte er seine Karriere beenden. Nach der EM im eigenen Land.

»Schewa? Ja, war mal gut«
 
Als ich drei Monate vor Turnierbeginn durch die Ukraine reiste, hielt sich die Euphorie über Ukraines heimgekehrten Sohn allerdings in Grenzen. »Wird Schewtschenko ein gutes Turnier spielen?«, fragte ich, und die Menschen schauten skeptisch. »Schewa? Ja, war mal gut«, sagte ein Journalist, den ich Charkiw traf und der mir lieber das Oligarchentum der heimischen Fußballliga erklären wollte. »Eine Legende?«, fragte ein anderer, bei dem ich in Kiew übernachtete. »Rebrow ist eine Legende! Schewa ist ein Golfspieler!«
 
Einmal gingen wir im feinen Teil des Kiewer Stadtteils Obolon spazieren, da zeigte mein Gastwirt auf ein Anwesen, das einem Sohn von Wiktor Janukowytsch gehört. Daneben sahen wir den edelsten Golfplatz der Stadt. »Wenn Schewtschenko nicht in London ist, hängt er dort ab!« Oder er spielt Fußball? »Nun, da hat er mal Knieprobleme, dann wieder Rückenschmerzen.« Manchmal war er sogar gesund und fuhr trotzdem nicht mit der Mannschaft auf Auswärtsreisen, vor allem wenn sie zu beschwerlich waren. Als Dynamo einmal in Poltawa gegen Worskla spielte, sagte Schewtschenko ab, denn er wollte an der Golf-Landesmeisterschaft teilnehmen. Die Mannschaft gewann, Schewtschenko wurde beim Turnier Zweiter. »Ich brauche diese Entspannung zwischen Meisterschaftsspielen«, sagte der Stürmer.
 
Die Statistik seiner letzten Saison liest sich wie das Protokoll eines Hobbykickers. Schewtschenko machte 16 Spiele, er wurde vier Mal ein- und sechs Mal ausgewechselt. Beim entscheidenden Meisterschaftsspiel gegen Schachtar Donezk saß er über 70 Minuten auf der Bank. In der Presse häuften sich die Berichte über Poker-Nächte in verruchten Etablissements und Reisen ins Ausland. Seine Frau, ein US-amerikanisches Fotomodell, mag Kiew nicht sonderlich.

Noch wenige Tage vor EM-Start fragte eine Kiewer Zeitung: »Ist Schewa mehr als ein Maskottchen?«

Für Nationaltrainer Oleh Blochin ist er das. Am 11. Juni 2012 steht Schewtschenko in der Startelf. Der Gegner heißt Schweden. 65.000 Menschen sind im Kiewer Olympiastadion. Es ist das erste Gruppenspiel der Ukraine.

Blochin hypnotisiert den Rasen
 
In der ersten Halbzeit passiert wenig. Einmal kann sich Schewtschenko freispielen, er setzt einen Ball an den Pfosten. Ansonsten sind er und seine Mitspieler unsichtbar, das Spiel ein Geisterspiel, und Oleh Blochin blickt so stoisch aufs Feld, als wolle er den Rasen hypnotisieren. Ich rechne fest damit, dass er Schewtschenko in der Pause auswechselt.

 
 
 
 
 
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