So arbeitet Michael Skibbe bei Hertha

Bloß kein böses Wort

Viel Training mit dem Ball, viel Lob an die Spieler: Herthas neuer Trainer Michael Skibbe setzt im Trainingslager in Belek neue Akzente. Den Spielern der »Alten Dame« gefällt die Art des Coaches – und das trotz mehrmaliger Dauerläufe. So arbeitet Michael Skibbe bei Hertha

Es war an einem der ersten Tage in Belek, als Patrick Ebert nach dem Training eine kleine Grußbotschaft an den weit gereisten Anhang von Hertha BSC richtete. »Vielen Dank, dass ihr da seid«, sagte der Mittelfeldspieler des Berliner Fußball-Bundesligisten. Kurz darauf folgte Christian Lell. Herthas Rechtsverteidiger hob seine Arme über den Kopf, klatschte kurz Beifall und setzte sich dann mitten unter die Fans. Was wie eine Charmeoffensive der Berliner Profis aussah, hatte zumindest bei Lell einen anderen Grund. »Ich kann nicht mehr«, sagte er – und streckte seine müden Beine von sich.

Es ist schon ganz schön perfide, was Michael Skibbe, Herthas neuer Trainer, in der Türkei mit seiner Mannschaft veranstaltet.

Er scheucht die Spieler über den Platz – und die merken es nicht einmal. Oder sie merken es erst, wenn alles vorbei ist. Skibbe hat schon an seinem ersten Arbeitstag angekündigt, dass er im Training viele Spielformen ansetzen werde, um sich einen Überblick vom technischen und taktischen Zustand zu verschaffen. Und er hat Wort gehalten. Fünf gegen zwei, sechs gegen sechs, selbst zwölf gegen zwölf hat er in Belek schon spielen lassen, mit und ohne Tor, über den ganzen Platz, das halbe Feld oder auf engstem Raum – aber fast immer mit Ball. »Da läuft man leichter«, sagt Christian Lell.

Drei Mal Dauerlauf

Man könnte auch sagen: Michael Skibbe macht ein Training, wie es Spielern gefällt. Fußballer wollen gegen den Ball treten, selbst wenn sie laufen müssen. »Die Spieler haben Spaß daran, das ist auf jeden Fall hilfreich«, sagt Skibbe. »Es fördert die Lernbereitschaft.« Herthas Trainer ist weit davon entfernt, sich bei der Mannschaft anzubiedern. Wäre das so, würde er sie in Belek nicht insgesamt drei Mal, jeweils am Morgen um Viertel vor acht, zum Dauerlauf bitten. Es ist kein leichter Trab, den die Mannschaft locker abspult, das Tempo ist mehr als ansehnlich. »Das schleppt man den ganzen Tag in den Beinen mit«, sagt Skibbe.

Die Spieler äußern sich trotzdem ausnehmend positiv über ihren neuen Chef. »Ich bin sehr angetan. Er ist sehr offen, direkt, geradeaus«, sagt Lell. »Man weiß, woran man bei ihm ist.« Man sollte die ersten Eindrücke allerdings auch nicht überbewerten, findet Herthas Vizekapitän: »In der Vorbereitung ist sowieso noch alles auf Kuschelkurs.«

Die Mannschaft hat unter Skibbe noch kein einziges Pflichtspiel bestritten, folglich auch noch nie mit ihm verloren, geschweige denn eine echte Krise erlebt. Aber der neue Trainer hat es mit seiner Art erstaunlich schnell geschafft, den Verein nach dem Wirbel um seinen Vorgänger Markus Babbel wieder zu befrieden und die allgemeine Verkrampfung zu lösen.

Das liegt auch am Ton, den Skibbe anschlägt. »Danke, meine Herren«, sagt er, wenn die Spieler im Training mit einer Übung durch sind. »Bravo, Ronny!«, ruft er über den Platz. »Super, Fanol!« Skibbe arbeitet viel mit positiver Verstärkung. Im Training fällt kein einziges böses Wort, zumindest nicht, wenn Unbefugte zuhören. Kritik äußert Skibbe lieber intern und das nicht einmal unter vier Augen, sondern durchaus vor der gesamten Mannschaft. Die anderen Spieler sollen dann nicht denken: Puh, zum Glück hat es mich nicht erwischt. Skibbe will, dass jedem bewusst ist: Der Fehler hätte mir auch passieren können.

Einzelkritik vor der gesamten Mannschaft

Erst einmal in seiner Trainerkarriere hat Skibbe eine Mannschaft mitten in der Saison übernommen, das war im Herbst 2005 in Leverkusen. Die Aufgabe damals empfindet er im Rückblick als deutlich komplizierter als jetzt bei Hertha. In Berlin habe er anders als bei Bayer eine intakte Mannschaft vorgefunden.

Auch fußballerisch besteht für ihn kein großer Änderungsbedarf. Skibbe sagt von sich, er sei kein Trainer, der seiner Mannschaft auf Teufel komm raus seine Philosophie aufzwängen wolle. Das Konzept richtet sich immer nach den Möglichkeiten, und bei Hertha sieht Skibbe selbst kurzfristig die Möglichkeit, einen offensiven und ansehnlichen Fußball spielen zu lassen. Aus der Mannschaft hat er in dieser Frage durchaus positive Signale empfangen: »Die Spieler sagen auch: Das trauen wir uns zu.«

Telefonat mit Babbel

Schon vor dem Trainingslager hat Skibbe angekündigt, dass er mit allen Spielern Einzelgespräche führen werde. Immer nach dem Abendessen hat er in einer ruhigen Sitzecke im Mannschaftshotel zum Austausch gebeten, aber Skibbe hält sich nicht sklavisch an ein bestimmtes Format. Am Mittwoch hatte er mit Torwart Maikel Aerts den Zeitrahmen bereits überzogen, Pierre-Michel Lasogga setzte sich einfach hinzu, und irgendwann nahm auch Änis Ben-Hatira, der als Nächster dran gewesen wäre, in der Runde Platz. »Wir sind immer mehr ins Plaudern gekommen«, erzählt Skibbe. »Über alles Mögliche haben wir geredet, querbeet.«

Wenn er aus dem Trainingslager zurück ist, will Skibbe sich auch mit seinem Vorgänger Markus Babbel austauschen. »Er wird mir sicher noch das eine oder andere sagen können, das auch für mich hilfreich ist«, glaubt Michael Skibbe. Aber viel wichtiger sind ihm die Eindrücke, die er selbst gewonnen hat.

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