19.03.2014

Skandalöser Freispruch für brasilianische Hooligans

Alles aus Liebe

Vor wenigen Wochen stürmten rund 200 gewaltbereite Fans vom FC Corinthians das Vereinsgelände, plünderten das Klubhaus und verprügelten Spieler. Ein Gericht hat die Anhänger jetzt freigesprochen. Mit einer skandalösen Begründung.

Text:
Philip Verminnen
Bild:
imago

Es geschah am 1. Februar gegen 9.30 Uhr. Die Spieler vom SC Corinthians bereiteten sich auf die letzte Trainingseinheit vor dem Auswärtsspiel gegen AA Ponte Preta vor. Ein wichtige Partie, denn schon seit Saisonbeginn befindet sich der Traditionsklub in der Krise. So miserabel hatte die Mannschaft bislang gespielt, dass der stolze Klub zum Gespött des Landes geworden war. Gegnerische Fans erzählten sich schon Witze über die jämmerlichen Auftritte der Corinthians. Hohn und Spott, den der harte Kern des Anhangs nicht länger ertragen wollte.

Liebe oder Terror?

Unter dem Motto »Spielt aus Liebe oder unter Terror« (joga por amor ou joga por terror) stürmten rund 200 Mitglieder der bekanntesten und größten Fangruppierung »Gaviões da Fiel« (zu deutsch: »Die Treuen Falken«) das Trainingsgelände. Teilweise vermummt, bewaffnet mit Messern, Schlagstöcken und Schusswaffen ging die Masse auf die Fußballer los. Besonders im Fokus des Mobs: Das seit Wochen glücklose Sturmduo Alexandre Pato und Emerson Sheik.

Auf der Suche nach den Kickern hinterließ der Anhang eine Schneise der Gewalt. Glastüren gingen zu Bruch, Autos wurden zerbeult, Kaffeeautomaten zerstört. Einige Idioten gingen gar auf zwei Rezeptionistinnen los und würgten sie am Hals. Im Kraftraum wurden Funktionäre bedroht und beklaut. Mannschaftsarzt Joaquim Grava wurden von den Schlägern so sehr überrascht, dass er vor lauter Schreck ohnmächtig wurde. Später erklärte er: »Das waren Vandalen! Viele waren komplett besoffen und unter Drogen. Diese Typen haben das Leben vieler Menschen aufs Spiel gesetzt. In der physiotherapeutischen Abteilung haben sie sämtliche Geräte mutwillig zerstört.« Zwei Mitarbeiter im Rentneralter wurden ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Boden gestoßen. Einige Spieler verbarrikadierten sich mit Schränken in der Kabine und blieben dort bis 15 Uhr eingesperrt.

Schläge für Guerrero

Doch nicht alle Spieler schafften es in die Kabine. Unter ihnen der ehemalige HSV-Profi Paolo Guerrero. Drei Fans kreisten den Stürmer ein, beschimpften ihn und schlugen Guerrero ins Gesicht. Noch 2012 war der Peruaner das Idol der Kurve gewesen – sein Treffer im Finale der Klub-WM gegen den FC Chelsea hatte Corinthians damals den Titel beschert. »Es ist nicht zu fassen. Der Schütze des wichtigsten Treffers der Vereinsgeschichte wird bepöbelt und geschlagen. Eine Katastrophe für unseren Verein«, so die Reaktion des fassungslosen Präsidenten Mário Gobbi.



Besonders dreist: Nachdem der Pöbel das halbe Klubheim zerlegt hatte, gönnten sich einige Fans ein paar Runden im Schwimmbad, bedienten sich an der Zapfenlage und schliefen ihren Rausch in der Sonne aus. Ein Anhänger soll gar in Seelenruhe eine Tasse Kaffee in der Vereinskantine bestellt haben. Erst nach einer Stunde traf die Polizei ein. Nur um friedlich Spalier für die Randalierer zu stehen. Festnahmen? Fehlanzeige. Erst als die Presse in den Tagen nach dem Vorfall den Druck auf die Behörden erhöhte, präsentierte die Polizei drei Festnahmen: Gabriel Monteiro de Campos, Tarcisio Baselli Diniz und Tiago Aurélio dos Santos Ferreira wurden vorläufig in Untersuchungshaft genommen. Gerade Dos Santos Ferreira ist kein Unbekannter in der südamerikanischen Fanszene: Er gehörte zu den zwölf »corinthianos«, die 2013 den Tod des 14-jährigen bolivianischen Fans Kevin Espada zu verantworten hatten. Eine während des Copa-Libertadores-Spiels zwischen Corinthians und San José Oruro abgebrannte Seenotfackel hatte den Teenager im Gesicht getroffen. Espada erlag später seinen Verletzungen. Dos Santos Ferreira saß fünf Monate in bolivianischer U-Haft, ehe er aus Mangel an Beweisen freigelassen wurde.

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