09.05.2013

Sir Alex Ferguson im Porträt

Macht & Kontrolle

Seite 4/5: Ein Korb für Arsenal und Tottenham
Text:
Patrick Barclay
Bild:
Imago

Was Ferguson in Schottland erreicht hat, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Zahlen sprechen für sich: Nur vier der letzten 46 schottischen Meisterschaften gingen nicht an einen der beiden großen Klubs aus Glasgow, an die Rangers oder Celtic. Dreimal gelang dem FC Aberdeen unter Ferguson dieses Kunststück, und auch im Europapokal strahlte die Mannschaft bemerkenswertes Selbstvertrauen aus. Bevor United ihm 1986 ein Angebot machte, das er nicht ablehnen konnte, hatte Ferguson bereits Arsenal und Tottenham einen Korb gegeben.

Die erste Zeit war nicht leicht, doch Ferguson sah keinen Anlass, seine Methoden zu ändern. Auch der Kontrollwahn blieb: Ferguson ließ öffentlich verlautbaren, dass er dankbar für jedwede Information darüber wäre, wo seine Spieler ihr Bier tranken und wie viele. Einige der talentiertesten Spieler von United waren ebenso talentierte Trinker, darunter Bryan Robson, Paul McGrath und Norman Whiteside. Robson lernte, sich zurückzuhalten, McGrath und Whiteside mussten gehen.

Freiheiten für »King Eric«

Es sollte ein paar Monate dauern, bis sich Fergusons Wut erstmals mit aller Macht entlud. United musste bei Tottenham antreten, und weil die Londoner eine starke Saison spielten, machte Ferguson sich die Mühe, ihr Spiel eingehend zu analysieren. Außenverteidiger Arthur Albiston erinnert sich: »Vor der Partie erläuterte er uns ausführlich die Spielweise von Tottenham. Wir sollten vor allem auf die Flanken von Chris Waddle und die Vorstöße von Linksverteidiger Mitchell Thomas achten. Wir verloren 0:4, und Thomas machte zwei Toren nach Flanken von Waddle. Nach dem Spiel hat er sich jeden von uns einzeln vorgenommen, inklusive Bryan Robson.«

Ferguson hatte gelernt, nicht alle Spieler über einen Kamm zu scheren. In Aberdeen hatte er sich auf seinen notorisch trainingsschwachen Innenverteidiger Willie Miller stets verlassen können und ging dementsprechend mit ihm um. Bei United gestand er seinem begnadeten Kapitän Robson etwas mehr Freiheiten zu, ebenso Eric Cantona, dessen Verpflichtung im Herbst 1992 sich als spektakulärer Glücksgriff erwies.

Bis dahin hatte Ferguson nach sechs Jahren mit United zwar den FA Cup und den Europapokal der Pokalsieger gewonnen, aber noch keine Meisterschaft. Der Mannschaft schien ein ganz bestimmtes Element zu fehlen und das erhielt sie in Person von Cantona. Auf Anraten seines Freundes Gerard Houllier, damals Trainer der französischen Nationalmannschaft, holte Ferguson das Enfant terrible für 1,2 Millionen Pfund von Leeds United nach Old Trafford. Leeds hatte ein Jahr zuvor mit Cantona zwar die Meisterschaft gewonnen, doch das Verhältnis des launischen Genies zu Trainer Howard Wilkinson war angespannt geblieben.

Ein Geschenk des Himmels

Für United erwies sich Cantona als ein Geschenk des Himmels. Mit ihm änderte sich alles. In den 17 Spielen vor seiner Ankunft hatte die Mannschaft im Schnitt ein Tor pro Spiel erzielt. Mit Cantona wurden stieg die Quote auf durchschnittlich zwei Treffer, und am Ende feierte United die erste Meisterschaft seit 26 Jahren. Ferguson war nun endgültig unantastbar, er hatte die volle Kontrolle.

Im Falle von Cantona ließ er sie auf subtile Weise walten. Für den Franzosen galten besondere oder eigentlich gar keine Regeln. Als United einmal zu einer Ehrung ins Rathaus der Stadt geladen wurde, ordnete Ferguson Anzug und Krawatte an. Alle Spieler hielten sich daran, außer Cantona, der im Trainingsanzug erschien. Ferguson sagte nichts. Der Franzose war einfach zu wichtig, um sich mit ihm anzulegen.

 
 
 
 
 
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