09.05.2013

Sir Alex Ferguson im Porträt

Macht & Kontrolle

Seite 3/5: Ferguson als Teenager
Text:
Patrick Barclay
Bild:
Imago

Nach der Schulzeit fing Alex eine Maschinenbaulehre an, schloss sich Glasgows renommiertem Amateurklub Queen’s Park an und war nicht ganz 17 Jahre alt, als er beim Gastspiel in Stranraer für die erste Mannschaft debütierte und bei der 1:2-Niederlage gleich ein Tor erzielte. Seine nächste Station war St. Johnstone, wo er vier weitere Jahre als Amateur aktiv war, bevor er 1964 bei Dunfermline seinen ersten Profivertrag erhielt. Dort lernte er international erfahrene Spieler kennen und begann, sich intensiv mit den taktischen Aspekten des Spiels zu beschäftigen. Die entsprechende Fachliteratur studierte er stapelweise. Priorität genoss für ihn aber das Toreschießen, und als ihn die Rangers 1967 für die damalige Rekordablösesumme von 65 000 Pfund verpflichteten, erfüllte sich sein Traum, für die Blauen im Ibrox Park aufzulaufen.

Die Freude darüber währte indes nur kurz. Der Trainer, der ihn verpflichtet hatte, wurde gefeuert und mit dessen nun zum Chefcoach beförderten Assistenten kam Ferguson überhaupt nicht klar. Nach zwei enttäuschenden Jahren wechselte er für vier Jahre nach Falkirk, bevor er seine Karriere nach der Saison 1973/74 bei Ayr United beendete. Für die schottische Nationalmannschaft durfte er nicht ein einziges Mal auflaufen. Doch seine große Zeit sollte erst noch kommen.

Erste Station: East Stirlingshire

Fergusons Laufbahn als Trainer begann 1974 wenig glamourös bei East Stirlingshire, wo er für umgerechnet 50 Euro die Woche anheuerte, bevor er nach nur wenigen Monaten ein Angebot von St. Mirren erhielt, das wesentlich größeres Potential besaß. Er führte den Klub in Schottlands höchste Spielklasse und sammelte erste Erfahrungen mit der Ausbildung junger Spieler, was eines der bestimmenden Themen seiner Karriere werden sollte. In Aberdeen etwa hatte Ferguson das Glück, auf viele junge Talente zurückgreifen zu können, darunter die beiden Verteidiger Willie Miller und Alex McLeish, die er 1986 als Nationaltrainer zur WM mitnehmen sollte.

Mit seiner Titelsammlung wuchs auch seine Reputation. Ferguson galt als Siegertyp mit ausgeprägter, bisweilen ziemlich rabiater Persönlichkeit. Die »Hairdryer«-Methode, wie Mark Hughes sie später bezeichnete, kam regelmäßig zum Einsatz. Mittelfeldspieler Billy Stark, den Ferguson zu St. Mirren holte und später nach Aberdeen mitnahm, erinnert sich: »Er baute sich direkt vor einem Spieler auf und stauchte ihn richtig zusammen. Niemand hat es jemals gewagt, ihm Widerworte zu geben.«

Stark, der heute die schottische U 21 betreut, ergänzt: »Das konnte einen schon ziemlich mitnehmen, aber mich machte es zu einem besseren Spieler. Am schlimmsten bekam ich es nach einer 1:3-Niederlage mit St. Mirren gegen Celtic ab. Celtic bekam damals einen Freistoß im Mittelfeld, ich drehte mich um und trabte zurück. Sie führten schnell aus und spielten den Ball über mich rüber zu einem Gegner, der flankte und schon war der Ball im Netz. Ferguson ist nach dem Spiel ausgerastet. Ich saß in der Ecke und zog mich um, als er plötzlich einen Schuh nach mir warf. Deswegen muss ich immer lachen, wenn die Leute die Geschichte mit Beckham erzählen.« Beckham musste mit mehreren Stichen über dem Auge genäht werden, Stark trug lediglich eine schmerzende Schulter davon. Die Erinnerung daran ist aber heute noch frisch.

Mehr als nur Wut

»Das war einer der entscheidenden Momente meiner Karriere«, sagt er. »Ich glaube nicht, dass Ferguson so etwas ohne Kalkül macht. Da steckte mehr dahinter als nur Wut. Das war seine Art, Spieler auf die Probe zu stellen und zu schauen, ob sie den Mumm hatten, die Herausforderung anzunehmen. Ich beschloss, es ihm zu zeigen. Ich habe nie wieder dem Ball den Rücken zugekehrt.«

Ein Wutausbruch, der mit Sicherheit nicht gespielt war, ereignete sich im rumänischen Pitesti. Aberdeen war mit einem 3:0 aus dem Hinspiel angereist, lag aber kurz vor der Pause 0:2 hinten. Ferguson hatte vom sonst von ihm bevorzugten 4-4-2 
auf ein 4-3-3 umgestellt. Einer der drei Angreifer war Gordon Strachan, der später auch für Ferguson bei Manchester United stürmte und bei der WM 1986 ein Tor gegen Deutschland erzielte. »Das System ist super, wenn man die richtigen Spieler dafür hat«, erinnert er sich. »Aber wir wurden einfach ins kalte Wasser geworfen. Wir hatten das System, wenn überhaupt, einen Tag lang trainiert. Mein Pech war, dass ich auf der Seite spielte, die der Trainerbank am nächsten war.«

Dont't talk to Ferguson

Ferguson schrie Strachan die ganze Zeit an. »Ich sollte mich mehr zu unserem Mittelstürmer Mark McGhee orientieren, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Kein Witz. Ich wollte nicht aufmüpfig sein, aber hatte so einfach noch nie gespielt. Und dann habe ich etwas echt Dummes gemacht. Einer unserer Spieler sagte immer, man solle sich niemals kurz vor der Pause mit Ferguson anlegen. Als ich ihn anschrie, er solle die Schnauze halten, war mir also klar, dass ich in der Scheiße sitze.«

Die Mannschaft ging vor dem Trainer durch den Kabinengang zur Halbzeitpause. »Als er reinkam, saßen wir bereits mit hängenden Köpfen da. Er ging schweigend auf und ab, bis er schließlich vor mir stehenblieb. Ich spürte, wie die Jungs neben mir von mir abrückten. Dann baute er sich vor mir auf und stauchte mich nach Strich und Faden zusammen. Ich stand auf – nicht aus Trotz, ich musste einfach Luft holen – und er drehte sich weg, wobei er aus Versehen mehrere Becher Tee umkippte. Er sah mich schmunzeln und stieß gleich den ganzen Samowar um. Das Ding war groß und schwer und heiß, das muss also weh getan haben.« Aberdeen erreichte schließlich noch ein 2:2, wobei Strachan einen Elfmeter verwandelte. »Als ich antrat, dachte ich nur: Wenn du den versiebst, bist du ein toter Mann.«

Ein wichtiger Teil von Fergusons Strategie war es, den Spielern das Gefühl zu geben, unter ständiger Beobachtung zu stehen. »Er war allgegenwärtig«, erinnert sich Billy Stark. »Man spürte förmlich, dass er einen nie aus den Augen ließ. In Aberdeen überließ er die Leitung der Trainingseinheiten seinem Assistenten Archie Knox. Dann tauchte irgendwann sein schwarzer Mercedes auf und bog auf den Parkplatz ein. Manchmal sah er einfach von dort aus zu. Das hatte Methode: Wir wussten, dass er da war, und genau das wollte er. Wir sollten das Gefühl haben, dass ihm nichts entgeht. Dieser Kontrollwahn war ihm schon immer zu eigen.«

Zudem versuchte er, die Schiedsrichter einzuschüchtern und den Spielern einzubläuen, die ganze Welt wäre gegen sie. In Schottland war es angesichts der Übermacht von Celtic und den Rangers noch relativ einfach, seinen Spielern den Status des ewigen Underdogs zu vermitteln. Um den gleichen Effekt bei United zu erzielen, war allerdings eine regelrechte Gehirnwäsche nötig – und trotzdem gelang es Ferguson Jahr für Jahr.

 
 
 
 
 
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