Simone Farina, das Gewissen des italienischen Fußballs

Ehrlich und arbeitslos

Drittliga-Spieler Simone Farina wurde zum Helden im Sumpf italienischer Fußball-Manipulation, weil er zur Polizei ging, statt sich für viel Geld bestechen zu lassen. Jetzt ist der 30-Jährige arbeitslos. Es scheint, als sei im italienischen Fußball kein Platz für einen wie ihn.

Der Nationaltrainer hat sich eingeschaltet, ebenso der Chef der italienischen Spielergewerkschaft. Alessandro Del Piero hat auch noch einen Kommentar zu Simone Farina gegeben und ihm »Alles Gute« gewünscht und sogar Luca Toni wurde zum Fall befragt. Dann war eigentlich alles über Simone Farina gesagt. Arbeitslos ist er immer noch.

Es gibt wenige Fußballspieler aus der dritten italienischen Liga, die international bekannt sind. Aber Simone Farina kennt man jetzt. Der Linksverteidiger hat sogar auf Russisch einen Wikipedia-Eintrag, den haben nicht einmal die meisten Serie-A-Profis.

Farina wurde berühmt, weil er etwas Normales in einem anormalen Milieu tat, das nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Er ging zur Polizei und zeigte an, dass ihm ein Mitspieler aus Jugendzeiten 200.000 Euro geboten hatte, um ein Pokalspiel seines Vereins AS Gubbio zu manipulieren.

Selbst Sepp Blatter sprang auf den Saubermann-Zug auf

Nationaltrainer Cesare Prandelli lud Farina damals zum Training der Nationalmannschaft ein, Fifa-Boss Sepp Blatter sprang auf den Saubermann-Zug auf und prämierte Farina für seinen Mut. Immer noch wird der 30 Jahre alte Römer zu Galas eingeladen. Manchmal bekommt Farina selbst einen Preis, gerne wird er als moralische Leuchte herumgereicht. Er ist das Feigenblatt des Calcio.

Was Farina fehlt, ist ein Verein. Ende August wurde sein Vertrag beim AS Gubbio aufgelöst. Bislang hat niemand den 30-Jährigen verpflichtet. Jetzt wirkt es so, als gäbe es im korrupten italienischen Fußball keinen Platz für Aufrichtigkeit.

»Ich hatte davor gewarnt, dass dieser Junge in einigen Monaten Probleme bekommen wird«, sagt Nationalcoach Prandelli. Zweitliga-Präsident Andrea Abodi behauptet, es sei für den italienischen Fußball schlimmer, Farina zu verlieren als Ibrahimovic und Thiago Silva, die vom AC Mailand zu Paris St.-Germain gewechselt sind. »Technische Fähigkeiten kann man wieder aufbauen, moralische nicht«, sagt er. Im Kern behauptet Abodi, es sei wahrscheinlicher, dass der Calcio große Stars hervorbringt, als ehrliche Spieler. Das ist wohl das Problem einer ganzen Branche.

Farina ist ein anständiger Spieler. Mehr aber auch nicht

Wie Kenner der Fußballszene in Umbrien berichten, war es zu einem Streit zwischen dem Trainer des AS Gubbio und Farina gekommen. Gubbio ist gerade aus der zweiten in die dritte Liga abgestiegen. Offenbar wollte Farina eine Stammplatzgarantie, die der Trainer ihm nicht geben wollte. Er lässt lieber einen 20-Jährigen auf der Position des linken Verteidigers spielen. Für den Einsatz zweier 20-Jähriger bekam Gubbio zuletzt eine halbe Million Euro Jugendförderung vom Verband. Das ist viel für einen kleinen Verein in Umbrien. Farina ist häufig verletzt, hatte nur 15 Einsätze in der Serie B und ist schon 30 Jahre alt. Er ist ein guter Spieler, aber auch kein besonders guter.

Farina sah seine Zukunft als Fußballer gefährdet. Beide Seiten einigten sich auf eine vorzeitige Auflösung des Vertrages, der noch bis Sommer 2013 lief. Farina will unbedingt noch Fußballspielen, es muss nicht Gubbio sein. Aber dann kam weder ein Spielertausch mit dem Zweitligisten Ascoli Calcio zustande. Noch wollte Farina als Jugendcoach zu Aston Villa gehen. Andere Optionen gab es nicht.

Simone Farina ist offensichtlich eine verhängnisvolle Mischung im Profibetrieb. Ein mittelmäßiger und zu ehrlicher Kicker. Es heißt, die Verantwortlichen in Gubbio seien froh gewesen, dass Farina jetzt geht. Er solle sich entscheiden, auf welchem Laufsteg er unterwegs sein will, im Stadion oder bei Preisverleihungen. Vielleicht stimmt es ja, dass der Aufbau moralischer Integrität im italienischen Fußball eine utopische Angelegenheit ist. US Lecce, der frühere Erstligist, der wegen des Betrugsskandals in die dritte Liga zurück versetzt wurde, hat gerade seinen neuen Trikotsponsor vorgestellt. Es ist ein Anbieter von Sportwetten.

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Julius Müller-Meiningen ist Journalist und berichtet für uns aus Rom über den italienischen Fußball.

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