Simon Riesches WM-Reisetagebuch #11

Unterm Regenbogen

Simon Riesches WM-Reisetagebuch #11Simon Riesche Nirgendwo sind die Nächte so dunkel wie in der Fremde. Vier Wochen war ich unterwegs auf dem Weg zur WM, mehr als zehntausend Kilometer in wackligen Zügen, singenden Bussen und auf überfüllten Fähren. Jede meiner dreißig afrikanischen Nächte war dunkel, doch keine so fremd, dass sie bedrohlich erschienen wäre. Ob im Wüstensand im sudanesischen Nirgendwo, über den Dächern von Nairobi oder an den Stränden von Sansibar – überall habe ich mich willkommen gefühlt, überall hat der Fußball mir Türen geöffnet.

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Nun also Johannesburg, ich bin angekommen im gefühlten Epizentrum dieser Weltmeisterschaft. Als ich an der Park Station aus dem Bus steige, fallen mir fast die Ohren ab. Die Millionenstadt scheint sich in diesen Tagen in eine einzige große Vuvuzela zu verwandelt zu haben. In den Bars, in den Straßen, überall wird getrötet als gäbe es kein Morgen. An fast allen Autos weht die südafrikanische Regenbogenflagge, dazwischen tanzen Menschen aller Hautfarben. Die Party kann beginnen, das ist die Botschaft, die von Johannesburg in die Welt getragen werden soll.

Jeder Fan versteht das Turnier als »gesamtafrikanische WM«
 
Der ganze afrikanische Kontinent fiebert diesem Turnier entgegen, das ist mir auf meiner Reise bewusst geworden. So gut wie jeder Fan zwischen Kairo und Kapstadt versteht die WM in Südafrika als eine »gesamtafrikanische WM« – und sich selbst als Gastgeber. Umso wichtiger ist es, dass dieses Turnier ein Erfolg wird. Nicht in sportlicher Hinsicht, sondern zwischenmenschlich. So ängstlich viele WM-Touristen aus Europa ob der angespannten Sicherheitslage auch sind, die größte Sorge, dass den Gästen etwas passiert, scheinen die Einheimischen zu haben.
 
Elender Linksverkehr! Gerade einmal zwei Stunden bin ich mit meinem Mietwagen im chaotischen Verkehr Johannesburgs unterwegs, da scheppert es. An meinem Auto ist nichts kaputt, das andere Fahrzeug hat einen kleinen Blechschaden. Doch anstatt wild fuchtelnd aus dem Wagen zu springen und mir Vorwürfe zu machen, interessiert sich mein Unfallgegner, nachdem er sich ausgiebig nach meinem Wohlbefinden erkundigt hat, vor allem für eine Sache: Fußball. Ob denn Deutschland ohne Ballack Titelchancen habe, will der Verkehrspolizist wissen. »Viel Spaß bei der Weltmeisterschaft«, sagen beide schließlich, willkommen in Südafrika.

Das Sicherheitsproblem darf nicht unterschätzt werden
 
Ein weiterer Moment auf dieser Reise, der mich für kurze Zeit sprachlos werden lässt. Die Welt zu Gast bei Freunden – das Motto der deutschen WM gilt auch in Südafrika. Jetzt muss die Welt nur noch kommen und sich nicht hinter Hotelmauern verstecken. Nein, das Sicherheitsproblem darf bestimmt nicht unterschätzt werden, die Gastfreundschaft der überwiegenden Mehrheit der Südafrikaner aber auch nicht. »Wenn es friedlich bleibt und die Fans aus aller Welt mit uns feiern«, sagt ein Vuvuzela-Verkäufer im Zentrum Johannesburgs verträumt, »dann wird dieses Turnier das größte Fest aller Zeiten.«
 
Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Eine große Reise ist zu Ende, vor mir liegt die WM am Kap der guten Hoffnung, dreißig weitere Nächte in der Fremde. Dunkel werden sie sein, aber nicht bedrohlich. Man ist schließlich nie allein unter dem afrikanischen Fußballhimmel.

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