Serie zum Fan-Spezial: Die Auswärtsfahrt meines Lebens (2)

Was kann die Welt dafür, dass ich sie liebe?

In unserer neuen Serie zum Spezialheft »Die Geschichte der Fußballfans« berichten 11FREUNDE-Redakteure über die schönste Auswärtsfahrt ihres Lebens. Heute erinnert sich Alex Raack an eine denkwürdige Reise mit Achim Reichel nach Mailand.

Zu Beginn diese erschreckende Information: Der Autor dieses Artikels ist schon viel zu lange nicht mehr auswärts unterwegs gewesen, weswegen er womöglich die hier zu erzählende Geschichte aus seiner Vergangenheit an einigen Stellen dramatisch überhöht, andere, möglicherweise entscheidende Details, ganz einfach vergisst und alles in allem ein wenig benebelt ist von der persönlichen Erinnerung. Daran sei zu denken, wer diesen Artikel bis zum Ende lesen möchte.

Es war Sommer. Spätsommer, genau genommen. Im September 2004 spielte mein Verein, Werder Bremen, in der Champions League gegen Inter Mailand. Auswärts. Ein stinknormales Gruppenspiel, für jeden anständigen Bayern-Begleiter eine geradezu alltägliche Begegnung, für mich damals allerdings ein ganz dickes Ding. Ende der neunziger Jahre, rechtzeitig NACHDEM die fetten Jahre an der Weser vorbei waren, hatte ich mir erstmals eine Dauerkarte besorgt, nahezu meine komplette Zeit als lernfauler Gymnasiast verbrachte ich also damit, Schwerstarbeitern wie Bernhard Trares oder André Wiedener zuzujubeln. Einschneidende Erfahrungen.

Champions League! Inter Mailand! Die große weite Welt... 

2003 beendete ich die Schulzeit, wurde Student und hatte nun vor allem eines: Zeit. Zeit, um schon gegen Mittag das erste Weizen zu trinken, Zeit, die komplette Tour de France im Fernsehen zu sehen, Zeit, um mich noch intensiver mit meinem Verein zu beschäftigen. Welch ein Geschenk des Himmels, dass just in diesen Jahren Werder plötzlich wieder Deutscher Meister wurde (ohne Trares und Wiedener) und, damit unweigerlich verbunden, auf der Teilnehmerliste der Champions League auftauchte. Die Auslosung und dieser Name: Inter Mailand! Die große weite Fußballwelt! Meine bis dahin einschneidendste Auswärtserfahrung hatte ich 2002 im UEFA-Cup gegen Vitesse Arnheim gemacht. 1:2 verloren, zwei Tore von Frank Verlaat, eins ins eigene Tor, im Sturm der Holländer ein Riese namens Bob Peeters, von dem ich jahrelang dachte, es sei der decknamengetarnte Jan Koller. Trennwände aus Plexiglas zwischen den Fanblöcken, hasserfüllte Gesichter auf beiden Seiten, Hooligans aus Rotterdam, die vor dem Stadion auf der Lauer lagen. Polizeipferde! Alles schön und gut. Aber Inter Mailand? Willkommen im Paradies, junger Padawan.

Unser Reiseplan, wie immer ausbaldowert von einem Kumpel, der später aufgrund seiner strategischen Fähigkeiten den Beinamen »Info« erhielt, damals jedoch noch als »die Kobra« bekannt war (einer Sonnenbrille in Schlangenoptik sei Dank), sah folgende Route vor: Fahrt von Celle nach Freiburg mit dem Zug. Dort umsteigen in das elterliche Wohnmobil eines nach Freiburg ausgewanderten Ex-Cellers, feucht-fröhliche Reise mit besagtem Wohnmobil nach Mailand, großes Hallo vor dem Guiseppe-Meazza-Stadion. Rückreise spontan. So weit, so geil.

Kein Wohnmobil für die angetrunkene Reisegesellschaft

Die Bahnreise funktionierte reibungslos. Dann ging irgendwie alles schief. Schon beim zweiten Schritt in Richtung San Siro gerieten wir ins Stolpern. Denn kaum angekommen bei den Wohnmobilbesitzern, eröffnete uns der ganz offensichtlich stark verwirrte Exil-Celler, seine Eltern hätten nun doch etwas dagegen, ihr rollendes Wohnzimmer einem Trupp Halbstarker anzuvertrauen, die bereits leicht alkoholisiert aus dem Regionalexpress gefallen waren. Da standen wir nun. An einem Samstagabend. Ohne Wohnmobil. Ohne den Freiburger, der sich nach der peinlichen Szenerie zu seiner neuen Freundin verzogen hatte. Welch ein Desaster.

Immerhin: So viel Anstand hatte unser Kollege doch noch, dass er uns einen Schlafplatz in seiner Studentenverbindung zuwies (Studentenverbindung? Schon da hätten wir wissen müssen, dass der Wohnmobilplan auf tönernen Füßen stand). Wunderliche Fantasiewelt Studentenverbindung. Ritterrüstungen im Flur. Degen im Wohnzimmer. Picklige Nerds auf den Gängen. Verschlossene Biervorräte im Keller. Bittere Erkenntnisse für die Auswärtsfahrer.

Der Plan der »Kobra« ging plötzlich nicht mehr auf 

Der nächste Tag, ein Sonntag. Woher ein Reisegefährt nach Mailand nehmen, wenn nicht stehlen? Oder mieten. Wir entschieden uns für die Notlösung, die sündhaft teure Miete eines »Sixt«-Vehikels. Angeblich auch fürs Ausland versichert, so richtig wussten wir das noch immer nicht, als wir endlich Italien erreichten. Und nun? Die Reiseroute der »Kobra« war brutal über den Haufen geworfen, also fuhren wir einfach Richtung Süden. Das konnte so falsch nicht sein. Ich weiß nicht mehr, ob es die innere Eingebung eines Mitfahrers, der schnell ausgetüftelte Plan des Kollektivs, oder einfach Zufall war, jedenfalls steuerten wir, die ja lediglich mit Rucksack, Bier, Isomatte und Schlafsack, nicht aber mit einem Zelt (das Wohnmobil!) bewaffnet waren, einen Vorort der Hafenstadt Genua an. Was heißt Vorort? Ein verschlafenes Nest, allerdings ausgestattet mit einem sensationellen Campingplatz DIREKT am Meer, lediglich erreichbar durch einen einspurigen Tunnel. Berauscht von unserem Glück stimmten wir in der Warteschlange vor dem Tunnel ein mehrstimmiges »Azzurro« an. Adriano Celentano hätte uns vermutlich die Fresse poliert.

Ach ja, Auswärtsfahrten in der Champions League! Sonne, ein Strand aus scharfkantigen Felsen (die lediglich einen von uns verletzten: mich), ein Schlafplatz unter Bastmatten, und natürlich: warmes, italienisches Bier. Und noch immer war es erst Sonntag. Das Spiel am Dienstag in Mailand, es war so fern und doch so nah. Weiterhin berauscht von unserem Glück stimmten wir, diesmal im Chor, den Soundtrack dieser Reise an. Den viel zu selten gewürdigten Klassiker »Kuddel Daddel Du« von Achim Reichel. Textprobe gefällig? »Kuddel Daddel Du trifft alte Freunde. Kuddel Daddel Du wird warm ums Herz. Kuddel Daddel Du spendiert ne Runde. Kuddel Daddel Du sorgt für Kommerz.« Und, ganz entscheidend, der Refrain: »Was kann die Welt dafür, dass ich sie liebe? Ich lieb sie nur, wegen dir! Was kann denn ich dafür, dass die Welt so groß ist, aber heut Nacht, mein Schatz, geh ich vor Anker bei dir!« Gän-se-haut.

25 Stunden mit dem Zug von Greifswald nach Mailand. Respekt! 

Dienstag-Vormittag. Intensive Verabschiedung von unserem neuen Lieblingsstrand (siehe: »Azzurro«), die Mietwagen durchgetreten und ab nach Mailand! Mit Achim Reichel voll aufgedreht rauschten wir in die Großstadt, auf dem Platz vor dem Mailänder Dom fanden wir tatsächlich den Rest der niedersächsischen Reisebande: Die siebenköpfige Besatzung eines Mietvans, der doch tatsächlich ohne Zwischenhalte stumpf von Hannover nach Mailand durchgefahren war, sowie einen heldenhaften Kollegen, der, eigentlich Frankfurt-Fan, von seinem Studienort Rostock alleine mit der Bahn ins nahe Mailand geeilt war, um auch ein wenig Champions-League-Luft zu schnuppern. 25 Stunden Zugfahrt, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Endlich sollte ich meinen großen Auftritt haben. Unter mysteriösen Umständen eingekleidet in das alte Sakko meines Großvaters, die ebenso hübsche wie speckige Werder-Ballonmütze auf dem Schädel, donnerte ich unter großem Hallo den mitgebrachten Ball über die Piazza. Was im WM-Sommer 2006 beinahe alltägliche Randerscheinung werden sollte, klappte auch in Mailand ganz hervorragend. Aufgescheucht vom durch die Mailänder Luft segelnden Spielgerät, erinnerten sich Italiener und Bremer ihrer Liebe zum Ball, ein schnelles 30 gegen 30 war nur eine Frage der Zeit. Bis die Mailänder Polizei eingriff, meinen Ball konfiszierte und das unschuldige Runde in ihren brütend heißen Kofferraum verbannte. Mit dem bedingungslosen Einsatz, den sonst wohl nur Tierschützer oder Castor-Gegner an den Tag legen, kämpfte ich um meine Pille, letztlich sogar mit Erfolg.

»Geil, wie glatt der Boden ist! Lass mal Grätschen üben.«

Doch, ach, ich missbrauchte das Vertrauen der Staatsmacht und zeigte mich als schlechter Gast. In der nahen Einkaufspassage konnte ich mich dem Aufruf meiner Kameraden (»Geil, wie glatt der Boden ist! Lass mal Grätschen üben!«) nicht entziehen, wieder lag ein Ball in der Luft, wieder marschierten nach wenigen Minuten die nun schwer verstörten Carabinieri auf und nur einem schnellen Sprint war es zu verdanken, dass mein Spielgefährte dem Tod durch Ersticken noch einmal von der Schippe sprang. Es wurde langsam Zeit, sich wieder mit Werder zu beschäftigen.

Gerade wollten wir uns auf die Suche nach den Autos machen, da trat ein in Ehren ergrauter Mann in unser Leben. Jürgen L. Born! Werders Vorstandsboss schlenderte lässig durch die uns längst heimisch gewordene Einkaufspassage. Helle Begeisterung bei meinem Kumpel »Klinge«, der immer wieder ergriffen stammelte: »Gloria! Gloria!« Die »Klinge«, das muss man wissen, war damals stark verliebt in Borns Gattin Gloria, eine mondäne VIP-Logen-Diva. Klar also, dass Jürgen L., der Mann von Gloria, in diesem Moment so etwas wie ein Heiliger für die unseren Mitreisenden war. »Jürgen L.!«, riefen wir selbstvergessen. »Ein Foto!« Antwort des lässigen Weltbürgers: »Na Jungs, schon ordentlich getankt?« Auf dem gemeinsamen Foto sieht Born tatsächlich aus wie der einzig Nüchterne in einer Horde Langzeiturlauber vom Ballermann.

Einen Leinensack voller Pyro? Rein damit!

Das Spiel? Ach ja, das Spiel. 0:2 verloren durch zwei Tore von Adriano, den die Welt damals noch als den neuen Megastar abfeierte und deshalb natürlich viel zu gut war für die Champions-League-Anfänger aus Bremen. Was blieb vom Besuch im Guiseppe-Meazza-Stadion? Sicherlich die beeindruckende Fahrlässigkeit der vor den Toren postierten Sicherheitsmänner. Dort hatten wir, auf gründliche Körperöffnungsvisitation eingestellt, beobachten dürfen, wie ein Frontmann der damals noch existierenden Ultra-Gruppierung »Eastside« einen prall gefüllten Leinensack voller Pyromaterial hinter sich her zog, der ach so gestrenge Ordner einen Blick in diesen Sack warf, nickte und den Frontmann passieren ließ. Wahnsinn. Und Startschuss für herrliche Momente der weit gereisten Celler, die, eingehüllt in roten Nebelschwaden und zischenden Bengalos, andächtig der Champions-League-Hymne lauschten. Ich bin ehrlich: Wenn ich daran denke, geht mir heute noch einer ab.

Also fuhren wir nach Hause. In einem Wagen völlig übermüdeter Fußballfans. Beinahe wären wir noch draufgegangen, Stichwort: Sekundenschlaf. Wir hielten lieber an einer Raststätte und schliefen ein paar Stunden. Der Miet-Van brauchte keine Pause, sein Fahrer, so erfuhren wir später, hatte die komplette Rückreise am Stück bewältigt. Eine recht ordentliche Dosierung handelsüblicher Amphetamine soll dafür verantwortlich gewesen sein. Dann lieber Sekundenschlaf. 

Die letzten Meter vor dem Ziel. Noch einmal »Kuddel Daddel Du«. Die vertraute Stimme von Achim Reichel, der ein letztes Mal sang: »Und Kuddel könnte die ganze Welt umarmen, er atmet tief durch und singt das schöne Lied: Was kann die Welt dafür, dass ich sie liebe? Ich lieb sie nur, wegen dir!«. Gän-se-haut.

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