Sepp Blatter greift das Sommermärchen an

Jetzt wird’s schmutzig – Teil 37

Nach der Havelange/Teixera-Affäre schlägt Fifa-Präsident Sepp Blatter um sich. Das Sommermärchen 2006 steht in Verruf. Doch Schland schießt zurück. Ein Glück.

Jetzt wird’s schmutzig. Nicht dass es vorher in irgendeiner Art und Weise sauber gewesen wäre, doch das, was Sepp Blatter nun tut, ist nicht weniger als die Zerstörung eines Gründungsmythos. Der Fifa-Präsident hat in einem Interview mit dem Schweizer Revolverblatt »Blick« angedeutet, dass die Vergabe der WM 2006 gekauft worden sei. Das Sommermärchen, der Kaiser-Hubschrauber, Klinsi, Poldi, Schweini und der Capitano, die schwarz-rot-goldenen Perücken, die Bierhelme, die Abwaschtattoos und die Irokesenmützen: All das hätte es somit gar nicht geben dürfen. Und das Schlimmste: Schland würde nicht exisiteren. Eine ganz und gar schreckliche Vorstellung!

Doch es kam bekanntlich anders. Und Schland wäre heute nicht Schland, wenn es nicht im Kollektiv aufschreien würde. Als erstes zog der Rächer des kleinen Mannes, die »Bild«, ihre Colts: »Blatter zieht unser Sommermärchen in den Dreck«, hieß es da gestern. Es folgten der Kaiser und der Ligachef. Franz Beckenbauer sagte: »Er irrt!« Reinhard Rauball rief sogar bei Sepp Blatter an, um diesen zum Rücktritt zu bewegen. Zuvor hatte sich bereits Dr. Theo Zwanziger, DFB-Präsident a.D., kritisch geäußert. Er prangerte noch einmal die dubiosen Geschäftsgebaren der ehemaligen Fifa-Funktionäre Joao Havelange und Ricardo Teixera an: »Aus moralischer Sicht waren Schmiergelder schon immer Schmiergelder!« Thesen, die sitzen wie ein linker Haken von Muhammad Ali.

Blicken wir trotzdem noch einmal zurück: Was war denn überhaupt los anno 2000, als die WM an Deutschland vergeben wurde? Damals gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Bewerbern Südafrika und Schland (damals noch unter dem Namen »Deutschland«). Deutschland gewann die Wahl mit 12:11, allerdings hatte sich der Neuseeländer Charles Dempsey bei der Wahl enthalten. Gut für Deutschland, denn Dempseys Verband hatte angeblich Südafrika favorisiert. Bei einem Gleichstand hätte Sepp Blatter also die Vergabe per Stichstimme entscheiden müssen.

In dem »Blick«-Interview spricht Blatter diese Abstimmung an. Er erzählt, dass während der Wahl »einer aufsteht und geht«. Er meint damit Charles Dempsey. Doch vergisst Blatter, dass der DFB, also das Bewerbungskomitee, also der Kaiser, also Schland, also wir, diesen Mann nicht beeinflusst haben. Dieser Mann zog seine Stimme zurück, weil er einen Tag vor der Abstimmung ein seltsames Fax erhalten hatte, in dem ihm eine Kuckucksuhr nebst echtem Schwarzwälder Schinken angeboten wurde, wenn er seine Stimme für Deutschland abgeben würde. Unterschrieben war das Fax von: Martin Sonneborn, Secretary TDES (WM 2006 initiative). Martin Sonneborn war damals Chefredakteur der »Titanic«. Eine durch und durch Schland-feindliche Zeitschrift. Unseriös, unberechenbar, fies.

Dempsey räumte später ein: »This final fax broke my neck.« Die »Bild« schrieb danach vom »bösen Spiel mit Franz« und forderte ihre Leser auf, sich direkt bei der Titanic-Redaktion über das un-schlandige Verhalten zu beschweren. Zahlreiche Bild-Anhänger folgten dem Appell, schließlich hatte die Zeitung auch die Telefonnummer der Titanic-Redaktion veröffentlicht. Sie taten also, wie ihn geheißen: Sie beschwerten sich. Zum Beispiel so: »Sie sind ein verfluchter Hurensohn. Wenn ich Sie auf der Straße sehe, spucke ich Sie an.« Oder so: »Ihr müsst bestraft werden wie ein Verbrecher. Wie ein Mörder.«

Statt sich in die Reihe dieser Beschwerer mit sechsjähriger Verspätung einzureihen, »stellt« der Fifa-Chef im Hinblick auf die WM 2006 nun lediglich »fest«. Was genau, bleibt nebulös. Immerhin wird er an anderen Stellen im »Blick«-Interview konkreter. Zum Beispiel bei der Frage, wie viel Geld er in seinem Portemonnaie hat: 100 Franken und eine Kreditkarte mit einem Bild der schönen Wallisser Landschaft. Ach, dieser bodenständige Naturbursche. Danach breitet er Informationen zum 60. Geburtstag von Uli Hoeneß aus. Der Bayern-Präsident soll auf der Feier mit Freunden gewettet haben, dass Blatter bis zum Jahresende zurücktritt. Ach, diese angeblichen Freunde. Und schließlich die Geschichte über eine Beinahe-Bestechung im Vorfeld der WM 1986. Damals war Blatter Fifa-Generalsekretär. 50.000 Dollar wollte ihm ein Mann zugestecken. »Er gab mir das Geld, ich gab es ihm zurück. Fertig.«

Der ehemalige Fifa-Direktor Guido Tognoni wertet das komplette Interview als »Ablenkungsmanöver«. Um mit Loriot zu sprechen: »Ach, was!« Um mit Blatter zu sprechen: »Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv.« Und weiter: »Ich lade meine Mitarbeiter ein bis zwei Mal die Woche zum Mittagessen im Toblerhof in Gockhausen ein.« Würden Sie, Sepp Blatter, sich doch nur mal wieder auf den Weg gen Norden machen, um das wahre Schland sechs Jahre nach dem Sommermärchen kennenzulernen. Von Gockhausen nach Berlin sind es lediglich 839 Kilometer. Und hier gibt es: Kaffee und Gebäck, einen Haufen gutmütiger Menschen und wunderschöne Landschaften. Die 100 Franken können Sie gerne im Koffer mitbringen. Wir nehmen sie entgegen. Ganz sicher werden sie auch nicht für eine WM-Bewerbung verwendet. Vielleicht aber für Freundschaftsspiele in Malta, Tunesien oder Thailand.

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