20.12.2012

Sepp Blatter fordert Alkohol- und Rauchverbot

Fußball und Oper

Seite 2/15: Bälle »reinrauchen« und die Ursuppe der »Football Crowd«
Text:
Bild:
Imago

Schaut man sich die Besucher eines Theaterstücks oder eines Theaters näher an, findet man nicht nur bezüglich der Kleiderordnung Unterschiede: Frivol-humorvolle Attitüden von Fangesängen und despektierlich zur Schau gestellte Rebellion gegen gesellschaftliche Tabus sind Grundfesten der Fankultur. Eine Kultur, die sich eben darauf begründet, dass sie nicht wie andere Kulturzweige avantgardistisch hochtrabend die Gesellschaft verbessern will, sondern offen mit ihren Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheiten kokettiert. Die Kurve war, soziologisch gesehen, schon immer ein Ort, um gesellschaftlichen (Verhaltens-)Konventionen zu entfliehen und den Alltag bewusst hinter sich zu lassen. Tabakkonsum willkommen, Alkoholexzess nicht ausgeschlossen. Enthemmung ausdrücklich erwünscht.

Aber auch in historischer Hinsicht ist Blatters Vergleich eher gehunfähig als nur hinkend: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts avancierte Fußball in England zum Breitensport der Arbeiterklasse, zeitgleich wurde das Abbrennen von Tabakartikeln durch das Aufkommen der Zigarette immer populärer. Rauchwaren und Alkoholika waren danach fester Bestandteil der Ursuppe dessen, was man um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts auf Englisch »Football Crowd« nannte und aus der alles hervorging, was man heute unter dem Begriff Fußballkultur einschließt. Vor diesem Hintergrund sind Zigaretten im Stadion nicht einfach nur gesundheitsschädliche Fluppen, sondern Mittel der Sublimierung und Frustbewältigung, Genussmittel und Notnagel zugleich. Seit Nick Hornbys »Fever Pitch«, das nicht unwesentlich an der (pop-)kulturellen Wahrnehmung von Fußball beteiligt ist, weiß man außerdem, dass man als abergläubischer Fan sehr wohl Bälle »reinrauchen« kann.

Prohibition und der Ehrenstern des Walliser Weins

Es gibt Dinge, mit denen sich der Lebemann Blatter wesentlich besser auskennt: Zum Beispiel Alkohol. Wenn der 76-Jährige nämlich nicht gerade Stadien zum Prohibitionsgebiet erklärt, besitzt er ja noch den Status eines »Alten Herren« in der schlagenden Studentenverbindung »Helvetia«, die mit dem Wort unsympathisch wohlwollend umschrieben ist. Die Verbindung folgt dem Prinzip der unbedingten Satisfaktion, nimmt keine Frauen auf, und Sepp Blatter trägt dort einen verbindungsüblichen Biernamen: »Mi-Temps« (dt.: Halbzeit). Der Gipfel der Absurdität an Blatters Forderungen ist allerdings weder der Verweis auf Opernhäuser noch Blatters persönliche Integrität. Der Höhepunkt der Absurdität ist der Ort, wo Blatter seine Aussagen tätigte: Nämlich am Rande eines Weinfestes, einem Kulturereignis, bei dem er höchstselbst mit dem »Ehrenstern des Walliser Weins« ausgezeichnet wurde.

 
 
 
 
 
123456789101112131415
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden