Selbstversuch: Ein Schalker auf der Dortmunder Südtribüne

»Da muss er wohnen, der Fußballgott«

»Dieser Platz wurde für den Fußball und für die Fans erbaut« urteilte die britische »Times« und kürte das Westfalenstadion im Jahr 2009 zum besten Stadion der Welt. Doch was ist dran am Mythos »Süd«? Ein Schalker wagte den Selbstversuch: Er bestieg die Tribüne.

Der folgende Text stammt aus dem Buch »Fußball-Wunder-Bauten« (Callwey Verlag). Diese Woche erschien die 2. Auflage. Die 11FREUNDE-Redakteure Andreas Bock und Benjamin Kuhlhoff, sowie Alexander Gutzmer vom Architektur-Magazin »Baumeister« erzählen abseitige Geschichten rund im die 20 faszinierendsten Fußballstadien der Welt, angereichert wird das Ganze mit spektakulären Fotos von Reinaldo Coddou H. (u.a. »Fußballtempel). Bestellen kann man das Buch beim Verlag oder auf amazon.de

Logbuch 28. Januar 2012, 13:00 Uhr
Messner, Buhl, Bonatti – die großen Bergsteiger haben die Welt bereits mehrfach von ganz oben gesehen. Wagemutig kämpften sie sich durch vereiste Steilwände und unwegsame Achttausender hinauf. Doch einen Aufstieg ließen sie alle aus: die gelbe Wand im Westfalenstadion zu Dortmund. Und wer schon einmal vor der menschenleeren Südtribüne stehen durfte, der ahnt, warum die alpinen Heroen dieses Ungetüm stets gemieden haben. Denn der bloße Anblick der scheinbar endlosen Stahlbetonkonstruktion, diese knapp 6900 Quadratmeter graue Bedrohung lassen einem den Atem stocken. Man ahnt, dass hier schon bald knapp 25.000 Menschen zusammenkommen, um ihre 90-minütige Party durchzuziehen - ohne Rücksicht auf Verluste. Die Versuchsanordnung ist so einfach wie waghalsig: Der Autor will die Südtribüne während eines Fußballspiels besteigen. Startpunkt ganz unten: Reihe 1, Block 10. Das Ziel liegt ganz oben: Block 84, Reihe 140. Hilfsmittel: keine. Auf Sherpas wurde bewusst verzichtet, es heißt, die »Süd« sei ein Abenteuer, das man alleine erfahren sollte. Auch das Sauerstoffgerät schaffte es nicht durch den Security-Check. Die äußeren Bedingungen sind perfekt. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt, geringe Luftfeuchtigkeit, blauer Himmel, leichter Wind von Nord-West. Auf dem Gipfel liegt kein Schnee. In 150 Minuten geht es los.

Logbuch 28. Januar 2012, 15:00 Uhr
Die Tribüne füllt sich. Wie ein Schwarm Bienen auf dem Weg zur Arbeit strömen die BVB-Anhänger auf ihre Plätze. Und obwohl die Südtribüne aus frei wählbaren Stehplätzen besteht, zieht es jeden offenbar auf eine feste Koordinate. Es ist Ende Januar, das erste Heimspiel des BVB in 2012 und überall wünschen sich die Menschen ein frohes neues Jahr. Willkommen in der Familie.

Logbuch 28. Januar 2012, 15:24 Uhr
Block 10, Reihe 1 – ganz unten strömen die letzten Kuttenträger ein. Erkennungszeichen: Jeansweste, Südtribüne-Aufnäher, Pils und Kippe. Ein Blick über die rechte Schulter lässt erste Zweifel am Projekt »Besteigung« aufkommen. Es ist kein Beton mehr zu sehen, nur noch Schwarz und Gelb und Köpfe und Schals und leuchtende Augen. Für einen kurzen Moment vernimmt man eine fast gespenstische Ruhe. Es folgt ein festes Ritual: Stadionsprecher Norbert Dickel kündigt an: »Und bevor wir die Mannschaftsaufstellung verlesen, kommt wie immer 'You'll never walk alone'!« Wildfremde Menschen nehmen sich in den Arm, halten den Schal des Nebenmannes, ein Mann names »Lucky« drückt sich eine Träne aus dem Knopfloch. Man zwinkert sich wissend zu. Für die nächsten 82 Sekunden spricht die Süd mit einer Stimme: Walk on!

Logbuch 28. Januar 2012, 15:30 Uhr
Anpfiff. Der Ball rollt. Zwei Männer unterhalten sich über die wichtigen Themen: Schwangerschaften. Der Eine: »Ich bin froh, dass es bei euch endlich geklappt. Es kann ja auch nicht jeder Schuss ein Treffer sein.« Der andere: »Ham wir noch wat auf der Karte? Ich brauch Pils.« Man versteht sich.

Logbuch 28. Januar 2012, 15:46 Uhr
Block 10, Reihe 4: Die Reise beginnt, der Ellenbogen wird zum wichtigsten Hilfsmittel. Und eines ist bereits nach wenigen Minuten klar. Wer seinen Platz auf der Süd wechselt, der fällt auf. »Du stehs auch nich oft hia, oda«, ist die meistgehörte Frage auf dieser Expedition. Und bevor man antworten kann, fällt das 1:0 durch Shinji Kagawa. Die Süd explodiert. Literweise Bier fliegt durch die Luft und landet in eiskalten Schwällen im Nacken des Vordermanns. Ein Rinnsal Gerstensaft sucht sich seinen Weg über die Wirbelsäule gen Süden. Eine Taufe nach Dortmunder Art. Halleluja.

Logbuch 28. Januar 2012, 15:55 Uhr
Block 10, Reihe 13. 25.000 vollkommen Entrückte setzen zum kollektiven Pogo an. 50.000 Beine bringen den kalten Beton zum Beben. Es ist, als würden hunderte Elefanten über die Tribüne getrieben. Dem Neuling sackt kurz das Herz in die Hose. Der Blick wandert zu Boden. Suchend, ehrfürchtig, ängstlich. Sind irgendwo Risse in den Betonstufen? Tut sich der Boden auf? Ist das Ende nah? Nein, eine Mittvierzigerin rempelt mit einem breiten Grinsen mit. Ihre Haare sind entweder vergilbt oder gefärbt, aber auch jeden Fall sehr gelb, ihre Haut gegerbt von der Höhensonne aus der Steckdose. Als man zaghaft zurückstoßen will, bricht sie in Gelächter aus und fährt den Ellenbogen aus. »Heja BVB«, brüllt sie. »Ich heiß Katha!« Hallo Katha!

Logbuch 28. Januar 2012, 16:01 Uhr
Block 11, Reihe 31: Kevin Großkreutz erhöht auf 2:0. Er ist ein Sohn der Südtribüne. Einer, der es vom heiligen Beton auf den heiligen Rasen geschafft hat. Vor nicht einmal vier Jahren hat er noch selbst hier gestanden und gehüpft, gebrüllt, gesungen. Jetzt steht er auf der anderen Seite und sorgt für den nächsten Gerstensaftorgasmus. Ein modernes Fußballmärchen. Die nächste Ladung Bier setzte zum Landeanflug an. Längst alles egal, längst ist man Mikrobestandteil der gelben Wand, aufgesaugt von jener gelbschwarzen Masse, die den Boden zum Beben, die Luft zum erzittern, die Tribüne zum Leben und den Kreislauf bis an den Rande der Belastbarkeit bringen. Dieses Monster treibt jedem den Schweiß auf die Stirn. Mittlerweile wird nicht einmal mehr der bemitleidenswerte Gegner ausgepfiffen. Er ist allenfalls Statist in diesem Spektakel. Oder ehrfürchtiger Zuschauer. Kommt ganz auf den Blickwinkel an.

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