Selbstversuch: Datentracking im Freizeitfußball

Die Vermessung des Elends

»Was die können, kann ich auch!« Allzu oft hat unser Autor diesen Satz über Profis gesagt. Nun hat er seine Leistungsdaten während eines eigenen Spiels in der Freizeitliga erfassen lassen.

Bild: Florian Regeler

Euch kann ich es ja sagen: Ich bin so schnell wie Arjen Robben, habe ein Laufhärte wie Christoph Kramer und das taktische Verständnis eines Xabi Alonso. Ich bin ein Allrounder, nach dem sich jeder Trainer von Borkum bis Mailand die Finger leckt. Zumindest dachte ich das immer. Am Samstag wurde ich dann zum gläsernen Spieler, denn ich habe mein Leistungsdaten per GPS-Chip erfassen lassen. Nun sehe ich die Dinge etwas anders.

Zur Erklärung, nach langjähriger Abstinenz vom aktiven Fußballsport bin ich zu Beginn dieser Spielzeit auf den Rasen zurückgekehrt. Damals, als ich aufgehört habe, war ich recht ambitioniert, immerhin hatte ich es bis in die Verbandsliga geschafft. Das ist jetzt knapp zehn Jahre und 15 Kilo her. Doch das Gefühl war beim ersten Training wieder das alte. Ich war pfeilschnell, technisch überragend, gesegnet mit einer Übersicht, die Chamäleons in Erstaunen versetzen würde. Doch wie groß die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild und der Außenansicht sein kann, ahnte ich spätestens, als mein Trainer mir zuletzt vor versammelter Mannschaft sagte: »Wenn der Gegner einen schnellen Stürmer hat, dann rückst Du lieber vor auf die Sechs.« Intern trage ich seit einem verlorenen Laufduell  (mit anschließendem Gegentor) in meinem zweiten Spiel ohnehin längst den Rufnamen »Wanderdüne«, selbst eine eisgekühlte Kiste Bier zum Einstand konnte mein Standing nicht verbessern. Hatten mir meine Jugend-, Auswahl- und Herrentrainer jahrelang etwas vorgelogen? Was für ein Spielertypus war ich denn nun?

Im Sport-BH in der Kabine

Just in diesen Momenten der Selbstzweifel lag ein Gerät namens FieldWiz auf meinem Schreibtisch. Diese kleine Wunderkiste soll es Amateurfußballern und -trainern aller Klassen zukünftig ermöglichen, ihre Laufleistung, Sprintgeschwindigkeiten und Positionen auf dem Feld zu sammeln und zu visualisieren. Und das alles zu einem bezahlbaren Preis. Derzeit suchen die Gründer per Crowdfunding noch nach Spendern und Investoren, um den kleinen Chip in Serie zu bringen. Einen Haken hat die Sache allerdings. Um das Gerät sachgemäß zu verwenden, muss man eine Art Sport-BH tragen. Das macht einen zum Gespött in der Kabine, aber im Dienste der Wissenschaft muss man eben auch bereit sein, Opfer zu bringen. Ohne diesen Pioniergeist gäbe es heute keine Flugzeuge, keine Feuerzeuge und, Herrimhimmel, auch nicht diesen Text. Nach einem 90 minütigen Kampfspiel im Sport-BH, an dessen Ende dummerweise auch noch eine 0:1-Niederlage stand, ließ ich die Daten schließlich auslesen.



Fangen wir am besten mit den positiven Erkenntnissen an. Als Teil einer Doppelsechs – ja, der Gegner hatte einen schnellen Stürmer in seinen Reihen – lief ich in 90 Minuten sagenhafte 9,62 Kilometer. Zum Vergleich: Spitzenkräfte der Bundesliga laufen auf dieser Position im Schnitt nur drei Kilometer mehr, was ungefähr dem Anfahrtsweg von meiner Haustür zu unserem Platz entspricht. Da ich diese Strecke zuvor also bereits mit dem Fahrrad zurückgelegt habe, bescheinige ich mir in der Kategorie Laufhärte durchaus Bundesligatauglichkeit. Relativiert wird dieser Wert allerdings durch die Tatsache, dass ich fast 65 Prozent der zurückgelegten Strecke in einem Tempo unter 10 km/h absolviert habe, einer Geschwindigkeit also, bei der nicht mal Rentner mit Rollator ins Schwitzen geraten.

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