Sebastian Boenisch und Eugen Polanski in Polen

Alte Heimat

Wie wichtig den Polen das heutige Spiel gegen Deutschland ist, zeigt auch die Diskussion um die Bundesligaprofis Sebastian Boenisch und Eugen Polanski. Während der eine östlich der Oder geliebt wird, zeigt man dem anderen die kalte Schulter. Sebastian Boenisch und Eugen Polanski in Polenimago

Gestriegelt sah die deutsche Nationalmannschaft aus, als sie am gestrigen Dienstag aus der Lufthansa-Maschine am Danziger Flughafen ausstieg. Jogi Löw wie immer in einem taillierten Hemd, dass Sakko lässig in der Hand, die Spieler dagegen in modischen, grauen Strickjacken. Der Dame von Drei-Wetter-Taft, die Ende der achtziger Jahre morgens in Hamburg startete, einen Zwischenhalt in München einlegte und abends mit perfekter Frisur in Rom landete, hätte die DFB-Reisegruppe gestern problemlos Konkurrenz machen können. Ganz zu Freude der polnischen Presse, die mit unzähligen Fotografen und Kamerateams die WM-Dritten in der Ostseemetropole begrüßte und fast den ganzen Tag nicht mehr aus den Augen ließ.

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Das Interesse der polnischen Medien zeigt, welche Bedeutung die Spiele gegen Deutschland haben. »Nur noch die Duelle mit England wecken bei den polnischen Fans solche Emotionen«, schreibt die »Gazeta Wyborcza«, eine der wichtigsten Tageszeitungen des Landes, in ihrer heutigen Ausgabe. Und dies liegt unter anderem an der für Polen unrühmlichen Bilanz. Keine der bisher 16 Begegnungen konnten die »Weiß-Roten« für sich entscheiden. Lediglich vier Unentschieden verzeichnen die Statistiken, dafür aber zwölf Siege der Deutschen.

»Vielleicht gewinnen wir am Dienstag«, erklärte im Vorfeld der heutigen Partie der ehemalige Nationaltrainer Jacek Gmoch, der 1978 bei der WM in Argentinien in der Vorrunde nur ein 0:0 gegen eine damals unterlegene DFB-Elf herausholte und 1974 zum Trainerstab von Kazimierz Gorski gehörte. Bei diesem Turnier erlitten die Polen jene Niederlage, die sie bis heute am meisten schmerzt und östlich der Oder den deutsch-polnischen Duellen den besonderen Mythos verlieh. Selbst junge polnische Fußballfans sind davon überzeugt, dass ihre damals technisch überlegene Mannschaft niemals 0:1 verloren hätte, wenn es zu einem Spiel bei regulären Bedingungen gekommen wäre und nicht zu der mittlerweile legendären »Wasserschlacht von Frankfurt«. Auch deshalb wird seitdem generationenübergreifend bei jeder Begegnung auf eine Revanche gehofft.

»Auf diesen Tag habe ich mein ganzes Leben gewartet«

Doch nicht nur die sieglosen Spiele machen die heutige Partie besonders, sondern zwei Spieler, die gemeinsam 202 Spiele im DFB-Trikot hinter sich haben, das Licht der Welt jedoch östlich der Oder erblickt haben: Lukas Podolski und Miroslav Klose. »Ich kann nicht nur dieses Spiel kaum noch erwarten, sondern die ganze Euro, die in meinem Heimatland stattfinden wird. Dies ist für mich ein sehr emotionales Ereignis«, sagte gestern Miroslav Klose der polnischen Presse und dürfte damit einige Polen überrascht haben. Denn im Gegensatz zu Podolski, der sich in einem heute erschienen Interview in der Sportzeitung »Przeglad Sportowy« als Pole bezeichnet, verwies Klose selten auf seine polnische Herkunft. Ein Umstand, der den Stürmer östlich der Oder nicht gerade beliebt machte, während Podolski zu einem Liebling der polnischen Medien und Fans avancierte.

Doch nicht nur im deutschen Team gibt es Personen, die einen Bezug zu ihrem heutigen Gegner haben. »Auf diesen Tag habe ich mein ganzes Leben gewartet.« So kündigte der polnische Nationaltrainer Franciszek Smuda vor einigen Tagen das heutige Länderspiel an. Dies sagte Smuda aber nicht nur, weil Spiele gegen Polen schon aus sportlicher Sicht eine besondere Bedeutung haben, sondern weil Smuda selber mit Deutschland und dem hiesigen Fußball eng verbunden ist.

Seine aktive Laufbahn ließ er Anfang der achtziger Jahre bei der SpVgg Fürth und dem VfB Coburg ausklingen. Später machte er seinen Trainerschein in Deutschland und sammelte hier auch die ersten Erfahrungen als Fußballlehrer. Selbst mit dem Beginn seiner Trainertätigkeit in Polen, die über den Umweg Türkei begann, endete die Beziehung zwischen Smuda und Deutschland nicht. Bis heute besitzt »Franz«, wie Smuda in Polen gerufen wird, ein Haus in der Nähe von Nürnberg, in das er mal als Bundesligatrainer zurückkehren möchte. Das erklärte er in der Vergangenheit.

Wie sehr Smuda den deutschen Fußball schätzt, sieht man auch an dem sich immer mehr herauskristallisierenden Kader der polnischen Nationalmannschaft für die anstehende EM. Mit dem Kölner Adam Matuschyk, dem Bremer Sebastian Boenisch und neuerdings auch dem Mainzer Eugen Polanski, setzt er auf drei polnischstämmige Spieler, die den Fußball in Deutschland erlernt haben. Doch die Gründe, weshalb sich die drei Spieler für eine Karriere in der polnischen Nationalmannschaft entschieden haben, sind unterschiedlich.

Für den defensiven Mittelfeldspieler Matuschyk, der so wie sein Teamkollege Lukas Podolski im oberschlesischen Gleiwitz (Gliwice) geboren wurde und im Kindesalter nach Deutschland kam, war von Anfang an klar, dass er nur für Polen spielen möchte. Seit dem 15. Lebensjahr durchlief er alle PZPN-Jugendmannschaften, bis er im Mai 2010 im Spiel gegen Finnland in der A-Nationalmannschaft debütierte. Zuletzt spielte er am Freitag gegen Mexiko in Trikot mit dem weißen Adler. Ob er aber auch zum EM-Kader gehören wird, ist unklar. Einerseits hängt das von seiner Position im Verein ab, die seit dem Amtsantritt von Stale Solbakken immer schwächer wird, anderseits von der Konkurrenz in der polnischen Nationalmannschaft ab.

Polanski fühlt sich als Deutscher, spielt aber für Polen

Und diese kommt seit dem 10. August ausgerechnet ebenfalls aus der Bundesliga. An dem Tag debütierte Eugen Polanski im Länderspiel gegen Georgien im polnischen Nationaltrikot. Und wahrscheinlich auch im heutigen Spiel gegen Deutschland wäre Polanski aufgelaufen, wenn er sich am vergangenen Bundesligaspieltag nicht verletzt hätte. Doch während er von Franciszek Smuda vermisst wird, hält sich der Schmerz der polnischen Fußballfans in Grenzen. Und dafür ist Polanski selbst verantwortlich.

Noch vor gar nicht so langer Zeit erklärte er gegenüber der polnischen Presse, dass er »sich als Deutscher fühle und für Deutschland spielen möchte.« Polanski, der in den Jugendmannschaften des DFB spielte, bekam jedoch nie die Gelegenheit, ein A-Länderspiel zu absolvieren und entschied sich für die polnische Nationalmannschaft. Während Smuda ihn mit Kusshand aufnahm, reagierte die polnische Öffentlichkeit distanzierter, ja sogar unterkühlt – und dies wegen seiner früheren Aussagen. »Wir haben bessere Spieler als Polanski auf der Position«, erklärte Fußballlegende Zbigniew Boniek und bekam dafür von der Öffentlichkeit viel Zustimmung.

Ganz anders dagegen ist die Position von Sebastian Boenisch. Der Bremer, der mit der deutschen U-21 vor zwei Jahren die EM gewann, wurde von Franciszek Smuda seit seinem Amtsantritt umgarnt. Boenisch machte aus seiner Unentschlossenheit nie ein Geheimnis, was ihm in Polen bis heute keiner übel nimmt, obwohl den meisten polnischen Fußballfans klar ist, dass er sich nur deshalb für die »Weiß-Roten« entschieden hat, weil die Konkurrenz in Deutschland zu stark ist. Im Gegensatz zu Polanski bekannte sich Boenisch jedoch nie klar für Deutschland, was sich an seinem Ansehen in Polen bemerkbar macht.

»Ein gutes Ergebnis ist auch für uns möglich«

Obwohl er wegen seiner Verletzung bisher nur zwei Spiele in der polnischen Nationalmannschaft absolvierte, wird er in Polen geachtet und sportlich vermisst. Auch deshalb weil er sich bemüht, in der polnischen Nationalmannschaft zu integrieren. Trotz seiner Verletzung weilt er im polnischen Trainingslager und glaubt an ein heutiges gutes Spiel. »Aufgrund des Konkurrenzkampfes innerhalb des deutschen Mannschaft, werden die Deutschen alles geben. Aber ein gutes Ergebnis ist auch für uns möglich«, sagte er heute.

Wie sich seine alten Kollegen aus dem DFB-Jugendmannschaften und die neuen aus der polnischen Nationalmannschaft machen werden, wird sich Boenisch heute im neuerbauten Danziger Stadion anschauen.

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