Seattle vs. Portland: Die Entdeckung der europäischen Fankultur

American Fighters

Am vergangenen Wochenende kam es in den USA zum großen Pazifikderby Portland Timbers gegen Seattle Sounders. Ein Spiel, das zeigte: Die Zeit des Popcorn-Fußballs in den USA ist vorbei.

Was wissen wir schon über die Major League Soccer? Gut, da gibt es die Los Angeles Galaxy und New York Red Bulls. Bei den einen hat David Beckham gespielt, bei den anderen kickt Thierry Henry. Außerdem sind oder waren die Deutschen Christian Tiffert, Frank Rost, Torsten Frings oder Arne Friedrich in der MLS aktiv. Und sonst?
 
In unseren Köpfen hüpfen dauergrinsende Cheerleader vor der Kurve auf und ab, rosafarbene Elefanten bestreiten jonglierend das Halbzeitshowprogramm und Männer in XXL-Trikots trinken Bier aus XXL-Bechern. Dazu: abgehalfterte Ex-Helden und alternde Semi-Stars aus Europa und Südamerika.

Der bunte Support der Sounders und Timbers
 
Allerdings gibt es in den USA seit einigen Jahren zwei interessante Mannschaften, deren Fanszenen sich verstärkt am europäischen Support orientieren. Ihre Gruppen nennen sich Torcida oder Ultras. Die Klubs heißen Seattle Sounders und Portland Timbers, und sie trafen am vergangenen Wochenende aufeinander.
 
Wenige Tage vor dem Spiel kursierte ein Clip im Internet, der auf das Spiel einstimmte. Man konnte das aus alter europäischer Blasiertheit als albern, hölzern, unecht, konstruiert oder was auch immer abtun, denn das Video wurde vom Verband geschnitten und für Promotionzwecke eingesetzt. Man konnte sich aber auch einfach an den Bildern erfreuen.

»Es ist dort nicht anders, als in Europa zu spielen«
 
Schließlich verstand man nun ein bisschen, was der TV-Sender ESPN meinte, als auf deren Internetseite ein Autor kürzlich schrieb: »Es ist, als habe man Buenos Aires an die nordwestliche Pazifikküste gelegt.« Man konnte auch Alan Hinton ein wenig nachfühlen, denn der ehemalige Derby-County-Spieler und Ex-Trainer der Sounders hatte die Spiele zwischen den Sounders und Timbers früher mit Derbys in der englischen Premier League verglichen. Und selbst Landon Donovan nahm man ein wenig seine Behauptung ab, dort sei es nicht anders, »als in Europa zu spielen«.
 
Dort, in Portland, gibt es neben der großen Ultraguppe »Timbers Army« zum Beispiel den Kettensägenmann. Ein tollkühner Typ. Seine Geschichte fing irgendwann Ende der siebziger Jahre an, als US-Fußball außerhalb von Cosmos New York noch so populär war wie Eisstockschießen in Nigeria. Eines Tages stand ein Mann namens Jim Serrill vor dem Stadion der Portland Timbers. In der Hand hielt er eine Kettensäge.
 
Sofort stellten sich Ordner in seinen Weg. »Bist du irre!«, rief einer, und ein anderer sagte: »Du kannst das Ding nicht mit in den Block nehmen!« Doch Jim, ein Mann der alten Lumberjack-Schule, beharrte auf seinen Einlass. Schließlich kam der damalige Klubchef Keith Williams hinzu. Nach langen Diskussionen um Traditionen und Kultur in der Region, erlaubte er Jim, sein Lieblingswerkzeug mit ins Stadion zu nehmen. Mehr noch: Er installierte Jim als eine Art Entertainer. Als Kettensägenmaskottchen. Das war 1978.

Die heilige Holzscheibe
 
Fortan zersägte Jim vor der Fankurve Baumstämme und nannte sich »Timber Jim«. Das machte er beinahe 30 Jahre lang. Ende 2006 schaltete er eine Annonce in einer Lokalzeitung, denn er wollte seinen Job abgeben. 2008 übergab er die Säge an Joey, der sich »Timber Joey« taufte.
 
»Timber Joey« sägt seitdem ebenfalls, was das Zeug hält. »Die Fans rasten schon aus, wenn ich die Maschine nur anschmeiße«, sagte er einmal in einem Interview mit 11FREUNDE. Wenn er den Stamm zersägt hat, geht er mit der Holzscheibe an den Tribünen entlang – und die Fans berühren sie, als wäre sie heilig. Nach dem Spiel übergibt Joey die Scheiben an die besten Spieler. Auch Joey ist ein tollkühner Typ.

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