Scilly Inseln: Die kleinste Liga der Welt

Eine Insel mit zwei Toren

Auf den Scilly Inseln, 50 Kilometer westlich von Cornwall, treten Woche für Woche zwei Teams in der kleinsten Liga der Welt gegeneinander an. Wird das nicht irgendwann langweilig?

Jacobo Benassi
Heft#98 01/2010
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Hinweis: Diese Reportage erschien in Ausgabe #98 im Januar 2010. Hier veröffentlichen wir sie erstmals in voller Länge.

Zwei Männer sitzen in einem Container. 50, vielleicht 60 Quadratmeter groß, ein Flughafenterminal. Regen peitscht gegen das Wellblech und durchtränkt die riesige Wiese vor den Toren – die Start- und Landebahn des »Land‘s End Airport«.

Kevin Leeman und Ben Morton-Clark warten hier, dass der Pilot die Propeller der Sechs-Personen-Cessna startet und sie nach St. Mary’s fliegt, der größten der 140 Scilly Inseln. Aber er tut es nicht. Gegen Mittag werden bis auf weiteres alle Flüge wegen Unwetters gestrichen, und die Männer zucken mit den Achseln.

Für Leeman, den Geografielehrer der St. Mary’s Secondary School, ist das kein großes Unglück; es ist Samstag. Für Morton-Clark sieht die Sache anders aus. Er war längere Zeit auf dem Festland unterwegs, um seinen Bruder nach Neuseeland zu verabschieden. Der hochgewachsene Abwehrspieler der Woolpack Wanderers sollte am Sonntag im vierten Saisonspiel gegen die Garrison Gunners auflaufen. Nun steht er am Fenster, einen Rucksack auf dem Rücken, die Hand im Zehn-Tage-Bart. Es ist ein wichtiges Spiel, die Wanderers haben zwar die ersten drei Partien gewonnen, eines gar 13:3, doch am Sonntag, das weiß der 31-Jährige, werden die wichtigen Stützen der Gunners wieder genesen sein.

Morton-Clark aber schimpft nicht aufs Wetter, er steht ruhig da, und seine Blicke verlieren sich auf ausliegenden Postkarten und Prospekten, auf denen die Isles of Scilly aussehen wie karibische Inseln.

Nordwind. Seemöwen. Blut.

Am Sonntag ist das Garrison Field, der einzige Fußballplatz auf St. Mary’s, aufgeweicht vom vielen Regen, und auch wenn die Wolken nun aufbrechen, fegen die Nordwinde unaufhörlich übers Spielfeld und die Spatzen kämpfen gegen die Böen, um nicht in den Klippen zu landen. Die Seemöwen suchen Schutz in den Buhnen. Der Ball klebt fast 90 Minuten in der südwestlichen Ecke des Feldes. Andy Hicks, 32, Außenstürmer der Garrison Gunners, steigt zum Kopfball hoch, es klatscht laut, Blut läuft aus einer Wunde und Hicks bleibt am Boden liegen. Doch dann rappelt er sich auf, und lässt sich an der Seitenlinie den Kopf verbinden. »Wie Terry Butcher«, denkt er und rennt mit einem Turban aus Mull zurück aufs Feld. Es läuft die 50. Minute. »Wo ist Ben Morton-Clark?«, ruft einer. »Er wird nicht mehr kommen«, antwortet ein anderer.

Es ist das Schicksal der Scillonians: abgeschieden zu sein, abgeschnitten vom Rest am ausfransenden Rand Europas. »Auch wenn wir das Festland sehen können, fühlt es sich hier bei Unwetter an wie das Ende der Welt«, sagt Andy Hicks. Es ist einer der Gründe, weshalb es auf St. Mary’s nur zwei Teams gibt: die Woolpack Wanderers und die Garrison Gunners. Unter den knapp 1700 Einwohnern finden sich zu wenig aktive Fußballer, und für die Mannschaften vom Festland würden Auswärtsfahrten auf St. Mary’s jedes Mal eine Odyssee bedeuten.

»Langweilig ist es hier nie«

Andy Hicks hat sich – wie Leeman, wie Morton-Clark, wie alle hier – längst mit der Insel-Situation arrangiert. Es ist für ihn der Alltag, er kennt es gar nicht anders, denn er lebt seit seiner Geburt hier. Nur einmal war Hicks längere Zeit fort, er studierte in Southampton Yachtdesign, später wechselte er zum Bootsbau. Wirklich heimisch fühlte er sich nie. »Manchmal glaubte ich, ich würde in der Stadt verlorengehen«, sagt Hicks heute.

Er kam zurück nach St. Mary‘s, spielte seine erste Saison in der Scilly Football League und heuerte als Bootsbauer unten am Porthmellon Beach bei »Peter Martin‘s Boat Shed« an. 1998 war das. Diesen Winter bessert Hicks die Planken des Fischkutters »Snowy Owl« aus. »Langweilig?«, sagt Hicks, und seine markanten Wangenknochen treten hervor. »Langweilig ist es hier nie. Die Insel ist das Paradies. Und die Liga – warum sollte die langweilig sein? Es ist doch Fußball, Mann!«

Sechszehn Spiele pro Saison

Von November bis März, immer sonntags, treten die Gunners und die Wanderers in der Scilly Football League gegeneinander an, sechzehn Mal insgesamt, immer auf demselben Platz. Jede Woche wiederholt sich die Partie, mal heißt sie Woolpack Wanderers gegen Garrison Gunners, am nächsten Sonntag Garrison Gunners gegen Woolpack Wanderers. Manchmal fragt jemand: »Woher wisst ihr, dass diese Woche ein Heimspiel ist?« Die Spieler antworten dann: »Weil wir letzte Woche auswärts 
gespielt haben.«

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