Schweizer Fans klauen Elfmeterpunkt

Entführung aus dem Espenmoos

Weil sie beim letzten Spiel im alten Espenmoos nicht auf den Rasen durften, verschafften sich Fans des FC St. Gallen ihre Genugtuung: In einer Nacht- und Nebelaktion stahlen sie ein Stück Strafraum. Philipp Köster berichtet. Schweizer Fans klauen Elfmeterpunkt
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Die Entführer kamen am hellichten Tag ins Stadion Espenmoos in St. Gallen, hoben mit einem Spaten den Elfmeterpunkt vor der Südkurve in einen Eimer und marschierten unerkannt von dannen. Anschließend schickten die Kidnapper ein Bekennerschreiben samt selbstgedrehtem Video an das Umsonstblatt »20 Minuten« und erklärten den Coup: »Die Sicherheitsvorkehrungen gegen Souvenirjäger auf dem Espenmoos veranlassten uns dazu, das wertvollste Stück Espenrasen vorzeitig zu ergattern.«

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Zum Verständnis: Der FC St. Gallen zieht zur neuen Saison in ein neues Stadion um, das traditionsreiche Espenmoos dient noch während der EM den Rumänen als Trainingslager und wird dann zurückgebaut. Der Verein hatte angekündigt, nach dem letzten Spiel keine Fans auf den Rasen zu lassen. Für die Entführer unverständlich: »Jahrelang sind wir jedes zweite Wochenende auf den heiligen Brettern der Südkurve gestanden und haben »Grün-Weiss« zugejubelt«, schrieben sie. »Als FC-Junioren hatten wir gar die Ehre, gegen den ehemaligen Ersatztorhüter, Thomas Alder, im Pausen-Penalty-Schiessen vor der Südkurve anzutreten.« Die Entführung des Rasenstücks verbanden die Aktivisten jedoch nicht mit den üblichen Forderungen, sondern kündigten lediglich an: »Wir versprechen, dem kleinen Stück Espenmoos die Pflege zukommen zu lassen, die es verdient.«

»Wir wollen ein Exempel statuieren«


Die Aktion schlug hohe Wellen. Fernsehteams rückten an, zahlreiche Zeitungen berichteten, der Verein reagierte erzürnt. Eine zweite »hirnlose« Tat müsse mit aller Gewalt verhindert werden, gab Patrick Köppel, administrativer Leiter des FCSG, zu Protokoll: »Wir wollen ein Exempel statuieren«. Also stellte der Verein Strafanzeige und drohte mit einem dreijährigen Stadionverbot. Was wiederum die Entführer verstörte: »Wir verstehen die übertriebene Reaktion von Patrick Köppel bis zu einem gewissen Punkt. Auch die Angst vor Nachahmungstätern scheint uns berechtigt«, schrieben sie in einer Depesche. Bevor nun Hobbygärtner lange Schlangen vor dem Espenmoos bilden, um auf den nächsten freien Elfmeterpunkt zu warten, schlugen sie vor, das Corpus Delicti zu versteigern, dafür müsse allerdings die Strafanzeige zurückgezogen werden. Das wiederum konnte sich dann auch der Verein vorstellen, zumal das Loch im Rasen bis zum Trainingsauftakt der Rumänen wieder wie unberührt aussehen wird.

Ganz neu war die Idee, heimlich einen Elfmeterpunkt zu kidnappen, nicht. Vor Jahren schon buddelten Fortuna-Anhänger einen Elfmeterpunkt am Düsseldorfer Flinger Broich aus, verbanden damit allerdings die knallharte Forderung nach der Rettung des finanziell angeschlagenen Klubs. Und kurz bevor das Berner Wankdorfstadion 2001 gesprengt wurde, war ebenfalls ein Penaltypunkt gestohlen worden und später einem Fan der Young Boys feierlich als Geburtstagsgeschenk überreicht worden. Der Diebstahl hatte damals übrigens Folgen: Im folgenden YB-Heimspiel verschoss die Berner Legende Erich Hänzi vom hastig wieder aufgefüllten Punkt einen Elfmeter.


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