Schweinsteiger versus »Sport Bild«

Aktion Mensch

»Ganz ehrlich, ich habe keine Lust mehr«, maulte Bastian Schweinsteiger gestern einen Journalisten an. »Wegen so einem Pisser brauche ich mich nicht so zutexten lassen. Arschloch…« Drastische Worte – und doch allzu verständlich. Schweinsteiger versus »Sport Bild«

Christian Falk ist kein »Pisser« und auch kein »Arschloch«. Er ist bloß Reporter der »Sport Bild«. Man muss das sauber trennen, denn gestern geriet es auf kompromittierende Weise durcheinander: Bei einer Pressekonferenz des FC Bayern München beschimpfte Bastian Schweinsteiger den Springer-Angestellten aufs Deftigste. 

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Der Artikel, der Schweinsteiger zu seiner Tirade hingerissen hatte, stammt aus der vergangenen Woche und war mit »Analyse« überschrieben. Man kann das Etikettenschwindel nennen, man kann es auch einfach hinnehmen als die typische Flexibilität, mit der die »Sport Bild« auch jene Texte benennt, die im Genre der Polemik anzusiedeln sind. Geschenkt. Wer »Sport Bild« liest, sollte es es ohnehin nicht so genau nehmen. Die Lektüre mag der leichten Unterhaltung dienen, sollte aber mit kritischer Distanz betrieben werden. Die »Sport Bild« könnte die »Bravo« des Fußballs sein – wäre Fußball nicht ein hochemotionales Geschäft, betrieben von hochemotionalen Menschen.

Hochemotional wie Bastian Schweinsteiger. Und der liest die »Sport Bild« eben nicht als Zerstreuungsheftchen, sondern als Meinungsmedium. Er nimmt sie ernst, vielleicht ein bisschen zu ernst.

Nun musste er dort über sich lesen, er sei nur ein »Chefchen«, er breche stets unter dem Druck der Erwartungen ein, »am Ende stürzte van Gaal auch über ihn«. Und weiter: »Bei Bayern gilt er einigen Mitspielern ohnehin als Ich-AG«, »beim Thema Schicki-micki ist er ganz weit vorn«. Schließlich: »Kritikfähigkeit war noch nie seine Stärke«. 

Zugegeben, Letzteres ist eine einigermaßen clevere Konstruktion. Eine Behauptung, die sich spätestens jetzt selbst bestätigt hat. Mit Verlaub: »Sport Bild« spuckt Schweinsteiger ins Gesicht und meldet vorab, er sabbere. 

»So wie du schreibst, hast du keine Ahnung«

Denn tatsächlich ließ dieser die als Kritik getarnte Verunglimpfung nicht auf sich sitzen. Er schlug zurück. Und das drastisch. »So wie du schreibst, hast du keine Ahnung«, wandte Schweinsteiger sich an Christian Falk persönlich. »Du hast ja auch so viele Spiele bestritten. Du siehst nicht den richtigen Fußball. Glaubst du, Louis van Gaal hat sich hier immer umsonst aufgeregt, wenn er ständig argumentieren musste?« Und er schloss mit den Worten: »Ganz ehrlich, ich habe keine Lust mehr. Wegen so einem Pisser brauche ich mich nicht so zutexten lassen. Arschloch…« 

Die »Sport Bild« selbst hat sich heute reflexartig aus der Rolle des Agent Provocateur in die des Zeugen zurückgezogen und schreibt in ihrer Online-Ausgabe von einem »Ausraster«. Die »Welt« nennt es einen »Eklat«, die »Süddeutsche Zeitung« beschwört unter dem Begriff »Wutrede« gar Trapattoni, Sdrrrrruuunz und Flasche leer. Als wäre da jemand ganz plötzlich wahnsinnig geworden. 

Kein »Eklat« – sondern genau das, was die meisten von uns tun würde

Dabei ist es nur die allzu rotzige Wortwahl, die Schweinsteigers Auftritt wie einen Amoklauf aussehen lässt. Was ihn antrieb, kann man durchaus nachfühlen: Sich gegen einen Journalisten zu verteidigen, der ihn piesackt, ist wohl wirklich Zeitverschwendung. Dieser tut nur das, was ihm die Redaktionsräson gebietet – und wird es niemals lassen, so oft Schweinsteiger auch dagegenhält.

Man muss solche Gespräche also abbrechen dürfen. Das ist kein »Eklat« – es ist genau das, was die meisten von uns tun würden, würde man sie blöd von der Seite anmachen. 

Dass sich Schweinsteiger für diesen Moment aus der Rolle des rhetorikgeschulten, stressresisenten und letztlich schmerzfreien Pressekonferenzenroutiniers gelöst und ganz als er selbst auf den Tisch gehauen hat, macht ihn durchaus sympathisch. Zumindest denjenigen unter uns, die es keine halbe Stunde ertragen würden, ihre Arbeit unter den Augen eines Reporters verrichten zu müssen, dem man es an manchen Tage gar nicht recht machen kann. Alle anderen möchten sich bitte an Philipp Lahm festhalten, dem Hans-Dietrich Genscher des deutschen Fußballs.  

Bastian Schweinsteiger hat jene Dauerdurchleuchtung seit nunmehr neun Jahren erduldet. Eine Zeitspanne, in der »Bundesligaprofi« und »Medienprofi« zu Synonymen für ein und dasselbe geworden sind: einen telegenen jungen Mann, der als Projektionsfläche für Klatschstorys zu dienen hat. Mal positive, mal negative – je nach Gusto der Berichterstatter. Ihm wird abverlangt, dass er das aushalten müsse. Dafür verdiene er ja einen Haufen Geld. Schmerzensgeld.  

Bei Bastian Schweinsteiger sind offenbar noch nicht sämtliche Fluchtinstinkte erstickt. Er fühlt noch etwas. Das ist die gute Nachricht des Tages.

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