Schuld und Sühne der Funktionäre

„Ja, er sitzt noch!“

Korruption und Abgabenhinterziehung gedeihen in den Fußball-Ligen wie Schimmelpilz in den vernachlässigten Duschkabinen eines Vereinsheims. Philipp Köster analysiert den psychologischen Hintergrund der illegalen Machenschaften. Imago
Heft #68 07 / 2007
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Wahrscheinlich sind die Wände des Gefängnis Graz-Jakomini zu dick. Vielleicht hatte Hannes Kartnig (Foto) auch gerade Umschluss. Vielleicht aber hat er sie auch gehört, die Fans von Sturm Graz, die neulich in der Straßenbahn am Gefängnis vorbeifuhren. „Nie mehr Hannes Kartnig“ sangen sie auf dem Weg zum letzten Derby gegen GAK, und sie klangen eher belustigt als wütend.

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Dabei hätten sie allen Grund, Häftling Kartnig zu zürnen. Dem ist nämlich zu verdanken, dass es Sturm Graz erstmals in seiner Vereinsgeschichte so richtig an den Kragen ging, Beinahe-Pleite und Lizenzrückgabe für die erste Liga inklusive. Der beleibte Lebemann Kartnig hatte Jahre lang den großen Zampano in Graz gegeben. Zwei Meisterschaften, zwei Pokalsiege fallen in seine Amtszeit, aber auch eine bisweilen sagenhaft anmutende Geldverschwendung. Sturm Graz diente Kartnig zur Befriedigung seiner Eitelkeit, ob er über diesen Weg auch seine Zockerleidenschaft finanziert hat, wird derzeit noch geprüft.

Zu Sexparties auf ein Hausboot gelockt


In der Abteilung „Folklore“ ist Kartnig mit all seinen neureichen Applikationen, den auschweifenden Parties und den dicken Autos ein Spitzenplatz sicher. Was die gegen ihn erhobenen Vorwürfe betrifft, ist er im internationalen Fußball aber nur eine kleine Nummer. Anderswo in Europa wurden schon deutlich dickere Dinger gedreht. In Tschechien etwa wurde letztes Jahr der frühere Präsident des Erstligisten Viktoria Zizkov verurteilt, weil er gegnerische Spieler und Schiedsrichter geschmiert hatte und die schmutzigen Deals in absurden Codes per Telefon besprochen hatte, statt von tschechischen Kronen sprach er von kiloweise Äpfeln. In England kamen asiatische Wettkönige 1997 auf die beinahe charmante Idee, durch manipulierte Flutlichtausfälle Einfluss auf die Spielstände in der Premier League zu nehmen. In Deutschland und Italien wurden ebenfalls die Referees geschmiert. Und in Belgien wurden gleich reihenweise Spieler zu Sexparties auf ein Hausboot gelockt, um hinterher mit den kompromittierenden Fotos erpresst zu werden.

Angesichts solch krimineller Durchstechereien kommt der Verdacht auf Veruntreuungen und Hinterziehungen – wie im Falle des Ex-Sturm-Präsidenten, für den die Unschuldsvermutung gilt –  schon fast bieder daher. Denn es ist ja tatsächlich so: Derlei Dinge gehören in den großen Profiligen beinahe zum alltäglichen Geschäft. Ob in der deutschen Bundesliga, in der italienischen Seria A, in der englischen Premier League oder in der spanischen La Liga – man kennt sich in Fachkreisen bestens aus mit unversteuerten Handgeldern, einmaligen Sonderzahlungen, fingierten Werbeverträge und anderen zwielichtige Konstruktionen. Erst im letzten Jahr zeigte die englische BBC in einer Aufsehen erregenden Undercover-Reportage, wie Erstliga-Trainer bei Transfers zu ihrem Klub ganz selbstverständlich mitverdienten.

Dass immer wieder der Fußball in die Schlagzeilen gerät, ist kein Zufall, sondern hat mit der rasanten Transformation des Fußballs vom Freizeitvergnügen für schnauzbärtige Schichtarbeiter zur Gelddruckmaschine in den Neunziger Jahren zu tun. Damals entdeckte das Privatfernsehen den Fußball für sich und gestaltete ihn mit brachialen Methoden zum massentauglichen TV-Event um. Seither erwirtschaften die europäischen Ligen Jahr für Jahr neue Umsatzrekorde, die englische Premier League setzte als Marktführer in der Saison 2004/2005 rund 1,3 Milliarden Pfund um.

Das große Geld hat die Klubs grundlegend verändert, in den Zentralen vieler Vereine sitzen inzwischen Volkswirte und Marketing-Fachleute, die noch nicht einmal ein Mittagessen ohne Beleg abrechnen würden. Doch was auf dem Papier nach modernen Wirtschaftsstrukturen klingt, ist in Wahrheit oft nur schöner Schein. In den Aufsichtsräten etwa, die ja das Handeln der Vereinsführung kontrollieren sollen, sitzen in der Regel keine Experten, sondern Gönner und Freunde des Klubs, denen ausgeglichene Bilanzen ziemlich wurscht sind, allein der sportliche Erfolg zählt. Frankfurts Manager Heribert Bruchhagen erzählt gerne eine Anekdote aus Bielefeld. Dort hatte er dem Arminia-Aufsichtsrat eindringlich die prekäre finanzielle Lage des Klubs erläutert, die keinen weiteren Spielerkauf mehr zulasse. Einzige Reaktion aus dem Aufsichtsrat: „Aber einen Kracher holen wir doch noch?“

Angesichts der Gier nach Trophäen für die Pokalvitrine verwundert es nicht, dass viele Klubs immer noch nach Gutsherrenart geführt werden. Das Schema ist seit Jahrzehnten gleich: Ein finanzkräftiger Mäzen verspricht Meisterschaften und Pokale, wenn man ihm nur die Macht gebe. Es folgen einige rauschhafte Jahre des Manchesterkapitalismus, in denen sich der neue Boss als Stellvertreter des Fußballgottes auf Erden inszeniert, Fußballer en gros einkauft und wieder abstößt. Jahre, in denen sich der Klub schon als legitimer Nachfolger des FC Liverpool sieht, anschließend folgt ebenso vorhersehbar der Absturz. Das war schon in den Achtzigern so, als beim FC Schalke der Klinikbesitzer Günter Eichberg seine Spieler ihre Verträge selbst ausfüllen ließ und diese sich ohne falsche Scheu Hunderttausende Mark extra genehmigten. Denn zum Wesen der egozentrischen Mäzene gehört, dass sie schnell die Lust verlieren am Spielzeug Fußball. Verfügen die Alleinherrscher auch noch über ausreichend kriminelle Energie, droht dann der Totalschaden. Denn gerade in der Endphase solcher Präsidentschaften versagen zuverlässig alle Kontrollmechanismen.

Hinzu kommt, dass sich in den Profiligen über die Jahre hartnäckig eine alteingesessene Schattenwirtschaft aus Beratern, Managern, Trainern und Spielern gehalten hat. Nicht alle mischen mit, aber viele, denen man es nicht zutrauen würde. Ein geschlossener Kreis, der es trefflich versteht, unter Umgehung des Finanzamts das allseitige Einkommen zu mehren. Wie so etwas funktioniert, zeigte letztens der 1.FC Kaiserslautern, als er mit Weltmeister Youri Djorkaeff gleich zwei Verträge abschloss, einen offiziellen und einen für die Schublade, der dem Franzosen ein üppiges, weil natürlich unversteuertes Handgeld sicherte.

Stürzt das Gebäude irgendwann zusammen?

Dass solche Tricks gängige Praxis sind, gehört zu den beliebtesten Feststellungen der Branche. Nachzuweisen waren insbesondere Schwarzgelder aber bislang nur im Einzelfall. Zwar hoffte der Präsident der Deutschen Steuergewerkschaft Dieter Ondracek schon 2002, dass „das Gebäude irgendwann zusammenstürzen“ werde. Dass es das nicht tut, dafür sorgen unter anderem die sorgsam gepflegten autobahnbreiten Verbindungen in die Politik. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, die Politiker dürfen mit ihren fabrikneuen Vereinschals in den bequemen Sesseln der Ehrentribüne Platz nehmen und kostenfrei den Hummer vom Buffet fingern. Die Klubs bekommen dafür unbürokratische Hilfe beim Stadionneubau und wenn die Kasse mal wieder gähnend leer ist. Das ist bisweilen hilfreich, ohne die Hilfe des bärtigen Landesvaters Kurt Beck hätte der FC Kaiserslautern wohl nicht das neue Jahrtausend erlebt. Das ist aber auch oft peinlich. Wenn sich Ex-CSU-Grande Theo Waigel mit offenkundig frisch erworbenem Schal des TSV 1860 beim Bayern-Derby sehen lässt. Oder wenn sich die Klubs wie Rapid Wien ganz ungeniert von der Politik alimentieren lässt.


In den Fankurven werden all diese Verwicklungen mit resignierendem Achselzucken quittiert. Und manchmal machen die Anhänger auch ein Lied draus. Wie in der Straßenbahn vor Kartnigs Gefängnis. Noch schlagfertiger war da nur das Lied, das die Anhänger des deutschen Zweitligisten 1860 München dichteten, als der Sohn ihres Präsidenten wegen Bestechlichkeit eingebuchtet wurde. „Sitzt denn der junge Wildmoser noch?“ dröhnte es durch die Festzelte des Oktoberfests. Die Antwort gaben sich die Fans selbst: „Ja, er sitzt noch, er sitzt noch!“


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Die Provinzposse um Hannes Kartnig und Sturm Graz erzählen wir im neuen 11FREUNDE-Heft nach.

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