Schnaps, das war mein erstes Wort

D-Jugend machte Werbung für Alkohol

Schnaps! Heute nahezu verbotenes Teufelszeug, einst Treibstoff des Vereinslebens. Dirk Gieselmann lief als D-Jugendlicher sogar mit Schnapswerbung auf dem Trikot herum. Eine schreckliche Welt. Aber er vermisst sie. Schnaps, das war mein erstes Wort

»Schnaps, das war sein letztes Wort«, heißt es in einem Volkslied. »Dann trugen ihn die Englein fort.« Das könnte auch auf mich zutreffen. Eines Tages. Allerdings war es auch eines meiner ersten Wörter: Schnaps. Das war bei uns so. Damals.

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Heute weiß ich: Wer Schnaps an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Steht ja in jedem Kiosk auf der Hinweistafel. Damals wusste ich das noch nicht. Und es kam mir auch nicht im Geringsten verwerflich vor, dass auf unseren Trikots »Bullenschluck« stand. Schnapswerbung! Wir waren in der D-Jugend. Wir waren zehn Jahre alt.

Wogegen auch immer, der Schnaps wirkte

Die Rentner in ihren Steppjacken hatten verlässlich Durst auf den Bitterlikör, wenn sie Sonntagmorgens am Spielfeldrand standen. »Machma noch ein' feddich da, Inge!« So ging das alle zwei Minuten. »Prost, nä!« Ob das an dem »Bullenschluck«-Schriftzug auf unseren Trikots lag, an der erbärmlichen Kälte oder daran, dass unsere Darbietungen nüchtern schlichtweg nicht zu ertragen waren, vermag ich nicht zu beantworten. Womöglich war es eine Mischung aus all dem.

Wogegen auch immer, der Schnaps wirkte. »Bullenschluck« enthält stattliche 43 % Alkohol. Erfunden wurde das Getränk 1949 von Apotheker Hans Dunker, seitdem hält es Leib und Leben der Leute in meiner Heimat zusammen. »Konzentriertes Restitutions-Fluid«, steht auf dem Etikett, das der alte Dunker noch selbst formuliert hat. »Empfiehlt sich besonders bei Lahmheit der Pferde, Rinder und Zugochsen. Auch für Menschen zur innerlichen Einreibung geeignet.«

Ich kann mich zwar nicht erinnern, gegen die Lahmheit, die unsere D-Jugend durchaus geprägt haben mag, jemals mit »Bullenschluck« behandelt worden zu sein. Es muss drei, vier Jahre später gewesen sein, dass ich den ersten Schnaps trank, halbheimlich im Zwielicht, auf dem Schützenfest, hinter der Bratwurstbude. Die Bedenkenlosigkeit aber, mit der man uns Zehnjährige Werbung für Schnaps machen ließ, sie ist mir heute unvorstellbar. Die Gemüter, die darin nichts Verwerfliches sahen, gibt es nicht mehr. Ein ganzes Milieu ist ausgestorben. 

Schnaps, Kettenrauchen, schmutzige Witze

»Komasaufen« war noch kein Begriff. Das hieß aber nicht, dass früher kein Halbstarker harten Alkohol getrunken hätte, bis er ihm wieder hochkam, es gab bloß noch kein Wort dafür und niemanden, der sich darüber aufgeregte. Sie ließen uns ja auch im Cäsiumregen des Jahres 1986 trainieren. Der Trainer rauchte Kette im Mannschaftsbus. Der Obmann erzählte uns schmutzige Witze. Und sie flockten uns »Bullenschluck« auf die Hühnerbrust.

Sie meinten es ja nicht böse. Sie wussten nur nicht, was wir heute wissen. Freilich, sie hätten es wissen können, schon damals. Aber sie wollten es nicht wissen. So wie sie auch nicht wissen wollten, dass das verkohlte Grillgut Krebs erregt. Senf drauf. Das kann man doch noch essen!

Und? Ist es nun gut oder schlecht, dass das vorüber ist? Obwohl ich als Vater wahrscheinlich ausrasten würde, wenn mein Sohn solchen Bedingungen ausgesetzt wäre – was meine eigene Kindheit im Dorfverein anbelangt, werde ich ganz wehmütig. Der Geruch nach nassem Hund in den Kabinen, die nie gewaschenen Trainingsleibchen, Nikotin an den Wänden des Vereinsheims, der Schnaps, der all das erst erträglich machte. Um diese Welt schön zu finden, muss sie wohl erst untergegangen sein.

Darauf erst mal einen »Bullenschluck«. Prost, nä!

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