Der Zehner & der Torjäger
Dennis Aogo ist eigentlich kein Lautsprecher. Der Verteidiger verrichtet seine Arbeit beim HSV stets recht solide. Auf der linken Außenbahn geht es auf und ab und manchmal landet eine Flanke sogar auf dem Kopf eines Stürmers. In Interviews gibt sich der 25-Jährige sachlich und fundiert. Ein ausgeglichener Typ.
Wenige Tage vor dem Pokalspiel beim Karlsruher SC platzte ihm allerdings die Hutschnur. Da baslerte Dennis Aogo in der »Hamburger Morgenpost«: »Es kotzt mich an, dass alles kritisiert und negativ gesehen wird!« Das sei überall so: in den Medien, in den Cafés der Hamburger Innenstadt, auf den Wiesen des Hamburger Umlandes. An jeder Ecke die volle Negativpeitsche.
Ein Grund für Aogos Aufregung war ein Testsspiel, das wenige Stunden zuvor stattfand. In dem hatte sich der HSV mit Ach und Krach zu einem 5:3-Sieg gemüht. Zwischenzeitlich stand es 1:2. Ja, da haben die Journalisten und Fans alles ein bisschen kritisiert und negativ gesehen, andere haben gelacht und gespottet, denn der Gegner hieß Altona 93 und spielt in der Oberliga.
Nun ist der HSV gegen den Karlsruher SC im DFB-Pokal ausgeschieden. Wieder spotten einige, denn der KSC ist gerade aus der Zweiten Liga abgestiegen. Laut »Bild« spielte aber der HSV genau so: »wie ein Absteiger«. Und die »Welt« schreibt von einer »Pokal-Blamage«. Doch muss man so schwarzmalen? Hat Dennis Aogo nicht verdammt Recht mit seiner Kritik an der Kritik? Ist der HSV nicht eigentlich total gut in Form? Natürlich! Man muss nur die Perspektive ändern.
Nehmen wir zum Beispiel das Pokalspiel. Da machte Maxi Beister das Tor zum 2:1. Ein Neuzugang, ein Hoffnungsträger. Er hat prompt eingeschlagen. Großartig! Zuvor hatte schon Marcus Berg getroffen. Jener Schwede, den man einst für 10 Millionen Euro vom FC Gronigen loseiste und eigentlich schon abgeschrieben hatte. Nun brennt der Stürmer wie nie zuvor. Nach der Niederlage brummte er: »Ich bin zu sauer, um zu denken.« Wir halten fest: Marcus Berg schlug sich vom Fehleinkauf zum Mitläufer zum Ergänzungsstürmer zum Torjäger zum »Aggressiv-Leader«. Ein famoser Fünf Punkte-Plan steht vor der Finalisierung. Auch das: Großartig!
Dann diese Diskussion um einen neuen Zehner. Die ist doch vor allem eines: Hanebüchen! Denn der Zehner ist längst da. Er heißt, na klar, Per Skjelbred. Der Norweger spielt eigentlich auf der Doppelsechs. Weil sein Nebenmann Heiko Westermann diese Position aber quasi alleine übernimmt, kann Skjelbred immer wieder als Spielgestalter wirken. So war er auch gegen den KSC Dreh- und Angelpunkt im Hamburger Offensivspiel. Zu guter Letzt agierte auch Hakan Calhanoglu sehr gut hinter den Spitzen. Einziger Schönheitsfehler: Der Türke spielt momentan noch für den KSC und wechselt erst 2013 nach Hamburg.
Klar, Niederlagen sind nie schön. Doch mal ehrlich: Nach dem Pokal-Aus kann sich der HSV auf die Bundesliga konzentrieren. Das hat in der vergangenen Spielzeit auch wunderbar funktioniert. Der HSV wurde Fünfzehnter. Für die einen: Die schlechteste Platzierung aller Zeiten. Für uns: Ein Nichtabstiegstriumph erster Güte.
Keine Doppelbelastung!
Apropos Doppelbelastung: Paul Scharner hat sich unlängst mit Österreichs Trainer Marcel Koller übeworfen und wird in Zukunft nicht mehr für die österreichische Nationalmannschaft spielen. Ein feiner Zug vom HSV-Neuzugang, der sich so in Zukunft zu hundert Prozent auf den HSV konzentrieren kann.
Auch in seiner Verkaufspolitik hat der HSV ein feines Gespür bewiesen. Der Klub wurde den ewigen Querulanten Paolo Guerrero los. Vorige Woche wurde dieser wieder mal auffällig. Am Flughafen in San Jose (Costa Rica) riss er einen Mega-Gag. Er sagte dem Zöllner, dass sein Mitspieler John Galliquio Drogen dabei habe. Galliquio durfte daraufhin nicht mit der Mannschaft zurückreisen, sondern musste vor Ort ein mehrstündiges Gespräch über sich ergehen lassen. Guerrero sagte danach: »Ich habe meine Lektion gelernt.«
Auch in Sachen Einkauf macht dem HSV kaum jemand was vor. Zwischenzeitlich geisterten wieder mal Namen wie Dirk Kuijt oder Rafael van der Vaart durch die Presse. Doch was will man mit denen, wenn man Dinamo Zagrebs Milan Badelj verpflichten kann. Ein Super-Coup, auch wenn der Spieler erst im September kommen und sich dann vermutlich bis April eingewöhnen muss. Sein Nationalmannschaftskollege Ivo Ilicevic verrät schon jetzt: »Der kann alles mit dem Ball.« Ilicevic kann übrigens auch alles am Ball. Wenn man es genau nimmt, ist der Mann womöglich der spielerisch beste Mann beim HSV. Daher bekommt er auch immer wieder seine Einsatzzeiten. Das ist nur fair. Gegen den KSC durfte er fünf Minuten ran.
Bleibt die Kritik an den Testspielen. Und auch die ist, bei genauerem Hinsehen, vollkommen überzogen. Der HSV hat in der Sommerpause drei Turniere gewinnen können: Den Peace Cup in Südkorea, den Sparda-Bank-Cup in Flensburg und den Palma-City-Cup auf Mallorca. Zudem brillierte er in Spielen gegen eine Zillertal-Asuwahl (10:0) und den FC Nordsjælland (3:2 n.E.). Gegen den FC Barcelona verlor man nur knapp mit 1:2. Wir erinnern uns: Für Leverkusen setzte es vergangene Saison eine 1:7-Klatsche. Ach, Barcelona war nur mit einer C-Elf angetreten? Wirklich? Ganz ehrlich: Das ist ein mieses Gerücht!
Überall: Gewinnertypen. Trotz dieser großartigen Ausgangslage wenige Tage vor Saisonbeginn wird man es schwer haben, als HSV-Fan oder -Spieler über den Hamburger Jungfernstieg oder den Allermöher Deich zu flanieren. Wie das so ist in Hamburg: Überall lauern Spötter, Kritiker, Schwarzmaler. Man wird sie vermutlich mit den genannten Punkten nicht mundtot machen können. Vielleicht aber mit einen Blick auf den Kalender. Der HSV ist in drei Tagen seit exakt 49 Jahren erstklassig. Chapeau!