Schiedsrichter an der Sporthochschule Köln

Herbert Fandel: »Spar die Munition, wenn Krieg ausbricht«

Schiedsrichter an der Sporthochschule Kölnimago

Köln, Institutsgebäude II der Sporthochschule, erster Stock. Herbert Fandel, Vorsitzender der Schiedsrichter-Kommission des DFB, und FIFA-Schiedsrichter Wolfgang Stark sind in die Hennes-Weisweiler-Akademie gekommen, um 32 strittige, folgenschwere und vereinzelt auch falsch bewertete Szenen aus der Hinrunde mit 40 Journalisten zu diskutieren. Betont jovial-kameradschaftlich begrüßt Fandel seinen heutigen Kurs. Er und Stark stehen vor einer illustren Runde in einem engen, schlecht durchlüfteten Seminarraum. Wir genießen den Ausblick auf die Baustelle eines Parkhauses.

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Auch die graue Eminenz des deutschen Fußballjournalismus ist erschienen. Nach einem vertrauten »Guten Morgen allerseits« findet Heribert Faßbender noch einen Platz im Mittelgang des überfüllten Raums. Ganz vorne, neben einem hyperaktiven Redakteur sitzt Gregor Derichs, freier Journalist und – ähnlich wie bei DFB-Pressekonferenzen – auch heute Klassenbester. Während er viele passende Fachfragen stellt, fällt ein Feldreporter von »Sky« durch fortgesetztes Querulantentum auf. Die Schiedsrichter haben die Schüler mit Gelben und Roten Karten ausgestattet. Als Brouwers Huntelaar im ersten Video brutal von den Beinen holt, zücken alle Kollegen Rot – bis auf den Kollegen des Bezahlfernsehens.

Des Schiedsrichters deftige Rethorik

In Deutschland gibt es wohl keinen Berufsstand, der so sehr danach lechzt, anerkannt zu werden wie das sich laut Fandel in einer »Professionalisierungsphase« befindende Schiedsrichterwesen. Wenig Diskussionsbedarf sieht das Duo bei – siehe Brouwers – Fouls mit »offener Sohle« und Luftduellen mit Ellbogenschlägen. »Das ist die schlimmste Sauerei, die wir derzeit haben und gehört ausgerottet«, sagt der Schiedsrichter. Genau das soll sich bis zu den Profis herumgesprochen haben, aber: »Wir schulen auch die Spieler vor der Saison. Ich bitte um Entschuldigung für meine Wortwahl, aber das geht den Spielern am Arsch vorbei.« Das Fandel´sche Unterhaltungsprogramm läuft sich warm.

Warum zeigt der Schiedsrichter für Jubeln Gelb? >>

Szene Nummer zwei offenbart eine der wohl gravierendsten Fehlentscheidungen der Hinrunde. Die Attacke von Lukas Podolski gegen den Bauch von Edin Dzeko in Müngersdorf am 14. Spieltag. An der Seitenlinie, mit offener Sohle und ohne dass der Ball in der Nähe ist. Schiedsrichter Stark attestiert seinem Kollegen Guido Winkmann eine Fehlentscheidung, denn der hätte zwingend Rot zeigen müssen. Allein: Sowohl er, als auch sein Assistent an der Seite hatten keine optimale Sicht auf die Szene. »Das hätte der vierte Schiedsrichter sehen müssen«, sagt Stark. Entscheidungsbefugnis für eine Spezies, von der manch einer denkt, sie sei ausschließlich damit beauftragt, penibel darauf zu achten, dass Trainer ihren Laufstall nicht verlassen.

Schiedsrichter sollen Munition sparen


Bei brutalen Fouls oft anhängigen Rudelbildungen, auch darauf verständigten sich die Schiedsrichter bei ihrer Tagung in Mainz vor Rückrundenbeginn, gelte es, den Schuldigen für das Hochkochen der Emotionen zu identifizieren. Auch hier bedient sich der Konzertpianist Fandel eines wenig musischen, aber klaren Bildes: »Da versuche ich dem Schiedsrichter mit auf den Weg zu geben: Spar dir die Munition, bis der Krieg ausbricht.«

Während die Veranstaltung nach etwa einer Stunde in eine Phase der Theoretisierung – wann ist eine Abseitsstellung passiv, wann wird sie aktiv und wer muss wann an den Ball kommen, damit sich eine neue Spielsituation ergibt – eintritt, fällt beim Schweifenlassen des Blicks auf, dass auch Prüfungen an der Hennes-Weisweiler-Akademie nicht frei sind von Täuschungsversuchen.

Es überrascht, welch schnöder Hilfsmittel sich die Laptop-Trainer der jungen Generation bedienen, wenn ihre Notebooks ihnen nicht mehr weiterhelfen. Auf der Wand des Hörsaals prangen Kritzeleien von ehemaligen Trainerschülern. Ob Holger Stanislawski sein Diplom als Jahrgangsbester 2009 deswegen erwarb, weil er per Bleistift die anatomischen/biomechanischen Grundlagen von Bewegung und den Aufbau eines Muskels auf die Rauhfasertapete des Seminarraums schrieb?

Auch ein Schiedsrichter macht Fehler

In diesem Raum also, in dem die Jogi Löws der Zukunft bei Frontalunterricht und Power-Point-Präsentationen ihren Schlaf nachholen, haben die Journalisten begriffen, wie schwer es ist, ein Fußballspiel ohne Fehler zu leiten. Das musste auch Wolfgang Stark (»Natürlich muss auch ein Wolfgang Stark an seiner Gestik arbeiten«) in der Hinrunde erfahren, als er bei seinem Einsatz in Wolfsburg am das offensichtliche Handspiel des Schalkers Huntelaar übersehen hatte. Mit unerlaubten Mitteln hatte der Holländer eine Viertelstunde vor Schluss das 2:2 für »Königsblau« markiert. Nachdem der FIFA-Schiedsrichter – mit drei WM-Einsätze in Südafrika dekoriert – sperrig zu erklären versucht, warum er und sein Assistent keine gute Sicht auf Huntelaars Vergehen hatten, zeigt er sich einsichtig: »Ich hätte Huntelaar fragen können, ob er den Ball mit der Hand gespielt hat, auch wegen der heftigen Proteste der Wolfsburger.«

Laut seinem Chef Fandel sei die Frage vielmehr, ob ein Spieler ein Handspiel als absichtlich zugibt. Fandel stellt sich vor seine Kollegen. Selbst den schlechtesten seiner Schiedsrichter, so befanden zumindest 25 Prozent der 286 Bundesliga-Profis in einer »Kicker«-Umfrage, nimmt er in Schutz. Er steht ja auch direkt neben ihm. »Ein Wolfgang Stark, mit seinem gesamten Rennomee, auch ein Profi wie er, lernt aus seinen Fehlern.« Nur zu gerne, denkt man sich, würde der Niederbayer seinen Titel am Ende der Saison wieder abgeben an Seriensieger Babak Rafati.

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Spielt Schiedsrichter! Hier die drei Szenen zum selbst Entscheiden:
Foul Podolski >>
Hand Huntelaar >>

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