Schatz über Hannovers Jahr

»Wir haben Eier gezeigt!«

Selten hat ein Fußball-Bundesligist eine extremere Saison erleben müssen als Hannover 96. Vereinslegende Dieter Schatzschneider war immer hautnah dabei. Hier berichtet er von Robert Enke und der Zeit danach. Schatz über Hannovers Jahr Diese Spielzeit werden wir in Hannover so schnell nicht vergessen – dafür ist einfach zu viel passiert. Das fing schon früh an mit der Entlassung von Dieter Hecking nach dem ersten Spieltag. Der war bei den Fans nicht sonderlich beliebt, aber recht schnell hat jeder Rote gemerkt: Der Mann garantiert uns pro Saison immer mindestens 40 Punkte. Und damit Sicherheit. Das war so früh in der Saison natürlich noch kein Thema – mit Andreas Bergmann schien ein frischer Wind zu wehen. Das lief in ganz vernünftigen Bahnen – bis der Tod von Robert Enke alles verändert hat.

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Robert war eigentlich alles für den Verein: Identifikationsfigur, Mannschaftskapitän, Idol. Für mich als ehemaligen Spieler war es unglaublich beruhigend, wenn Robert sich im Tor warm gemacht hat. Da wusste ich gleich: Heute steht wieder dieser unglaublich gute Kerl zwischen den Pfosten, der uns pro Saison zwischen fünf und zehn Punkten im Alleingang rettet. Ohne unsere Torhüter zu verunglimpfen, aber dieses Knackpunkt-Spiel am 17. Spieltag gegen Bochum, als wir durch zwei Schlaudraff-Tore nach 52 Minuten 2:0 führten und letztlich noch 2:3 verloren, hätten wir mit Robert Enke im Tor niemals abgegeben. Aber er war nicht mehr da.

Mir fehlten einfach die Worte

Als die Nachricht von seinem Tod bekannt wurde, war das für mich einfach nicht zu begreifen. Zunächst hieß es: Es war ein Unfall. Das konnte ich gar nicht glauben. Ich erinnere mich: An diesem 10. November sollte ich dem NDR ein Interview geben, aber ich konnte den Journalisten nur sagen: »Tut mir leid, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mir fehlen die Worte.« Später habe ich meinen Präsidenten Martin Kind angerufen, der hat mir dann gesagt, was los war. Da ist die Welt erst richtig für mich zusammen gebrochen.

Das erste Spiel nach seinem Tod war grausam: Wir haben uns alle versucht einzureden, dass jetzt so schnell wie möglich der Alltag wieder einkehren müsse. Das wollte man einfach glauben. Aber natürlich war das kein Alltag mehr, es gibt in der Bundesliga kein Handbuch, in dem steht, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hat. So etwas hatte es zuvor noch nicht gegeben. Nach Roberts Tod hat die Mannschaft zehn Tage frei bekommen. Ich habe das damals als gut und richtig empfunden, heute weiß ich: Das war ein Riesenfehler. Genau diese zehn Tage haben der Mannschaft anschließend in der Liga gefehlt.

Djakpa würde so ein Tor nie wieder schießen

Die fünf Spiele nach Roberts Tod haben uns schließlich in den Keller gezogen. Aber es war auch nicht normal, was da passierte. Das 3:5 gegen Mönchengladbach zum Beispiel. Drei Eigentore, das war nicht zu fassen! Wenn ich dem jungen Constant Djakpa sagen würde: »Schieß noch mal so ein Ding!« – das würde der nie im Leben wieder hinkriegen! Man hat der Mannschaft in der Rückrunde ja mehr als einmal vorgeworfen, sie hätte keinen Charakter. Wie sie sich am Ende an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben, hat allerdings bewiesen, was tatsächlich in ihr steckt. Die Mannschaft hat Eier gezeigt.

Eine der wenigen positiven Entwicklungen nach Roberts Tod war dieses neu entstandene Wir-Gefühl bei 96 und allen, die ihr Herz an diesen Klub hängen. Jetzt ist der Verein bestens beraten, das Andenken an Robert Enke zu wahren. Ich meine sogar, wir sind dazu verpflichtet, dass er immer einen Platz bei 96 hat. Egal in welcher Form.

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