22.07.2007

Schalkes Superlativ

Das heiligste Stadion

Die neue Bundesliga-Saison naht mit großen Schritten, und wir fragen uns: Wer kann was am besten? Fest steht, dass Schalke dass heiligste Stadion hat. Was allerdings nicht bedeutet, dass der Fußballgott öfter vorbeischaut.

Text:
Heiko Buschmann
Bild:
Imago
Neben dem spanischen Spitzenklub FC Barcelona war der FC Schalke 04 lange der einzige Fußballverein, der über einen eigenen Gottesdienstraum verfügt. Seit Mai 2006 gibt es allerdings auch im Berliner Olympiastadion eine Kapelle (mit der ersten Trauung am 9. Juni dieses Jahres, zuvor hatten schon einige Gottesdienste und Taufen stattgefunden) und seit Februar 2007 eine in der Frankfurter Arena. Eine Bedeutung wie auf Schalke haben diese heiligen Stätten aus mehreren Gründen (noch) nicht. »Wenn Menschen in unserer Stadt in Not sind, wenden sie sich entweder an die Kirche oder an Schalke 04. Mit der Kapelle und der möglichst häufigen Anwesenheit eines Seelsorgers wollen wir dieser Aufgabe gerecht werden«, sagte Schalke-Geschäftsführer Peter Peters bei der Einweihung der Kapelle 2001.



Das Vorstandsmitglied hat damit die Befindlichkeit der Menschen in Bezug auf ihren Verein auf den Punkt gebracht. Schalke gilt als Religion, die Hingabe der Fans wird bisweilen als irrationales Eifern bezeichnet. In dem Klub, in dem der inzwischen verstorbene Papst Johannes Paul II. als Schalker mit der Mitgliedsnummer eins gelistet ist, führt der erste Gang eines frisch gebackenen Vaters und S04-Anhänger vom Kreißsaal nicht selten direkt in die Geschäftsstelle, um das Neugeborene im Verein anzumelden. Mit Mama, kaum aus dem Krankenhaus entlassen, geht es auf einem der nächsten Wege schon zu Gott und Schalker Weihwasser. Denn Taufen sind neben Hochzeiten besonders beliebt hier im Inneren der Arena, gleich gegenüber dem Eingang zu den Spielerkabinen. »In den nächsten Wochen haben wir die 500. Taufe vor uns«, berichtet der evangelische Pfarrer Hans-Joachim Dohm, der den ökumenischen Gottesraum mit seinem katholischen Amtskollegen Georg Rücker leitet. Dohm übt sein Amt gewöhnlich in der evangelischen Gnadenkirche der Kirchengemeinde Schalke-Nord aus und ist zugleich Vorsitzender des Schalker Ehrenrats.

»Gott ist immer bei mir, er trifft allein die Entscheidungen«

Die in Fankreisen immer noch sehr beliebten »Kutten« oder andere Fußball-typische Insignien wie Trikots sind in der Kapelle allerdings verpönt. Aus der christlichen Einrichtung soll laut Dohm keine »magische Zauberbude« werden und auch nicht für den Erfolg der Schalker Mannschaft gebetet werden. Künstler Alexander Jokisch aus Asbach hat seinerzeit bei seinem Entwurf der Kapelle konsequent auf die Vereinsfarben Blau und Weiß verzichtet, der Gottesdienstraum ist schlicht in Schwarz und Weiß gestaltet. Das Altarbild stellt sich als abstraktes Kunstwerk mit vielen tausend übereinander gemalten Linien dar und im Altarbereich stehen elf Säulen, die allerdings nicht an eine Fußball-Elf erinnern, sondern ein Sinnbild für die Jüngerschar Jesu sein sollen.

Der katholische Gerald Asamoah und der evangelische Marcelo Bordon sind im aktuellen Profikader die Spieler, die sich am offensten zu ihrem Glauben bekennen. »Gott ist immer bei mir, er trifft allein die Entscheidungen«, widerspricht Bordon allerdings der in Fußballerkreisen und besonders auf Schalke gern verbreiteten Meinung, dass es einen expliziten Fußballgott gäbe und dieser den Schon-wieder-nur-Vizemeister nicht achte. Andererseits waren er und sein inzwischen nach Istanbul abgewanderter Landsmann Lincoln es, die in den letzten Spielen der vergangenen Saison auf ihren Unterziehleibchen unter den Trikots die Botschaft »Gott ist doch auf Schalke« trugen.
Seit 2005 in Diensten der Gelsenkirchener, trägt Bordon womöglich schon den Zwiespalt in sich, den der Schalker mit seinem Glauben auszufechten hat. Denn wenn schon nicht in der Kapelle der vereinseigenen Arena, so haben Verantwortliche, Spieler und Fans in den vergangenen Jahren immer wieder gerne religiöse Zeichen für die so sehnlichst erwünschten sportlichen Erfolge gesetzt. So war es am 21. Mai 1997 in Mailand, als zigtausende Schalker im berühmten Duomo St. Maria Nascente Kerzen für den UEFA-Cup-Sieg anzündeten. Kleiner war die Gruppe, die am 23. März dieses Jahres ein Licht für die erhoffte Schalker Meisterschaft anmachte. Es waren Trainer Mirko Slomka, Manager Andreas Müller und Lincoln – im Tempel von Apostel Iohannes Bogoslow, der nördlichsten auf Stein gebauten Kirche Russlands im westsibirischen Jamburg, übersetzt »Stadt am Ende der Welt«, wohin Hauptsponsor Gazprom geladen hatte.

Was in den folgenden zwei Monaten geschah, ist bekannt. Für Trauerarbeit ist man aber in der Kapelle nicht zuständig, an diesem heiligsten Ort der Liga. Die Meisterschaft 2008 muss daher vermutlich ohne Beistand von höchster Stelle her, denn die Motivation ist eine ganz irdische: Ruhrpottnachbar BVB rüstet zur »Schalke-50-Jahre-ohne-Meisterschaft-Feier«.

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