16.06.2013

Schalkes erstes Fußballinternat

Café Gelsenkirchen

Seite 2/3: Nur Schlaf, Schule und Fußballplatz
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Privatarchiv Familie Wernscheid

Insofern war der Plan von Günter Siebert im Jahr 1972 ungeheuerlich, dass Schalke aus einem Umkreis von 50 oder 60 Kilometern in Gelsenkirchen die »Extratalente« zusammenholen wollte, wie der damalige Jugendtrainer Uli Maslo sie nennt. Sollte es für sie zu weit sein, um täglich wieder nach Hause fahren zu können, würden sie in einem Internat untergebracht. Und dieses würde eben dort sein, wo es doch schon den Profis so gut gegangen war: bei den Wernscheids.

Womit auch die große Zeit von Anne Wernscheid begann, die im Sommer 1972 Dieter Wernscheid gerade erst geheiratet hatte. Doch während ihr Mann unter der Woche beim Studium war, kümmerte sich die gelernte Bankkauffrau um die Schalker Hoffnungsträger. 22 Jahre alt war sie damals gerade mal, also nicht so viel älter als die jungen Spieler, für die es morgens zwar kein geschlagenes Ei mit Rotwein gab, die aber von ihr Frühstück bekamen und abends ein paar Schnittchen. Außerdem half sie bei den Schulaufgaben. »Mit Friedhelm Schütte habe ich besonders gebüffelt«, sagt sie.

Erziehungsauftrag für vernünftige Kerle

Der war mit 14 Jahren aus dem Sauerland gekommen und gehörte im August 1972 zur ersten Belegschaft des Internats. Schütte blieb vier Jahre lang, so lange wie kein anderer. In seiner Erinnerung war die Internatsidee damals zwar »revolutionär«, der Alltag der designierten Profis aber nicht sonderlich aufregend. »Wir kannten nur schlafen, Schule und Fußballplatz, unser Leben war ziemlich begrenzt.«

Nach der Ausbildung am Morgen nahm Trainer Maslo die aus diversen Auswahlmannschaften zusammengeholten Talente nachmittags richtig ran. »Die konnten 120 Minuten rennen«, erinnert sich Wernscheid, der damals meist am Spielfeldrand stand, wenn die Jungs spielten. Doch so streng der spätere Bundesligatrainer Maslo auch sein mochte, so hatte der gelernte Pädagoge dem Schalker Vereinspräsidenten zumindest ausreden können, dass die Nachwuchsspieler nur auf Fußball setzen sollten. Also gingen sie in die Schule oder machten eine Ausbildung zum Verkäufer im Sportfachgeschäft eines weiteren glühenden Schalke-Fans. Ansonsten propagierte Maslo einen klaren Erziehungsauftrag: »Wir haben immer darauf geachtet, dass sie vernünftige Kerle werden.«

Kaum Spieler, etliche Vaterschaften
Ganz so einfach war das aber nicht, weil Schalkes Talentscouts bald so viele Spieler nach Gelsenkirchen schafften, dass die Kapazitäten bei den Wernscheids nicht mehr ausreichten. Also wurde noch eine zweite Unterkunft auf der örtlichen Trabrennbahn eröffnet, über einer Kneipe von Günter Siebert. »Dort waren die Jungs total außer Kontrolle und haben Halligalli gemacht«, sagt Dieter Wernscheid, während seine Frau in der Steeler Straße dafür sorgte, dass die Nachwuchsspieler um zehn im Bett lagen. Über die Unbeaufsichtigten spottete der »Spiegel« später: »Nur wenige dieser Schalker Buben spielten jemals für den Klub. Die meisten verließen unter elterlichem Begleitschutz Stadt und Schalke – drei, nachdem sie Väter geworden waren.« In Rotthausen hingegen gab es keine ungewollten Vaterschaften, denn Anne Wernscheid verteidigte ihre Schützlinge wehrhaft gegen die Verführungen einer Stadt, in der jeder im königsblauen Trikot eine Attraktion war: »Die kleinen Mädchen mussten wir mit der Fliegenklatsche abwehren, so heiß begehrt waren unsere Jungs.«

 
 
 
 
 
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