16.06.2013

Schalkes erstes Fußballinternat

Café Gelsenkirchen

1972 war das visionär – ein Nachwuchsinternat für die Schalke-Profis von morgen. Die revolutionäre Idee sorgte für erfolgreiche Profikarrieren und ungewollte Vaterschaften. In unserer Bundesliga-Jubiläumsausgabe begab sich Christoph Biermann auf die Spuren der einstigen Knappen.

Text:
Bild:
Privatarchiv Familie Wernscheid

Vielleicht hätte Dieter Wernscheid schon in den Sommerferien 1965 ahnen können, was da noch alles auf ihn zukommen würde. Als der damals 17-Jährige aus dem Zeltlager daheim anrief, fragte ihn sein Vater nämlich, ob er nicht noch ein bisschen bleiben und für ein paar Tage sein Zimmer zur Verfügung stellen wolle. Schalke 04 habe da einen neuen Spieler aus Siegen verpflichtet und dieser Gerhard Neuser brauche eine Unterkunft. Als Dieter Wernscheid zurückkam, war sein Zimmer immer noch belegt, und daran sollte sich auch in den kommenden fünf Jahren nichts ändern, die Neuser in Gelsenkirchen spielte. »Ich habe dann in der Abstellkammer gewohnt«, sagt Wernscheid.

Es wurde auch deshalb nichts frei, weil Neuser nur die Vorhut war. In den kommenden Jahren zogen immer wieder neue Spieler in das Eckhaus an der Steeler Straße im Ortsteil Rotthausen. Die Zimmer über dem Café Wernscheid wurden für Rolf Rüssmann, Klaus Scheer, Jürgen Sobieray, Hartmut Huhse und etliche andere Neuzugänge zur ersten Station in Gelsenkirchen. »Der Anschluss dort war familiär und das Ganze sehr, sehr angenehm«, sagt Huhse.

Ei in Rotwein

Kein Wunder, dass der langjährige Verteidiger die guten Zeiten bis heute nicht vergessen hat, denn Schalke-Fan Heinz Wernscheid liebte die Spieler seines Klubs so sehr, dass er sie auch gerne verhätschelte. »Wenn mein Vater denen Frühstück gemacht hat, da war das Hilton ein Scheiß dagegen«, erinnert sich sein Sohn Dieter und denkt dabei besonders an das geschlagene Ei in Rotwein. Die 100 Mark im Monat für Kost und Logis waren überdies auch in den späten sechziger Jahren nicht sonderlich teuer. So ließ es sich leben in Gelsenkirchen.

Das Café war aber nicht nur gemütlicher Hort für die Spieler, sondern in der Erinnerung von Dieter Wernscheid sogar »die geheime Zentrale von Schalke 04«. Hier saßen seine Eltern fast täglich mit dem Präsidenten Günter Siebert, Geschäftsführer Hans Hörstermann und anderen Honoratioren des Klubs zusammen. Aufregend war das, denn »wir wussten heute schon, was morgen in der Zeitung steht«. Das galt auch für eine Idee, die Anfang der siebziger Jahre zwischen Kaffee und Cognac ausbaldowert wurde und für jene Zeit völlig neu war.

Die »geheime Zentrale«

Damals war die Jugendarbeit in der Bundesliga noch kein großes Thema, gemeinhin ging man davon aus, dass die besten Talente schon irgendwie ihren Weg finden würden. Auch Elitekonzepte gab es keine, gespielt wurde lange nur auf regionaler Ebene. Der erste deutsche A-Jugendmeister wurde erst 1969 ermittelt, und bis zur Gründung einer Bundesliga in dieser Altersklasse sollte es sogar noch weitere 34 Jahre dauern.

 
 
 
 
 
123
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden