Schalke und Magath – Chronologie einer Beziehung

Er liebt mich, er liebt mich nicht...

Der FC Schalke 04 und Felix Magath – eine Beziehung, die schon vor der offiziellen Verpflichtung des Trainers auf Missverständnissen gebettet war. Wir blicken zurück auf über eineinhalb Jahre Magathokratie in Gelsenkirchen. Schalke und Magath – Chronologie einer Beziehung

6. Mai 2009
Es fängt nicht gut an. Durch eine Indiskretion wird bekannt, dass Wolfsburgs Trainer Felix Magath, vier Spieltage vor Saisonende mit seinem Team Tabellenführer der Bundesliga, einen bis 2013 gültigen Vertrag mit Schalke 04 abgeschlossen hat. Eigentlich sollte das erst nach Saisonende bekanntgegeben werden, nun ist Magath »nicht glücklich, aber froh«, dass es raus ist. Drei Tage später ist in Wolfsburg niemand glücklich und auch nicht froh: Der VfL geht mit 1:4 in Stuttgart unter. Am Ende reicht es aber doch zum ersten Meistertitel der Wölfe, zum dritten in Magaths Trainerkarriere.

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Juli 2009
Magath beginnt die Aufräumarbeiten im Mannschaftsumfeld. Wie überall bring er seinen bewährten Stab mit, entlässt dafür Ikonen wie Oliver Reck. Auf dem Transfermarkt hält er sich merklich zurück, im Vergleich zum Gewaltshopping, das bald folgen wird, ist Schalke auf dem Transfermarkt gar nicht existent. Die Mannschaft missinterpretiert diese Zurückhaltung als Vertrauen, setzt sich völlig überraschend in der Tabellenspitze fest.

August 2009
Schalke-Fan Frank-Walter Steinmeier glaubt fest daran, dass Magath Schalke zum Meister machen wird, vielleicht gar schon in dieser Saison, hat S04 vorübergehend doch sogar die Tabellenführung übernommen. Steinmeier glaubt zu diesem Zeitpunkt allerdings auch noch, dass er Kanzler wird.

Oktober 2009
Immer wildere Gerüchte über Schalkes Finanzkrise und gar eine bevorstehende Insolvenz machen die Runde. Der Verein trägt wenig zur Aufklärung bei, Magath erklärt sich für nicht zuständig, acht Mitarbeiter der Geschäftsstelle werden entlassen, darunter der Hausmeister. Der Versuch, auch Albert Streit erst abzumahnen und dann zu kündigen, scheitert. Streit verklagt nun seinerseits Schalke.

Dezember 2009
Im Weihnachtsinterview mit der »Sportbild« lobt Schalke-Kapitän Heiko Westermann die Kommunikationsstärke des Trainers, der für die Mannschaft immer ein offenes Ohr habe. Der Boulevard ist längst verliebt in die neuesten jungen Wilden, vor allem in Lukas Schmitz und Christoph Moritz.

Januar 2010
Während immer noch um Schalkes Finanzsituation gerätselt wird, vertreibt sich Magath die Sorgen mit einer ausgiebigen Shopping-Runde. Er holt acht neue Spieler und gibt vier ab. Ohne einen personellen Umbruch könne er die Erfolge der Zukunft nicht garantieren, sagt er. Es zeichnet sich ab, dass mit Kevin Kuranyi ein erster Leistungsträger den Verein zum Saisonende verlassen wird. »Ich kann Kuranyi kein Angebot machen, weil ich kein Geld habe«, sagt Magath.

März 2010
Dass sogar die Bayern Schalke mittlerweile wieder ernst nehmen, zeigt der jämmerliche Versuch Christian Nerlingers, eine eigene Abteilung Attacke zu gründen und S04 im Vorfeld des Pokal-Halbfinals schmutzige Fouls zu unterstellen. Es folgt ein 112 Minuten währender Krampf, den erst Arjen Robben mit einem Solo in Lichtgeschwindigkeit beendet. Es mehren sich die Stimmen der Kommentatoren, dass eine Mannschaft wie Schalke, die Fußball ausschließlich arbeitet und nicht spielt, nicht Meister werden darf. »Sauber«, sagt Nerlinger.

Mai 2010
Die Bewahrer des reinen Spiels werden erhört. Schalke wird nicht Deutscher Meister, feiert jedoch mit der direkten Qualifikation für die Champions League einen zuvor nicht für möglich gehaltenen Erfolg. Der Verein schließt das Geschäftsjahr 2009 mit einem Verlust von 16, 9 Millionen Euro ab. Die Mitgliederversammlung lehnt den Antrag ab, Magaths Ausgaben, die 300.000 Euro übersteigen, nicht mehr vom Aufsichtsrat genehmigen zu lassen. Dennoch beginnt der wahre Personalumbruch erst jetzt.

7. Juni 2010
Felix Magath fordert über das Fachblatt »Kicker«: »Mit Clemens Tönnies war klar besprochen, dass ich bei Transfers freie Hand habe. Das war für mich eine wesentliche Voraussetzung meiner Arbeit auf Schalke. (...) Wir brauchen etwa 30 Millionen Euro für die Verstärkung des aktuellen Kaders, um eine Mannschaft zu haben, die wieder einen Spitzenplatz belegen und in der Champions League die Gruppenphase überstehen soll.« Außerdem revidiert er den Ziel seines anfänglichen Masterplans, den FC Schalke bis 2013 zum Titel zu führen: »Dieses Versprechen hätte ich mit dem aktuellen Wissensstand so nicht gegeben. Grundlage war die Annahme, dass ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag fehlt und mir volle Entscheidungsfreiheit bei Schalke zugesagt war.« Es kommen Gerüchte auf, Magath verhandle bereits mit Dietrich Mateschitz über ein Engagement als Trainer von Red Bull Leipzig.

24. Juni 2010
Der FC Schalke wirbt Manager Horst Heldt vom VfB Stuttgart ab. Geplant ist, dass Heldt bei Schalke ebenfalls als Manager mit Sitz im neu formierten Vorstand zusammen mit Trainer Felix Magath den sportlichen Bereich verantworten. Intern wird gemunkelt, dass Heldt vor allem als strategischer Partner von Magath fungieren soll. Denn längst weiß man, dass es nach Magaths ersten Transferalleingängen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat des Klubes zu schweren atmosphärischen Störungen kommt. Beim Amtsantritt gibt Heldt hellseherisch zu Protokoll: »Hier ist alles sehr verwinkelt und verschachtelt, und wenn man mich auf der Geschäftsstelle abends allein ließe, würde ich womöglich nicht mehr herausfinden.« Hinter der Hand munkelt man, dass Heldt bereits als Manager-Nachfolger von Magath in Stellung gebracht werden soll, falls der Trainermanager vorzeitig gehen muss.

11. Juli 2010
Erstmals orakelt der Boulevard: »Magath und Schalke – Wie lange noch?« Der Streit um die 30 Millionen, die Magath investieren will, schwelt weiter. Aufsichtratsboss Tönnies will nur zehn Millionen frei geben. Magath stichelt: »Wer denkt, dass Schalke schon ein Spitzenklub ist, wird sich wundern. Ohne Investitionen werden wir wieder im Mittelmaß landen.«

15. Juli 2010
Der Aufsichtsrat bewilligt Magath Millioneneforderunge. Tönnies: »Wir haben uns einvernehmlich darauf geeinigt, dass wir das eingenommene Geld aus der vergangenen Saison in die Mannschaft investieren.«

28. Juli 2010
Transferhammer auf Schalke: Felix Magath präsentiert voller Stolz Raul. Der erste Höhepunkt der Schalke-Transferoffensive. Weitere große Namen werden gehandelt: Unter anderem Diego, Baptista und Misimovic.

15. August 2010
Nach der Degradierung des Fanbeauftragen Rolf Rojek richten sich Teile der Fans gegen Felix Allmächtig. Angeblich soll Magath vermutet haben, dass Rojek im Mai Kopf einer Kampagne gegen Magaths Antrag gewesen sei, der dem Vorstand, also letztlich Magath, bei Transfers mehr finanziellen Spielraum gibt, ohne dass die Zustimmung des Aufsichtsrates erforderlich wäre. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Fans sehen ihr Recht auf Mitbestimmung gefährdet und damit den Verkauf der Seele des Vereins. Der Fanclub-Dachverband äußer sich offiziell: »Wir betrachten diese Entscheidung als einen massiven und grundlosen Angriff auf die jahrzehntelang gewachsenen, homogenen, intakten und durchaus manchmal auch kritischen Strukturen der gesamten Schalker Fan-Szene. Wir werden schon in der kommenden Woche alle großen Fan-Organisationen, Fan-Vertretungen und die Bezirksleitervertretung zu einer Gesprächsrunde einladen, um das weitere gemeinsame Vorgehen zu erörtern.« »Das wird noch lustig«, sagt ein führender Fanvertretet gegenüber der FAZ. Die Stimmung auf Schalke wird Woche für Woche gereizter.

18. August 2010
Magath kündigt weitere Megatransfers an: »Wir haben Spieler im Auge, die mehr Qualität haben als die, die da sind.« Eine Ohrfeige für die Mannschaft, die im Vorjahr Vizemeister wurde.

20. August 2010
Die Entlassung Rojeks ruft wieder Clemens Tönnies auf den Plan: »Es geht nicht an, dass alle nur übereinander, aber nicht miteinander reden«, kommentiert er die schwelenden Brandherde im Klub. Die Causa Rojek kommentiert er: »So geht man nicht miteinander um«, und übt so öffentlich Kritik an Magaths Führungsstil und ergänzt: »Ich mache mir Sorgen um Schalke 04.« Magath kontert: »Ich habe mich nicht gemeldet und gesagt, ich will nach Schalke, sondern Clemens Tönnies ist nach Wolfsburg gefahren und hat gesagt, ich brauche einen starken Mann.«

September 2010
Die Diskussionen in Fankreisen um Magaths autoritären Führungsstil brechen nicht ab, der Trainer spricht allerdings von einer »kleinen Gruppe«. Beim nächsten Heimspiel kommt diese Aussage wie ein Bumerang zurück. Mehrere tausend Fans tragen T-Shirts mit der Aufschrift »Eine kleine Gruppe«.

Oktober 2010
Felix Magath versucht die Wogen zu glätten und die Unterschiede zwischen Profi und Anhänger zu erklären: »Ich kann kein Schalke-Fan sein«, sagt er.

Januar 2011
Schalke befindet sich endlos lange im Trainingslager und macht sich Hoffnung, in der Rückrunde wieder anzugreifen. Doch schon im ersten Spiel verliert das Team gegen den HSV. Felix Magath geht derweil auf dem Transfermarkt shoppen. Er kauft: Angelos Charisteas, Ali Karimi, Anthony Annan, Danilo Avelar. Ivan Rakitic verlässt den Klub.

Februar 2011
Clemens Tönnies ist verärgert über die fehlende Kommunikation seines Trainers. Der antwortet mit seiner Facebook-Video-Offensive. Den Schalke-Fans im Netzwerk »gefällt das«, den Schalke-Fans im Stadion »gefällt das mehr«. Ende Februar verliert Schalke in Mönchengladbach. Manuel Neuer sagt, das Team habe »keinen Plan« gehabt. Magath wendet sich von seinem Keeper ab, soll nur noch zwei Vertraute im Team haben: Raul und Christoph Metzelder.

März 2011
Schalke verliert in der Liga weiter, zieht aber nach einem 1:0 in München ins DFB-Pokalfinale ein. Eine Woche später siegt Schalke in der Champions League gegen Valencia und kann sich zu den besten acht Teams Europas zählen. Clemens Tönnies bereitet dennoch weiter die Entlassung von Felix Magath vor – die Briefe an die Aufsichtsräte und Magath sollen, laut Bild, bereit liegen. Am 11. März meldet die »Bild, dass Tönnies die Aussendung der Briefe gestoppt habe. Eine Trennung zum Saisonende scheint dennoch klar. Magath sagt derweil zur »Bild«: »Ich habe einen Vertrag bis 2013 und gehe davon aus, ihn zu erfüllen. Ich verhalte mich korrekt und mache meinen Job, so gut ich kann. Mir war klar, dass auf Schalke unruhiges Arbeiten ist. Aber unruhiges Arbeiten kann auch durchaus Spaß machen kann.«

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