08.03.2013

Schalke - BVB: Mein königsblauestes Derby

Schinken, Käse, rollen

Am 23. September 2000 zerlegte Schalke 04 den BVB im Westfalenstadion in seine Einzelteile. Schalke-Fan Benjamin Kuhlhoff stand 130 Kilometer entfernt, presste Käsemassen in Kochschinkenscheiben und bekam nichts davon mit. Dennoch ist er diesem Tag sehr, sehr dankbar.

Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
Imago

Ein Derby verlangt gewisse Entbehrungen. Von jedem. Das sollte ich im September 2000 am eigenen Leib zu spüren bekommen. Nach einer grauen Vorsaison war der FC Schalke grandios in die neue Runde gestartet. Vor allem die vorab kritisierten Neuzugänge Jörg Böhme und Andreas Möller, der ausgerechnet aus einem Vorort von Lüdenscheid befreit wurde, schlugen ein wie Fausthiebe bei einer zünftigen Kneipenschlägerei. Man kann behaupten, in jenem Herbst erlebte man den vielleicht besten FC Schalke seit Jahrzehnten. Ich war schließlich vollends infiziert, als mir ein Freund eine Karte für das anstehende Derby offerierte. Ich sagte zu und sprach fortan tagelang die heiligen Worte wie ein stilles Gebet vor mich hin: Schalke, Dritter, die Gelben, Zweiter, Westfalenstadion, verbotene Stadt, Spitzenderby.

Ein verhängnisvoller Gewissenskonflikt

Für einen Dorfjungen aus dem Osnabrücker Land war es seinerzeit nicht leicht, überhaupt einmal ein Derby live im Stadion zu sehen. Tickets: auf normalem Weg unerreichbar. Schwarzmarkt: viel zu gefährlich. Anfahrt auf gut Glück: viel zu teuer. Mindestens ebenso schwierig: eine romantische Liaison mit der Dorfschönheit, die unnahbarer daherkam als ein Meistertitel für Königsblau. Sie blieb ein Traum. Ein verdammt schöner Traum.

Und genau hier lag das Problem, denn drei Tage vor dem Derby – ich hatte meine Karte bereits bezahlt und erdbebensicher geschützt – lud mich jene Prinzessin überraschend zu ihrer Geburtstagsparty ein. Termin: 23. September 2000. Derby-Samstag. Ihre Einladung stellte mich vor einen Gewissenskonflikt, der mich – ohne es da bereits zu ahnen – bis an das Ende meines Lebens verfolgen wird: Fußball oder Mädchen? Meine Hormone entschieden sich für das Mädchen. Der Rest von mir verkaufte mein Ticket.

Nur zum besseren Verständnis: Der FC Schalke hatte zu diesem Zeitpunkt seit drei Jahren kein Derby mehr gewonnen. Ich, Pessimist auf Lebenszeit, malte mir aus, wie ich am Samstag um 18:00 Uhr am Hauptbahnhof von Dortmund saß: leicht angetrunken, mit einer 0:2-Niederlage im Gepäck, eine vierstündige Heimfahrt vor mir, in der Nase der Geruch von Erbrochenem. Meine Hormone malten hingegen einen buntes Alternativszenario: ich, knutschend mit der Dorfschönheit zwischen Chipsletten und Schnapsgläsern, in der Nase der Geruch des Himmels.

Eine Orang-Utan-Aufgabe

Ich blieb also am Derby-Samstag im dörflichen Idyll zurück. Ein Freund fragte mich zudem, ob ich nicht mithelfen wolle, die Party ein bisschen vorzubereiten. Ich sagte zu, in der Hoffnung schon Mal erste Pluspunkte beim Geburtstagskind zu sammeln. Ja, ich war ein devoter Stelzbock. So stand ich um 15:30 Uhr in der Küche eines Schützenhauses, lauschte der Radiokonferenz und drehte Schinkenröllchen. Schinken. Käse. Rollen. Schinken. Käse. Rollen. Es war eine Aufgabe, die auch auch ein einarmiger Orang-Utan problemlos hätte ausführen können. Doch was tut man nicht alles für ein bisschen Erotik?

Im knapp 120 Kilometer entfernten Westfalenstadion tat sich derweil Unglaubliches. Der FC Schalke überrannte die vollkommen überforderten Gelben. Das 1:0 erzielte Jörg Böhme per Elfmeter, den Emile Mpenza mit der schönsten Schwalbe des Spätherbstes geschunden hatte. Minuten später erhöhte der Belgier auf 2:0. Schalke zerlegte den BVB im eigenen Stadion – und ich rollte wie besessen Schinkenröllchen und pustete Luftschlangen in ein leeres Schützenhaus. Es war erniedrigend. Aber noch lange nicht der Tiefpunkt.

 
 
 
 
 
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