Schachtjor Karaganda – Kasachstans Champions-League-Hoffnung

One Steppe away

Mit Schachtjor Karaganda könnte sich heute Abend erstmals ein kasachischer Verein für die Champions-League-Gruppenphase qualifizieren. Mit einem 2:0 im Rücken tritt der Landesmeister in Glasgow an und vertraut auf einen blutigen Glücksbringer.

Die Celtic-Fans, die 6000 Kilometer Anreise auf sich genommen hatten, waren sich über die grundlegenden Unannehmlichkeiten im Klaren: Retorten-Architektur, überprivilegierte Obrigkeit, Mondpreise für Bier. In Astana, der Hauptstadt eines Landes, das es seit knapp zwei Jahrzehnten gibt, ist vieles anders als im heimischen Glasgow.

Und doch gerieten die Reisestunden bis Astana, wohin Schachtjor Karaganda zu Heimspielen im europäischen Wettbewerb lädt, zu einer Zeit überschaubarer Sorgen. An ein sportliches Scheitern verschwendete jedenfalls keiner der Celtic-Anhänger einen Gedanken. Denn Karaganda ist ein Dritte-Welt-Land des europäischen Fußballs. »Unser Gegner ist uns noch nicht sehr bekannt«, umriss Celtic-Coach Neil Lennon diplomatisch sein Wissen zum Gegner. Auch die Informationen auf der offiziellen Homepage der Uefa waren dürftig. Schachtjors Weg in die letzte Qualifikationsrunde, der immerhin über Bayern-Bezwinger BATE Baryssau führte, beschrieb der europäische Fußballverband als »Aufstieg aus der Dunkelheit«, denn Schachtjor ist seit jeher der Verein der Bergarbeiter Kasachstans. Ansonsten? Der Deutsch-Kasache und ehemalige Cottbuser Konstantin Engel ist in Karaganda geboren, und vielleicht werden sich deutsche Fußballfans deswegen an die Stadt erinnern. Oder auch nicht.

Dem Rauchen abschwören

Also ein bisschen Basiswissen Wikipedia: Karaganda ist mit knapp 500.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt des Landes. Die Region war einst für Arbeitslager (»Archipel Gulag«) und Atomtests bekannt. Ihr Verein Schachtjor ist nach Kairat Alma-Ata die historisch zweitbeste Mannschaft Kasachstans. Seit der Gründung der nationalen Premjer-Liga 1992 spielt Schachtjor ununterbrochen erstklassig, hatte 2008 aber großes Glück, im Zuge eines verschobenen Spiels nicht den Gang in die Zweitklassigkeit antreten zu müssen. Der kasachische Verband beließ es bei neun Punkten Abzug.

Danach landete der Klub einen Coup: man engagierte Wiktor Kumykow. Dessen Trainerkarriere deckte sich bis dato mit dem ländlichen kasachischen Nomadentum – in zehn Jahren Trainertätigkeit hatte er acht Vereine angesammelt. Unter dem Russen konnten die Orange-Schwarzen, mittlerweile gespeist vom weltweit größten Stahlproduzenten »ArcelorMittal«, in den vergangenen beiden Jahren erstmals nationale Meisterschaften gewinnen. Kumykow verprach einmal, seine 35 Jahre währende Raucherkarriere aufzugeben, sollte Schachtjor unter ihm irgendwann in der Champions League auflaufen.

Also schlachtete Karaganda ein Schaf. Und im Anschluss Celtic Glasgow.

Jetzt steht Schachtjor kurz davor. Dabei will man nichts dem Zufall überlassen. Am Tag vor dem Play-off-Hinspiel wurde laut schottischen Zeitungen ein schwarzes Schaf auf den kasachischen Kunstrasen gekarrt, das die Schachtjor-Delegation unter Aufsicht eines Klerikers fachgerecht ausbluten ließ. Das derbe Ritual machte Schlagzeilen. Die Tierschutzorganisation »PETA« reichte bei der Uefa eine Petition ein, die einen Ausschluss des FC Schachtjor Karaganda fordert. »Wir haben nur eine Tradition eingehalten«, entgegnete Trainer Wiktor Kumykow. Und mit Traditionen solle man bekanntlich nicht brechen. Deswegen schlachtete Karaganda ein Schaf. Und im Anschluss die Gäste aus Glasgow.

2:0 schlug der kasachische den schottischen Meister. Mit dem Karma eines traditionellen Ritus und irdischen Mitteln: Celtics Angriffen standen die Latte und Keeper Aleksandr Mokin im Weg. Der Wucht von Schachtjor-Flügelspieler Gediminas Vicius waren die »Bhoys« defensiv nicht gewachsen, der Litauer schleudert seine Einwürfe in den Strafraum wie ein Hammerwerfer. Kapitän Andrei Finontschenko, früher Balljunge bei Schachtjor Karaganda, verwertete einen solchen zur Führung. Sergei Chischnitschenko köpfte nach Vicius' Vorarbeit, diesmal mit dem Fuß, das zweite Tor. Die »Astana Arena« sah eine Sensation. Es war kein Spiel für Ästheten, aber eines für Abergläubige.

Der letztjährige Achtelfinalist und Barcelona-Bezwinger muss den Rückstand heute Abend im »Celtic-Park« wettmachen. Sonst ist Schachtjor Karaganda der erste kasachische Verein in der Gruppenphase der Champions League. Sonst verlieren die Tabak-Konzerne einen treuen Kunden – und mindestens sechs weitere Schafe ihr Leben.

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