San Marinos Ex-Nationaltrainer Giampaolo Mazza

Der Traum vom Sieg

Giampaolo Mazza kennt das Verlieren wie kein anderer. 15 Jahre lang hagelte es für den Nationaltrainer San Marinos Niederlagen. Inzwischen ist er von seinem Posten zurückgetreten. Für die aktuelle 11FREUNDE-Ausgabe #144 näherten wir uns Mazza, als dieser noch in Amt und Würden war. 

Lorenzo Castore
Heft: #
144

Als Giampaolo Mazza 1998 sein Amt antrat, war die Welt noch eine andere. Papst Johannes Paul II. wetterte gegen Abtreibung, Bill Clinton vergnügte sich mit einer Praktikantin und in Deutschland machte sich Gerhard Schröder den politischen Betrieb untertan. Mazza stand schon damals eher unbeteiligt am Rand. Das hat einerseits damit zu tun, dass der 57-Jährige als Bürger des Zwergstaates San Marino sowieso einen distanzierten Blick behalten muss. Andererseits macht er als Nationaltrainer nicht viel mehr, als bei den Länderspielen den Lauf des Schicksals zu beobachten. Coaching ist hier nur in Maßen sinnvoll. Denn einige seiner Spieler könnten empfindlich auf Zwischenrufe reagieren, wenn sie im Angesicht einer verheerenden Niederlage mal wieder gezwungen sind, den letzten Funken Fußballerwürde zu bewahren.

Also bleibt Mazza still. 15 Jahre ist der 57-Jährige nun schon im Amt, so lange wie kaum ein anderer Nationalcoach. Es ist die einzige Rangliste, in der San Marino oben steht. Ansonsten kommt die Nationalelf eher schlecht weg. In der FIFA-Weltrangliste liegt das Land auf Platz 207. Den letzten Rang teilt es sich mit Bhutan in Südasien und den Turks- und Caicosinseln nahe Kuba. 54 Niederlagen gab es zuletzt in Folge. Der eigene, zwischen 1990 und 2004 aufgestellte Rekord von 64 sieglosen Spielen hintereinander könnte also bald Geschichte sein.

Eine naheliegende Frage wäre, warum der freundliche Mazza angesichts dieser katastrophalen Bilanz nie zur Debatte stand. Als Trainer, der vor den Spielen behauptet: »Wir werden sicher verlieren.« Dazu muss man sich zuvor Mazzas 61 Quadratkilometer große Welt vor Augen führen. San Marino ist auf den ersten Blick nicht viel mehr als ein mit Olivenbäumen bewachsener Hügel nahe dem Badeort Rimini. »Titanenfelsen« nennen ihn die Bewohner selbstbewusst. Sie sind stolz darauf, dass es sich bei der Republik um die älteste der Welt handelt.

Nur 32 000 Einwohner hat das Land. Da kommt es vor, dass man einem der beiden Staatschefs in der Bar über den Weg läuft. Die beiden »regierenden Kapitäne« werden alle sechs Monate ausgetauscht. Mazza, der in Genua als Kind zweier Emigranten aus San Marino geboren wurde, ist im Gegensatz dazu die große Konstante des Landes. Doch auch er führt ein bürgerliches Leben – als Sportlehrer an einer Mittelschule.

Er, der früher selbst für Klubs aus San Marino und der umliegenden italienischen Provinz kickte, rekrutiert den Kader aus einem bescheidenen Reservoir. Ganze 15 Teams und fünf Fußballplätze gibt es im Land. Ein einziger Spieler war als Profi in der vierten Liga aktiv, alle anderen sind lupenreine Amateure. Ein Barkeeper, Studenten, Steuerberater, Unternehmer, ein Olivenhändler, Angestellte, Arbeiter. Nicht alle Arbeitgeber gewähren bei Länderspielen Sonderurlaub.

Ersatztorwart Federico Valentini verpasste das Spiel gegen Holland, weil er an dem Tag heiratete. Als Schweden anreiste, rief ihn Mazza in der Mittagspause an. Der Stammkeeper hatte sich verletzt. »Bring deine Torwarthandschuhe mit. Heute musst du gegen Ibra ran.« Schweden gewann 5:0, Zlatan Ibrahimovic gelang kein Treffer.

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