RWO macht aus der Not eine Kunst

Einfach nur Fußball

Die Oberhausener versuchen, normal zu bleiben. So normal, wie man in einer Branche sein kann, die zum Durchdrehen neigt. Der Präsident strippt, die Vips fahren im Linienbus zum Auswärtsspiel – RWO macht aus der Not eine Kunst. RWO macht aus der Not eine KunstImago Hajo Sommers, der Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, hat vor kurzem eine schwere Niederlage erlitten. Es ging um eine Frage, die in hohem Maße die Außendarstellung seines Klubs tangiert. Die Frage, ob die Spieler des Zweitligisten neue Ausgehanzüge bekommen sollten. Sommers war dagegen. »Ich bin leider überstimmt worden.«

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Sommers ist nicht unbedingt der Anzugtyp. Im richtigen Leben betreibt er eine Kleinkunstbühne in Oberhausen. Die Vorstellung läuft, eine Stunde hat er Zeit, dann muss er zum Umbau in der Pause zurück. Nebenan liegt das Stadttheater, um die Ecke die Theaterkneipe. Hajo hier, Hajo da, Hajo kennen hier alle. Sommers, 49, bestellt an der Theke ein großes Pils, dann geht er rauf in den Raucherraum. Sein kariertes Hemd hängt über den Hosenbund, zur Jeans trägt er Adidas-Turnschuhe. Im Stadion legt Sommers mehr Wert auf sein Äußeres: Dann bindet sich der Präsident einen rot-weißen Schal um den Hals und trägt eine RWO-Kappe auf dem Kopf.

In Oberhausen versuchen sie gerade mit aller Macht, normal zu bleiben. So normal, wie man in einer Branche sein kann, die zum Durchdrehen neigt.

Der Verein ist zweimal hintereinander aufgestiegen, von der Oberliga in die Zweite Liga, er erlebt gerade die Kommerzialisierung im Schnelldurchlauf. Im Sommer mussten sie bei RWO einen neuen Rasenmäher fürs Stadion anschaffen: Die Schnittbreite des alten war fünf Zentimeter zu schmal. Solche Abweichungen von der Norm erlaubt die Deutsche Fußball- Liga nicht. »Kein Scherz«, sagt Sommers. »Das Problem ist, dass es so irgendwann keinen Spaß mehr macht.«

Das mit dem Spaß ist ohnehin so eine Sache. Als Präsident gewöhnst du dir einen anderen Blick an. Wenn Sommers wie früher auf der Gegentribüne sitzt, fernab von den Vips und Honoratioren, guckt er erst mal, was die Polizei macht, wie die Ordner sich verhalten, was die Supporter im Nachbarblock veranstalten – danach kümmert er sich ums Spiel. Wenn nicht gerade jemand wissen will, wieso die Lautsprecheranlage eigentlich nicht richtig funktioniert? »Is’ kaputt!«, ruft Sommers.

Der moderne Fußball und seine Auswüchse: Bei RWO haben sie sich ein hohes Erregungspotenzial erhalten. »Es geht nur noch um Kohle«, sagt Hans-Günter Bruns, der Sportdirektor. Schon als Spieler bei Borussia Mönchengladbach, damals in den Achtzigern, hat er sich eine gewisse Distanz zum Geschäft bewahrt. Seitdem ist alles nur noch schlimmer geworden, findet Bruns. »Die Starallüren, das Gehabe, dieses ganze Bohei – da wird einem schwindelig.«

Starallüren? Gehabe? Bohei? Nicht in Oberhausen. Im Stadion Niederrhein, Baujahr 1926, zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal gelegen, ist der Fußball noch so, wie er früher war. Von der Haupttribüne blickt man über den historischen Uhrenturm, der die Gegentribüne in zwei Hälften schneidet, hinüber zum Gasometer. Aus den Boxen kracht eine Techno-Version der Bergarbeiterhymne »Glück auf, der Steiger kommt«. Es ist die alte Bier-und-Bratwurst-Glückseligkeit. Die Fans in den Kurven stehen weit weg vom Feld und haben nicht mal ein Dach überm Kopf, aber selbst die Vips werden nass, wenn sie bei Regen aus ihrem Zelt über die Straße ins Stadion müssen. Dafür bekommen sie hier ehrlichen Fußball geboten. »Er ist zumindest ehrlicher als bei den meisten anderen Vereinen«, sagt Bruns. »Wir machen viele Dinge nicht, die andere Vereine machen.«

Dafür machen sie Dinge, auf die andere im Traum nicht kämen. Im Sommer, nach dem zweiten Aufstieg hintereinander, ist Bruns als Trainer zurückgetreten. Es war sein größter sportlicher Erfolg, aber die Aussicht auf Profifußball hat ihn eher abgeschreckt. »Das mit der Öffentlichkeit war nie mein Ding«, sagt Bruns. Also hat er seinen Posten einfach mit Jürgen Luginger getauscht. Luginger, 41, ist jetzt Trainer, Bruns, 54, als Sportdirektor der neue Vorgesetzte seines alten Vorgesetzten.

Legendär ist auch der Ausflug nach Düsseldorf, den der Verein vorige Saison für seine Vips organisiert hat. Mit drei Linienbussen fuhren die Wichtigen zum Auswärtsspiel. Es gab Flaschenbier und Prosecco aus der Dose, und nach der Ankunft musste die Reisegesellschaft noch ein paar Kartons mit RWO-Devotionalien ins Stadion schleppen. »Das hat mehr gebracht als 400 Gala-Vip-Empfänge«, sagt Präsident Sommers.

Im Grunde hat RWO das Zeug zum Kultklub – wenn RWO nicht RWO wäre. »Absoluter Asi-Klub, lauter Idioten, Doofmannsgehilfenvolk – das war der Ruf«, sagt Sommers. RWO wurde erst interessant, als der Präsident auf der Bühne gestrippt und im Theaterstück »Ganz oder gar nicht« seinen nackten Hintern gezeigt hat. Seitdem gilt der Klub als St. Pauli des Ruhrgebiets. »Ich hasse den Vergleich«, sagt Sommers, der in der Anti-AKW-Bewegung aktiv war und in Oberhausen ein linkes Jugendzentrum mitgegründet hat. »Ich wäre gerne das St. Pauli des Ruhrgebiets. Aber St. Pauli hat einen Totenkopf als Logo, wir haben ein Kleeblatt.«

Selbst in Oberhausen war der Verein verpönt. RWO hat gerade 1000 Mitglieder – allein 3000 Oberhausener aber besitzen eine Dauerkarte für Schalke. Der Klub muss sich in einem schwierigen Umfeld behaupten, mit den Traditionsklubs Schalke, Dortmund, Gladbach quasi um die Ecke. »Früher hat sich in der Stadt keine Sau dafür interessiert, ob wir gespielt haben oder nicht«, sagt Sommers. Das ändert sich gerade. Der Verein hat seine Spieler zur Imagewerbung sogar in Schulen geschickt, und wer sich jetzt in Oberhausen zu RWO bekennt, »wird dafür in seiner Klasse wenigstens nicht mehr verhauen«.

Ein Freitagabend zu Saisonbeginn. Es regnet auf die Tartanbahn, das Flutlicht brennt, die Anzeigetafel hat den Geist aufgegeben. 4300 Zuschauer sind zum Duell gegen Ahlen gekommen, Aufsteiger genau wie RWO. »Kühe, Schweine, LR Ahlen!«, rufen die Fans. Aber die Provinz schlägt zurück. Ahlen gewinnt 3:1. »Wir kommen aus der Vierten Liga, und so gehen wir auch wieder zurück in die Vierte Liga!«, mault jemand auf dem Weg aus dem Stadion. »Pappnasen sind das.«

Es ist die dritte Niederlage im vierten Spiel, nach sechs Spieltagen liegt RWO mit drei Punkten auf dem letzten Tabellenplatz. Ob Luginger noch der Richtige ist? »Einigen Leuten fehlt ein bisschen das Kurzzeitgedächtnis«, sagt Bruns. »Die Leute müssten jedem Spieler die Füße küssen. Aber es ist kein Respekt da. Der Verein war doch schon tot.«

Noch immer arbeitet sich RWO an den Altlasten ab, wenigstens die Trümmer sind inzwischen weggeräumt. Vor drei Jahren stand der Verein vor der Insolvenz, der Geldgeber war plötzlich weg, die Mannschaft von der Zweiten Liga in die Oberliga durchgerauscht. Der Aufsichtsrat hat damals überlegt, ob es nicht besser wäre, in der Kreisliga neu anzufangen. Was seitdem passiert ist, ist eine fast beispiellose Erfolgsgeschichte: Hoffenheim ohne Hopp sozusagen.

14 Prozent Arbeitslosigkeit, 1,5 Milliarden Euro Schulden, die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in ganz Nordrhein-Westfalen – das ist Oberhausen. Ohne Zustimmung der Bezirksregierung darf die Stadt keinen Cent ausgeben. Im Sommer hat der Verein die Kabinen des städtischen Trainingsgeländes auf eigene Kosten renovieren lassen. »Der Schimmelpilz fiel von den Decken – mit dem Beton«, sagt Präsident Sommers. »So was findest du sonst nur noch in Albanien.«

RWO vermarktet den Mangel nahezu perfekt. »Wir haben alles außer Kohle«, heißt das Motto, das den Werbeauftritt des Vereins durchzieht. Gerade mal drei Millionen Euro stehen RWO für die Zweitligamannschaft zur Verfügung. »Wir haben dem Verein kein Image aufgedrückt«, sagt Sommers. »Dass wir keine Kohle haben, ist ja keine Erfindung.« Das ist so, und das bekommen auch die Profis zu spüren. Sportdirektor Bruns hat bei Verhandlungen Spieler erlebt, »die haben sich flach gelegt vor Lachen«. Doch wenn alles gut läuft, wird der Verein in diesem Jahr zum ersten Mal etwas von seinen 2,2 Millionen Euro Schulden abzahlen können.

Auf jeden Fall hat RWO jetzt ein Gesicht – und keine Fratze mehr. Als Jürgen Luginger um die Jahrtausendwende für den Klub gespielt hat, war die Mannschaft eine planlos zusammengestoppelte Söldnertruppe mit Spielern aus zwölf Nationen. »Außer mir gab es noch drei oder vier, die Deutsch sprachen«, sagt Luginger. Jetzt kommen fast alle Spieler aus der Region. Für Präsident Sommers ist das kein Dogma, »aber was wir nicht werden wollen, ist ein Fremdsprachenverein – weil es sonst nicht funktioniert, zumindest nicht, wenn die Mannschaft eine Mannschaft sein soll«.

Nach anfänglichen Problemen mit der neuen Liga funktioniert die Mannschaft jetzt. Am Ende der Hinrunde, nach Siegen unter anderem gegen Mainz und Kaiserslautern, liegt RWO auf Platz 13, sechs Punkte vor einem Abstiegsplatz.

Manchmal wird der Verein vom eigenen Erfolg überrascht. Kurz vor Weihnachten: Der MSV Duisburg ist zu Besuch, das Stadion voll, sogar die Anzeigetafel in der Kanalkurve funktioniert. Einigermaßen jedenfalls. 9112 Zuschauer werden dort vermeldet, der Stadionsprecher hat 15 120 durchgegeben, die meisten kommen sowieso aus Duisburg. Hajo Sommers hat dem MSV-Präsidenten Hellmich über die Stadionzeitung ein freundliches »Willkommen in Oberhausen, Walter« zukommen lassen. Ein Jahr ist vergangen, seitdem Hellmich in einem Fernsehinterview über meuternde MSV-Fans gesagt hat: »Diese Chaoten sollen nach Oberhausen oder sonst wohin gehen.«

Damals spielte Duisburg noch in der Bundesliga, Oberhausen zwei Klassen darunter. Schon deshalb hat sich Sommers auf dieses Derby gefreut. Aber RWO kommt vor lauter Angst kaum aus der eigenen Hälfte. Der MSV gewinnt 3:0.

Acht Spieler haben an diesem Nachmittag auf dem Platz gestanden, die schon in der Oberliga für RWO gespielt haben. Der Weg mit einer punktuell verstärkten Bezirksauswahl wird irgendwann an sein Ende kommen. Das wissen sie auch in Oberhausen. »Wir gehen davon aus, dass wir die Zweite Liga halten«, sagt Sommers. »Sollten wir das nicht schaffen, würden wir uns auch nicht umbringen.«

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