05.06.2014

Russland setzt erneut auf Alleskönner Zhirkov

Yuri, das Monster

Seinen Zenit hat Yuri Zhirkov bereits überschritten. Doch die WM ist seine vielleicht letzte Chance, noch einmal der ganzen Welt zu beweisen, was für ein großartiger Fußballer er ist.

Text:
Anton Matveev
Bild:
imago

»Zhirkooooov!« schreit der Kommentator in die Nacht des 19. Oktober 2010. Ein verrücktes Tor gegen Spartak Moskau, ausgerechnet jener Verein, der ihn 2003 nicht haben wollte, ist das erste (und einzige) Tor des Russen Yuri Zhirkov im Trikot des FC Chelsea. Es ist ein russischer Kommentator, der diesen Treffer beschreit – und er er betont den Namen seines Landsmannes erstaunlicherweise so, wie es seine Kollegen aus England getan hätten. Ein Jahr hat der FC Chelsea auf das erste Tor seines Neuzugangs warten müssen. Es scheint, als habe sich Zhirkov diesen Treffer aufgehoben. Für den ganz besonderen Moment der Genugtuung.

Das junge Talent ernährte die Familie – im wahrsten Sinne des Wortes

Der russische Fußball ist gegenwärtig nicht gerade mit Spielern gesegnet, die man gemeinhin als »schlafende Riesen« bezeichnen würde. Roman Pavlyuchenko, das war es dann auch. Falsch. Es stimmt, dass Nationaltrainer Guus Hiddink dieses Urteil lediglich über den ehemaligen Stürmer der Tottenham Hotspur fällte. Aber eines dieser »Fußball-Monster« entwickelte sich auch in einem geheimen Laboratorium, das wir an dieser Stelle der Einfachheit halber Tambov nennen wollen. In Tambov, einer Stadt in den Weiten Sibiriens, wurde unser Gigant geboren. Hier lernte er das Fußballspielen – und zwar nicht nur aus Spaß an der Sache, sondern um dem Elend der Armut zu entfliehen. Für die Familie war der kleine Yuri ein Versprechen für die Zukunft. Das ist im Falle Zhirkovs keine Floskel: Bereits als Teenager zeigte er bei Turnieren sein außergewöhnliches Talent. Bezahlt wurde er mit Essen, das im bettelarmen Haushalt Zhirkov dringend benötigt wurde.

Als er bei besagten Turnieren immer besser wurde, nahmen auch die großen russischen Klubs Notiz von diesem Talent aus Sibirien. Darunter auch Sparta Moskau, doch der damalige Trainer Oleg Romantsev verhinderte schließlich den Kauf des Jünglings, er sei zu dünn und schwächlich für die russische Elite, so Romantsev. Das war 2003, sechs Jahre später sollte Zhirkov in die härteste und beste Liga der Welt wechseln. Wie man sich täuschen kann. Statt Sparta machte Stadtrivale ZSKA 2004 das Rennen um das Talent. Schon in seinen ersten Spielen für den neuen Klub stellte Zhrikov sein Können unter Beweis. Ein Jahr später führte er seine Mannschaft zum Triple aus Meisterschaft, Pokal und Uefa-Cup-Sieg, bereits 2004 hatte er sein Debüt in der Nationalmannschaft gefeiert. Ein russischer Star war geboren. Und die Fans von Spartak Moskau bissen sich beim Gedanken an die verpasste Gelegenheit beinahe die Unterlippen ab. Man stelle sich das vor: Als wenn der FC Liverpool den jungen Wayne Rooney einst aussortiert hätte, nur um Jahre später von den Fans von Manchester United die lange Nase gezeigt zu bekommen. Kein schönes Gefühl, nicht wahr?

Zhirkov wollte zu den Bayern, die Bosse entschieden sich für Chelsea

Die folgenden Jahre begeisterte er fortan mit den ihm so typischen Fähigkeiten: messerscharfe Flanken und Pässe in die Spitze, schnelle Antritte in die Offensive, Zweikampfstärke – aus dem einst zu dünnen Teenager wuchs in Rekordzeit ein echter Allrounder. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Größen Europas bei den Verantwortlichen von ZSKA vorstellig werden würden. Spätestens nachdem Zhirkov bei der Europameisterschaft 2008 ein überragendes Turnier geboten hatte und als Belohnung in die »Elf des Turniers« gewählt wurde. Letztlich machte der FC Chelsea das Rennen, dabei wäre Zhirkov eigentlich beinahe zum FC Bayern gewechselt. Die Münchener hatten dem Russen ein großzügiges Angebot unterbreitet und der ließ sich in Interviews mit den Worten zitieren: »Der deutsche Fußball und die deutsche Kultur passen einfach besser zu mir.« Doch weil zwei gute alte russische Geschäftspartner, ZSKA-Präsident Evgenyi Giner und ein gewisser Roman Abramovich, über Zhirkovs Zukunft entschieden, landeten der schließlich 2009 beim FC Chelsea.

 
 
 
 
 
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