19.03.2014

Russland-Legionär und Ukrainer: Anatolij Timoschtschuk im Zwiespalt

Der ungehörte Friedensengel

Anatolij Timoschtschuk ist Ukrainer. Und Profi des heutigen Dortmund-Gegners Zenit St.Petersburg aus Russland. Mit seinem Verhalten im Zuge der Krim-Krise hat sich der ehemalige Bayern-Spieler Respekt verdient.

Text:
Thomas Dudek
Bild:
imago

Wie und wo lasse ich meine Laufbahn ausklingen? Diese Frage beschäftigt viele namhafte Profis ab einem bestimmten Alter und lässt sie an die unterschiedlichsten Orte dieser Welt verschlagen. Raul lässt sich den Spätherbst seiner Karriere mit Petrodollars in der Wüste von Katar versüßen. Alessandro der Piero geht mit seinen fast 40 Jahren noch unter der Sonne Australiens auf Torejagd. Thierry Henry und Robbie Keane fungieren als sportliche Aushängeschilder der MLS.

Eine Ikone der Petersburger Fans

Anatolij Timoschtschuk hat dagegen einen anderen Weg eingeschlagen. Nach vier Jahren bei Bayern München, kehrte er wieder zu Zenit St. Petersburg zurück. Mit den Bayern holte Timoschtschuk zwar das Triple, doch seine sportlich beste Zeit hatte der heute 34-Jährige zwischen 2007 und 2009 an der Newa. Während der Defensivmittelfeldspieler in München niemals über die Rolle eines Edelreservisten hinauskam, gehörte er in Sankt Petersburg zusammen mit Andrej Arschawin, Martin Skrtel, Wjatscheslaw Malafejew und Pawel Pogrebnjak zu den Leistungsträgern jener Mannschaft, die 2008 den UEFA-Cup gewann und dabei auch Bayer Leverkusen, Nürnberg und Bayern München deklassierte. Ein Erfolg, der Timoschtschuk nicht nur zu einer der Symbolfiguren für den Aufstieg Zenits vom russischen Durchschnittsverein zum europäischen Topklub werden ließ, sondern auch zur Ikone der Petersburger Fans.

Doch die innige Liebesbeziehung zwischen Timoschtschuk und Zenit St. Petersburg wurde in den vergangenen Wochen auf eine harte Belastungsprobe gestellt. Grund dafür sind nicht die sportlichen Probleme des heutigen Dortmunder Champions League-Gegners, sondern die Politik. Denn mit Timoschtschuk spielt ausgerechnet ein Ukrainer bei dem Verein, dessen Besitzer besonders eng mit dem Kreml verknüpft ist. Seit 2005 befindet sich Zenit im Besitz des staatlichen Energiekonzerns Gazprom.

»Wir sind eins. Wir lieben die Ukraine«

Das hat Timoschtschuk nicht davon abgehalten, sich gegen die aktuelle Politik Russlands gegenüber seinem Heimatland auszusprechen. Zwar nicht direkt, aber trotzdem mit einer Aussage, die sowohl in der Ukraine als auch in Russland jeder verstanden haben dürfte. »Wir sind eins. Wir lieben die Ukraine«, twitterte der Kapitän der ukrainischen Nationalmannschaft Anfang März aus Zypern, wohin die Co-Gastgeber der EM 2012 ihr Länderspiel gegen die USA wegen der angespannten politischen Lage verlegen mussten. Zeitgleich veröffentlichte Timoschtschuk, so wie seine Nationalmannschaftskollegen, ein Internetvideo, auf dem er sich für die Einheit und den Frieden in der Ukraine ausspricht. »Kiew, Donezk, Dnjepropetrowsk, Charkow, Odessa, Lemberg, Sewastopol, Luzk. Das ist alles Ukraine. Seien wir geeint in dem was wir lieben. Wir lieben die Ukraine«, appelliert Timoschtschuk in dem knapp 30-sekündigen Clip. In den darauffolgenden Tagen, als auf der Halbinsel Krim die von Moskau protegierte Krim-Regierung den Anschluss an Russland vorantrieb und es im Osten der Ukraine zu weiteren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen pro-russischen und pro-westlichen Ukrainern kam, veröffentlichte der Profi weitere Appelle via Twitter, Facebook und seiner Internetseite.

 
 
 
 
 
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