Einer, der solche Gesänge während seiner langjährigen Funktion als Capo – als Vorsänger der Ultras – nie angestimmt hatte, gab zuletzt gegen den FC Bayern den Ton im Block 42 an.
Niko Offert. Der Abgang des »Capos« war wochenlang Gesprächsthema Nummer eins unter Fortuna-Fans. Offerts jüngere Nachfolger am Megaphon sind mit Leidenschaft bei der Sache, oft erreichten die von ihnen initiierten Gesänge aus der Support-Area aber nicht mehr die Geraden der Arena. So lag über der Südtribüne häufiger ein Gesangswirrwarr.
Bis heute beschäftigt Offerts plötzlicher Rückzug die Fans, zumal er eine Erklärung schuldig blieb und schweigt. Trotz hundertfacher Sympathiebekundungen allein im Netz äußerte er sich nur nichtssagend auf Facebook. Er könne sich »nichts Schöneres vorstellen« als »weiterhin Gänsehaut zu bekommen, wenn wir gemeinsam mit tausenden von Leuten den Gegner aus der Kurve brüllen«. Trotzdem wolle er »kürzer treten«, weil seine »Person zu stark polarisiert«. Wenn ein Vorsänger so defensiv auftritt, der dem ZDF einmal erklärte, eine Profilneurose habe ihn ans Capo-Mikro geführt, verwundert das Außenstehende. Zumal sich sein früheres Sendungsbewusstsein und das neue Klima im Fortuna-Block beißen: So sagte er gegenüber stadionwelt.de vor Jahren einmal, dass »Antirassismus und Antifaschismus einfach zu einem gesunden Menschenverstand gehören«. Das vertrat er – offensiv.
Die »Halsabschneider«-Geste für den Vorsänger
Kritiker sahen in ihm zwar einen sturen Alleinherrscher. Trotzdem nähren zwei Vorfälle den Verdacht, dass er nicht nur wegen Ultra-interner Meinungsverschiedenheiten verstummte. Es ist ein offenes Geheimnis auf der Südtribüne, dass Offert während des zweiten Bundesliga-Heimspiels von Männern im Oberrang mit der »Halsabschneider«-Geste bedroht wurde und vor dem Auswärtsspiel in Mainz von einem »Bushwhackers«-Mitglied zu Boden geschlagen wurde. Eine auf Offert geworfene Flasche verfehlte ihn in Mainz nur knapp und traf einen Unbeteiligten. Der musste ins Krankenhaus gebracht werden.
Strafanzeigen liegen der Polizei zu den Attacken aber nicht vor. Das Wir-Gefühl ist eben eine der größten Stärken der Fankultur – und ihre größte Schwäche. Fortunen schwärzen keine Fortunen an.
Der Punk spielt im Stadion auch mal »Schrei nach Liebe«, den Anti-Nazi-Song der Ärzte. An die Adresse der Schläger schrieb er im Forum: »ne dicke nase ändert nichts an meiner musik, an meiner einstellung oder wie auch immer. ich gebe euch keinen zentimeter breit!!!!!« Dieser Ansage stimmten »90 registrierte Benutzer zu 1895% zu«.
Die überwältigende Mehrheit der Fortuna-Fans wird das genauso sehen.