03.08.2007

Rostocks Superlativ

Die tapfersten Auswärtsfahrer

780 Kilometer bis nach München: Kein Klub liegt verkehrstechnisch so ungünstig wie Hansa Rostock. Die Fans brechen alle zwei Wochen zu kleinen Weltreisen auf. Unser Hansa-Experte Tobias Börner hat sie begleitet.

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Es dämmert bereits in der bayrischen Landeshauptstadt, doch noch schläft sie tief und fest an diesem Sonntagmorgen im Mai. Das sonst rege Treiben rund um den Münchner Hauptbahnhof gönnt sich eine Auszeit am Tag des Herrn. Einige wenige Partygänger sind noch auf dem Weg nach Hause, stumm und gezeichnet von der Nacht. Allein die lauten »Auswärtssieg! Auswärtssieg!«-Rufe, führen zu einem jähen Ende der Idylle.



Die Ruhestörer, das sind die Fans vom 1. FC Hansa Rostock, deren Zug eben gerade den Bahnhof der Stadt erreichte. Hinter ihnen liegt eine wahre Ochsentour, ermöglicht durch das Wochenend-Ticket der Deutschen Bahn. Am Abend zuvor verließ der Mob den Rostocker Hauptbahnhof Richtung Stralsund. Von da aus ging es weiter über Berlin, Bitterfeld, Leipzig und Zwickau bis nach Nürnberg. Jeder Bahnhof hielt Umsteigezeiten und einen neuen Zug für die tapferen Begleiter der Kogge bereit. Das letzte Stück von Nürnberg nach München dann an einem Stück. 15 Stunden oder 780 Kilometer dauert dieses Abenteuer und ist die Königsdisziplin der Auswärtsfahrt. Die Anhänger in den mehr als 20 Bussen hatten es da bequemer und mussten lediglich acht bis neun Stunden ausharren.

»Ein Schuss! Ein Tor! Für Hansa!«

Am Ende sind es mehr als 8000 Fans, die ihren FC Hansa beim letzten Auswärtsspiel der Saison 2006/07 in München gegen das Team vom TSV 1860 unterstützen. Dicht gedrängt und über zwei Ränge verteilt, stehen sie in der Gästekurve. Spätestens als aus allen Kehlen »Ein Schuss! Ein Tor! Für Hansa!« ertönt, fühlt es sich an wie ein Heimspiel, und die Anhänger der Löwen haben das Nachsehen. Die Strapazen werden belohnt. Rostock, das in den Spielen zuvor große Unsicherheiten an den Tag legte und drauf und dran war, den sicher geglaubten Aufstieg zu verspielen, nimmt die drei Punkte mit zurück an die Ostsee. Eine Woche später feiern Mannschaft und Fans die Rückkehr in die 1. Bundesliga.

Hansa Rostock mag im finanziellen und personellen Bereich den Konkurrenten aus dem Fußballoberhaus unterlegen sein, doch um den Auswärts-Support muss sich das Team von Trainer Frank Pagelsdorf keine Gedanken machen. Der Gästeblock ist in der Regel proppevoll, und es waren in der vergangenen Saison nicht nur Spiele gegen Teams wie Unterhaching und Braunschweig, die zu Bonus-Heimspielen avancierten. Sei es in Augsburg (770 Kilometer entfernt), Freiburg (930 km) oder Burghausen (860 km), jedes Mal fanden sich trotz größter Entfernungen mehrere Tausend Weiß-Blaue in der Fremde ein.

Nicht anders wird es in der kommenden Spielzeit sein. Die hartnäckigsten Auswärtsfahrer werden am Abend des 17. Mai 2008 auf rund 17?200 Kilometer zurückblicken, die sie für ihren Verein auf sich genommen haben. Denn, frei nach Herbert Wehner, wer hinfährt, muss bekanntlich auch wieder zurückfahren. Nur mal zum Vergleich: Anhänger von Borussia Dortmund besuchen zahlreiche Spiele mit der Straßenbahn und werden, so sie denn alle Auswärtsspiele besuchen, auf vergleichsweise kümmerliche 9990 Kilometer kommen. Eine Zahl, die den hartgesottenen Rostocker Auswärtsfahrer milde schmunzeln lässt.

Für die stets stattliche Füllung des Rostocker Gästeblocks sind allerdings nicht nur Anhänger mit Wohnort Rostock verantwortlich. Hansa hat für einen Klub der mittleren Größe erstaunlich viele Fans im Exil. Was einerseits noch das Kapital aus zehn Bundesliga-Spielzeiten ist, andererseits greift auch der positive Effekt der Landflucht: Viele Menschen, die den wirtschaftlich darbenden Nordosten der Republik verlassen haben, um ihr Glück im Westen zu suchen, nutzen die Chance eines Auswärtsspiels, um ein wenig Heimatgefühl in der Fremde zu genießen.

Robert Schulz, der Koordinator der Auswärtsfahrten ist sichtlich stolz auf die zahlreichen Vielreiser, die ihm die Organisation leicht machen: »Die Wege sind schon weit, aber mittlerweile erstaunen mich die Massen vor Ort gar nicht mehr. Diese Reisen haben einfach eine besondere Tradition in unserer Fanszene und sind das I-Tüpfelchen«. Aber warum diese Torturen, wenn Hansas Siegchancen doch eher gering sind? Der Fanbeauftragte Axel Klingbeil sieht den Grund in den Auswärtsfahrten an sich. »Für viele haben diese Reisen etwas Eigentümliches und versprühen den Hauch von Abenteuer.« Der Weg als Ziel, wenn es am Ende wieder einmal nicht zu den drei erhofften Punkten gereicht haben sollte? »Das kann man so sehen, die Hansa-Fans sind eben sehr leidensfähig. Selbst als wir einmal neun Spiele in Folge verloren hatten, brach der Strom an Supportern nicht ab«, berichtet Schulz. Übrigens: Das Fanprojekt bietet neuerdings ein Auswärtsdauerticket für die ganz tapferen Vielfahrer an.


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