Ronaldo findet seine Form

Selbstloser Egoist

Zwei Tore, zwei Pfostenschüsse, etliche Vorlagen. In Gruppe B besiegt Ronaldo die Holländer fast im Alleingang und gibt sich ausnahmsweise als Teamplayer.

Der kleine große Junge saß mitten auf der Wiese, er winkelte die Beine an und freute sich, dass die Spielkameraden alle ankamen zum Gratulieren, sie herzten ihn und klatschten ihn ab, und der kleine große Junge lachte so befreit, als würde er gerade seinen zehnten Geburtstag feiern.

Cristiano Ronaldo war zufrieden mit sich und der Welt. Und, wichtiger noch, mit Portugal. Und Portugal war zufrieden mit ihm. Das ist so selbstverständlich nicht, denn die Beziehung zwischen Cristiano Ronaldo und Portugal ist keine einfache. Immer wieder werfen sie ihm daheim vor, er nehme die Verpflichtungen für Puurtuuugaaaal nicht so ernst, wie es sich für einen guten Portugiesen gehöre, wo er doch für Real Madrid ein Tor nach dem anderen schieße. So viele, dass es im Nationaltrikot für den Titel des Europameisters reichen müsste, mindestens.

Geck mit zu viel Gel im Haar

Am Sonntagabend hat der prominenteste aller Portugiesen das wahrscheinlich beste Länderspiel seiner Karriere gemacht. Er hat den nicht ganz so unbedeutenden Gegner Holland ganz allein besiegt, mit seinen Finten, Flankenläufen und mit seinen Toren, es waren zwei zum 2:1-Sieg, gleichbedeutend mit der Qualifikation für das EM-Viertelfinale.

Cristiano Ronaldo ist ein großartiger Fußballspieler mit einer nicht ganz so großartigen Beliebtheit beim gemeinen Volk. Er spielt einen Tick zu extrovertiert und hat ein bisschen zu viel Gel im Haar, als dass die Fans ihn richtig lieb haben könnten. Ronaldo gilt als ein Geck, als einer, der den Effekt über die Effektivität stellt und den Erfolg der Mannschaft mit sekundärer Bedeutung straft.

Eine beiderseitige Abhängigkeit

Am Sonntagabend in Charkiw war es anders. Ronaldo lächelte sein freundlichstes Lächeln, er hatte nicht so viel Gel im Haar wie üblich, und er tat so viel für Portugal wie noch nie in seinem 27 Jahre alten Leben. »Es war mir ein Vergnügen«, sprach der Held nach seiner Show und nutzte die Gelegenheit, ein wenig von seinem egoistisch-selbstverliebten Image zu korrigieren: »Ohne die Mannschaft bin ich gar nichts.«

Allerdings wäre auch die Mannschaft gar nichts ohne ihn. Ronaldo ist einer, wie es ihn im Hochgeschwindigkeitsfußball des 21. Jahrhunderts eigentlich gar nicht mehr geben darf. In einem Zeitalter, da taktische Disziplin alle Individualität zu unterdrücken scheint, verdankt ihm der Fußball die Renaissance des Dribblings. Ronaldo hat eine vermeintlich brotlose Kunst wieder zu einem kostbaren Gut gemacht, das dem stromlinienförmigen Spiel ein Stück Schönheit zurückgibt.

Vorbei an Luis Figo

Holland musste zur Wahrung seiner minimalen Viertelfinalchance mit zwei Toren Differenz gewinnen, was eine Konzentration auf defensive Elemente von vornherein ausschloss. Selten hatte Ronaldo so viel Platz, so viel Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bekommen. Die beiden Treffer gegen Maarten Stekelenburg waren die Tore Nummer 33 und 34 für Portugal, damit hat Ronaldo Luis Figo überholt und liegt in der nationalen Rangliste nur noch hinter Eusebio und Pauleta.

Fußball in Portugal ist Fußball von Ronaldo, das mag den Nationaltrainer Paulo Bento ein wenig stören, weil der lieber vom Kollektiv und der Strategie und der Nation spricht. »Das ist ein Erfolg für ganz Portugal«, sprach Bento am späten Sonntag in Charkiw. Doch ein Erfolg, der ohne den prominentesten aller Portugiesen nicht möglich gewesen wäre. Den großen kleinen Jungen unten auf dem Rasen von Charkiw, wo für die Niederländer gerade etwas zu Ende gegangen war, was für Portugal noch lange nicht zu Ende gehen soll.

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