Ronaldinho verlässt Europa

Oh Ronnie!

Ronaldinho, der einst beste Fußballer der Welt, verließ im Januar 2011 den AC Mailand und ging zurück nach Brasilien. Dort will er wieder der Alte werden und sich für die WM 2014 rüsten. Wir glauben nicht mehr daran – leider. Best of 2011: Ronaldinho verlässt Europa

Oh Ronaldo de Assis Moreira, kurz Ronaldinho Gaucho, kürzer Ronaldinho, am kürzesten Ronnie. Oh Ronnie, was tust du uns nur an? Du packst deine Koffer und gehst. Einfach so. Gehst zurück nach Brasilien, nach Rio, nach Hause. Wir bleiben zurück, deine Jünger, die die stille Hoffnung hegten, dass du eines Tages wieder ganz der Alte werden könntest.

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Der alte Ronaldinho, dem wir mit dem immer gleichen Ausdruck zusahen, wie er die Welt der Supertechniker aus den Angeln hob: Mund auf, die Augenbrauen hochgezogen, bedächtiges Schweigen, fassungsloses Kopfschütteln. Der Ronaldinho, an dem der Ball klebte wie frisch erkaltetes Wachs. Der Ronaldinho, der seine Übersteiger nicht ölig dahinrotzte wie sein Dribbel- und Namensvetter Cristiano aus Portugal, sondern zelebrierte wie einen Kindergeburtstag im Freizeitpark. Wir erinnern uns an den Ronaldinho aus den Jahren 2002 bis 2005, der Barcelona, das Fußball-Universum, im Alleingang in seine Einzelteile zerlegte, als wäre es nichts. Der den No-Look-Pass aus den Basketballhallen auf den grünen Rasen importierte. Der durch die Abwehrreihen schoss wie ein Komet im Sturzflug. Unaufhaltsam, den wehenden Schweif aus Haaren immer im Schlepptau.

Ronaldinho – ein Lächeln, so schief wie kindlich

Der Ronaldinho, der nicht müde wurde, die Bluthunde des Fußballs – die Gattusos, Ferdinands, Vieras, Gravesens und wie sie alle hießen – so lange am Nasenring durch die Manege zu führen, bis sie sich am liebsten selbst ins Krankenhaus gegrätscht hätten. Der Ronaldinho, der Oliver Kahn, auf dem Höhepunkt seines ballfressenden Schaffens, einen Freistoß in den Winkel malte – mit nur einem einzigen Schritt Anlauf. Oh Ronaldinho, dein Lächeln, dieser Hybrid aus massiver Zahnfehlstellung und ewiger kindlicher Freude, brannte sich in unser kollektive Gedächtnis. Du brauchtest nicht viel, um uns dieses warme, wohlige Gefühl des Glücks in den Blutkreislauf zu drücken. Und noch weniger, um selbst glücklich zu sein. Du warst ein Dribbeljunkie: Der Ball war dein Heroin, die Gegner deine Dealer. Selbst als einst ein Werbevideo deines Schuhausstatters als Fake enttarnt wurde, zweifelte niemand daran, dass nur einer problemlos den Ball hundertfach jonglieren konnte, um ihn dann zwischendurch drei Mal nacheinander an die Querlatte zu hämmern. Du, Ronaldinho Gaucho.

Ronaldinho – Youtube müsste dich ausbezahlen

Paris lag dir zu Füßen, Barcelona sowieso. Ronaldinho, Youtube müsste dir eine Umsatzbeteiligung auszahlen. Die Fußballwelt schuldet dir noch viel mehr. Vielleicht hat dich aber eben dieser schnöde Mammon so verwirrt. Denn zuerst kam der Surfergruß, dann das Haarband – all diese PR-Attacken. Dann kamen die durchzechten Diskonächte, die hübschen Mädchen und das viele Essen – all diese Attacken des Luxuslebens. Deine Mundwinkel sanken täglich weiter nach unten und dein Körper schien erstmals zu erfahren, was das überhaupt ist, von dem immer alle geredet hatten: diese Schwerkraft. Ronaldinho, aus dem zischenden Kometen von einst wurde ein lahmer, pummeliger, ballverliebter Junge, dem jemand einen tonnenschweren Rucksack aufgesetzt zu haben schien. Beim AC Mailand, der Seniorenresidenz des Weltfußballs, wolltest du uns allen noch einmal den alten Ronaldinho zeigen. Doch wir sahen immer öfter weg. Traurig, verschämt. Das konnten wir nicht mitansehen: Ronaldo de Assis Moreira, kurz Ronaldinho Gaucho, kürzer Ronaldinho, am kürzesten Ronnie – im Geiste noch das alte Spielkind, gefangen im Körper eines Fast-Food-Abhängigen. Deine Bewegungen wirkten müde, zäh wie alte Marmelade, deplatziert, dein Antritt glich dem einer Wanderdüne. In Mailand wurdest du aber nicht der Alte, Ronaldinho, du wurdest älter.

Oh Ronaldinho, was tust du dir nur an?

Ronaldinho, jetzt willst du noch einmal angreifen. Zuhause, in Brasilien, bei Flamengo Rio de Janeiro. Dein Ziel ist die WM 2014 im eigenen Land. Du willst deine Statue zurück, die sie 2006 zerschlugen, als du mit der Selecao aus dem WM-Turnier flogst. Oh Ronnie, wir ahnen das, was du vielleicht schon weißt: Europa wird den alten Ronaldinho nie mehr wieder sehen. Pass auf, Ronnie, denn Brasilien, das Paradies für Fußballgötter, kann schnell zum sportlichen Friedhof werden. Ronaldo und Adriano, zwei weitere Fußballschwergewichte, deine alten Kumpels, haben dort bereits ihre schillernden Karrieren zu Grabe getragen. Bist du der Nächste?  Oh Ronaldo de Assis Moreira, kurz Ronaldinho Gaucho, kürzer Ronaldinho, am kürzesten Ronnie. Oh Ronnie, was tust du dir nur an?

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