31.12.2013

Romarios Wandlung zum Politiker

Bad Boy a. D.

Seite 3/4: Clowns, Fußballer und korrupte Mörder
Text:
Henrik Brandao Jönsson
Bild:
imago

Im Jahr darauf ging Romário, ebenso wie Pelé es getan hatte, in die USA, um seine Karriere beim Miami FC zu beenden. Dort schoss erzielte er noch einmal 22 Tore in 29 Spielen. Ein Grund für dem Umzug war, seiner Tochter die Behandlung durch die besten Ärzte zu ermöglichen, doch als sich herausstellte, dass die Ärzte in Miami auch nicht besser waren als die in Rio, kehrte die Familie nach Brasilien zurück, und Romário unterschrieb zum vierten Mal bei Vasco da Gama, wo er, inzwischen 41 Jahre alt, am 20. Mai 2007 im Spiel gegen Recife sein tausendstes Tor schoss. Danach stürmten hunderte von Reportern und Fotografen den Platz. Romário nahm den Ball, hielt ihn in den Armen und weinte. Wie bei Pelé hatte ein Elfmeter für das große Jubiläum herhalten müssen, aber egal. Zwei Spiele und zwei Tore später beendete Romário seine rekordträchtige Karriere. Wenige Wochen danach erhielt Brasilien den Zuschlag für die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2014.

Der Schritt vom Fußballer zum Politiker ist in Brasilien nicht so groß wie in anderen Ländern. Eigentlich handelt es sich dabei sogar um eine recht konventionelle Laufbahn. Die Stars können sich in der Regel darauf verlassen, die Stimmen ihrer Fans zu erhalten. Als Roberto Dinamite 1992 nach 1110 Spielen und 702 Toren seine Karriere beendete, wurde er zunächst Stadtrat in Rio, danach fünf Mal in Folge ins Parlament des Bundesstaates Rio de Janeiro gewählt und schließlich Präsident von Vasco da Gama. Auch Bebeto ging in die Politik und arbeitet außerdem im Organisationskomitee für die WM.

Wie üblich musste Romário seine früheren Sturmpartner noch übertreffen: Baixinho hat es bis in den brasilianischen Nationalkongress geschafft. Um dorthin zu kommen, braucht man nicht unbedingt hehre Ideale. Rund ein Drittel der Abgeordneten, die in Oscar Niemeyers modernistischem Gebäudekomplex in Brasilia zusammentreten, sind der unterschiedlichsten Vergehen angeklagt, von Stimmenkauf und Geldwäsche bis hin zu Kidnapping, Kokainschmuggel und Mord. Kein Wunder also, dass der Kongress von vielen Bürgern kaum noch für voll genommen wird. Als sich 2010 der landesweit bekannte Clown Tiririca unter dem Motto »Schlimmer geht‘s nimmer – Wählt einfach mich!« um einen Sitz bewarb, erzielte er trotz extrem limitierter Lese- und Schreibfähigkeiten das beste Ergebnis im ganzen Land.

Dass die Brasilianer Clowns, Fußballer und korrupte Mörder in ihr Parlament wählen, liegt keineswegs daran, dass sie bekloppter sind als andere Völker. Das Problem ist ähnlich gelagert wie in Italien: Weil der politischen Klasse kaum noch ehrbare Leute angehören, haben die Menschen auch keine Erwartungen mehr an ihre Abgeordneten. Da kann man die eigene Stimme auch gleich für 20 Dollar verkaufen, statt sie einfach zu verschenken. Mit den Schmiergeldern, die Jahr für Jahr in Brasilien fließen, ließen sich Schätzungen zufolge über 300 000 Krankenhausbetten schaffen, 23 Millionen Haushalte mit einem funktionierenden Trink- und Abwassersystem versorgen oder gut 200 Flughäfen bauen. Angesichts dessen ist es kein Wunder, dass die WM-Vergabe im Kongress begeistert aufgenommen wurde. Die Politiker wussten, dass sie bei der Gelegenheit richtig abkassieren konnten. Die Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2016 an Rio de Janeiro war dann noch eine schöne Zugabe.

Anfang 2012 weilte FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke in Brasilien, um sich vom Fortschritt der Arbeiten an den Weltmeisterschaftsstadien zu überzeugen. Schnell wurde klar, dass es utopisch war, auf die Einhaltung der versprochenen Termine, geschweige denn der avisierten Kosten zu hoffen. Der Umbau des Maracanã hinkte dem Zeitplan ein halbes, der Bau der neuen Arena in São Paulo sogar fast zwei Jahre hinterher, die Arbeiten am Stadion Beira-Rio in Porto Alegre waren sechs Monate zuvor komplett eingestellt worden.

Für die Brasilianer ist das alles keine Überraschung. Je länger sich solche Prozesse hinziehen und je übereilter wichtige Entscheidungen schließlich getroffen werden müssen, desto besser und vor allem profitabler ist die Lage für die Politiker und Baufirmen.

Jérôme Valcke hingegen war bestürzt und genervt. Noch nicht einmal der Vertrag, den die FIFA 2007 mit dem früheren brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio »Lula« da Silva ausgehandelt hatte, war in der Zwischenzeit ratifiziert worden.

»Vor fünf Jahren war alles klar und jetzt will der Kongress nachverhandeln. Das ist Irrsinn«, klagte Valcke. »Lula war anders. Wenn es Probleme gab, fand er Lösungen. Jetzt ist Dilma Rousseff an der Reihe. Ich habe großen Respekt vor ihr, aber sie ist eine sehr ungewöhnliche Brasilianerin. Sie interessiert sich überhaupt nicht für Fußball. Stellen Sie sich das mal vor! Die größte Fußballnation der Welt richtet die WM aus und die Präsidentin interessiert das nicht.« Dem Generalsekretär war zudem nicht entgangen, dass 2014 in Brasilien ein Wahljahr sein wird und der aktuellen Regierung natürlich daran gelegen ist, das Turnier für den Wahlkampf zu nutzen. So plante Präsidentin Rousseff unter anderem, die Tickets für Geringverdiener, Rentner, Studenten und die indigene Bevölkerung zu subventionieren; überdies wollte sie ein Bierverbot im Stadion durchsetzen. »Sorry, aber über Bier können wir nicht verhandeln«, stellte Valcke klar. »Bier ist Teil der WM.«

Einen Monat später hatte der Generalsekretär keine Lust mehr, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Bei einer Pressekonferenz in London verkündete er, Brasilien bräuchte einen »Tritt in den Hintern«, worauf ihn der brasilianische Regierungssprecher »einen verdammten Dummkopf« nannte und Sportminister Aldo Rebelo der FIFA in einem Schreiben mitteilen ließ, eine weitere Zusammenarbeit mit Valcke sei unerwünscht. Ein bereits vereinbarter Inspektionstermin der Stadionbaustellen wurde gestrichen und der Vorsitzende der Regierungsfraktion ließ ausrichten, dass Valcke auch im Kongress eine Persona non grata sei. FIFA-Chef Sepp Blatter war gezwungen, einen Asienbesuch abzubrechen und überstürzt nach Brasilien zu reisen, um die Wogen zu glätten und sich bei Dilma Rousseff zu entschuldigen.

Kaum war der Streit zwischen der FIFA und Brasiliens Regierung beigelegt, musste Ricardo Teixeira, der Vorsitzende des brasilianischen Fußballverbandes, nach 23 Jahren im Amt wegen Korruptionsvorwürfen mit einer erdrückenden Beweislast seinen Hut nehmen. Im Zuge der Ermittlungen war auch sein früherer Schwiegervater João Havelange, FIFA-Präsident von 1974 bis 1998, ins Zwielicht geraten. Sein Amt als FIFA-Ehrenpräsident hat Havelange inzwischen niedergelegt. Sein Ex-Schwiegersohn Teixeira schrieb in seinem Rücktrittsgesuch: »Unser Fußball wurde immer mit zwei Dingen in Verbindung gebracht: Talent und Chaos. Wenn wir gewinnen, liegt es an unserem Talent. Wenn wir verlieren, liegt es am Chaos. Ich habe getan, was ich konnte, um zwischen diesen beiden Dingen einen Ausgleich zu schaffen.« Romário hingegen jubelte auf seinem Twitter-Account: »Ein Krebsgeschwür wurde aus dem brasilianischen Fußball entfernt.« Doch als er erfuhr, wer Ricardo Teixeira nachfolgen sollte, war ihm nicht mehr nach Feiern zumute.

José Maria Marin wurde 1932 geboren und soll während der Militärdiktatur eng mit dem heute international gesuchten Kongressabgeordneten Paulo Maluf verbandelt gewesen sein. Mitte der siebziger Jahre denunzierte Marin einige linke Redakteure der Fernsehanstalt TV Cultura aus São Paulo, woraufhin deren Chefredakteur Vladimir Herzog verhaftet und von den Schergen der Junta zu Tode gefoltert wurde. Der Fall erregte internationales Aufsehen, was die Generäle aber nicht hinderte, Marin 1982 mit dem Gouverneursposten von São Paulo zu belohnen.

Als Brasilien 1990 eine Demokratie wurde, hätte wohl kaum jemand Marin seine Stimme gegeben. Also schlug er stattdessen eine Karriere als Fußballfunktionär ein und wurde einer von fünf Vizepräsidenten des brasilianischen Verbandes. In dieser Funktion fiel er 2012 erneut unangenehm auf, als er bei der Siegerehrung eines Juniorenturniers in São Paulo eine der Medaillen in seine eigene Tasche wandern ließ. Als Romário von Marins Machtübernahme erfuhr, twitterte er: »Jetzt müssen wir auch noch Aids aus dem brasilianischen Fußball vertreiben.«

Die Berufung Marins dürfte aber vor allem Staatspräsidentin Dilma Rousseff nahegehen. Während der Diktatur gehörte sie dem Widerstand an und wurde ebenso wie ihr Ehemann inhaftiert und gefoltert. Marin gehörte damals zu den Befürwortern eigentlich illegaler Folterkammern und hat sich niemals dafür entschuldigt. Stattdessen zählt er zu einer Gesellschaftsschicht, die die Widerständler von damals bis heute als »Terroristen« abstempelt und Folterungen als verdient und allemal gerechtfertigt verteidigt. Was bedeutet, dass die beiden für das Gelingen der Weltmeisterschaft wichtigsten Personen des Landes – die Präsidentin und der Vorsitzende des Fußballverbandes – nichts miteinander zu tun haben wollen. Hinzu kam das Chaos rund um die Generalprobe für die WM, den Confederations Cup. Man kann also schon ein bisschen verstehen, dass Jérôme Valcke fürchtete, die ganze Veranstaltung mitsamt ihrem Slogan »All In One Rhythm« könnte allmählich zur Farce werden.

 
 
 
 
 
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